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Prozess vor dem Schöffengericht kratzt nur an der Oberfläche
Keyless-go-Knacker zu Haftstrafen verurteilt

In Betzdorf fand jetzt vor dem Schöffengericht ein erster Prozess im Zusammenhang mit der Diebstahl-Serie von Fahrzeugen mit Keyless-go-Funktion statt.
  • In Betzdorf fand jetzt vor dem Schöffengericht ein erster Prozess im Zusammenhang mit der Diebstahl-Serie von Fahrzeugen mit Keyless-go-Funktion statt.
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  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

thor Betzdorf. Als Sven P. im Juni dieses Jahres an einem Samstagmorgen von seinem Nachbarn gebeten wurde, doch bitte sein Auto wegzufahren, staunte er nicht schlecht. Ja, er ärgerte sich sogar. Denn eigentlich hatte er seinen BMW wie immer vor der eigenen Haustür in Fluterschen abgestellt – wo er keinen störte. Das Problem an diesem Tag: Das Auto stand 200 Meter entfernt mitten auf der Straße. Kein Wunder, dass der BMW den Poolbau des Nachbarn behinderte. Was war passiert? Sven P. war in der Nacht Opfer jener Bande gewesen, die für zahlreiche Diebstähle von hochwertigen Fahrzeugen mit dem sogenannten Keyless-go-System verantwortlich war. Warum die Tat in Fluterschen letztlich nicht ausgeführt wurde, bleibt unklar.

thor Betzdorf. Als Sven P. im Juni dieses Jahres an einem Samstagmorgen von seinem Nachbarn gebeten wurde, doch bitte sein Auto wegzufahren, staunte er nicht schlecht. Ja, er ärgerte sich sogar. Denn eigentlich hatte er seinen BMW wie immer vor der eigenen Haustür in Fluterschen abgestellt – wo er keinen störte. Das Problem an diesem Tag: Das Auto stand 200 Meter entfernt mitten auf der Straße. Kein Wunder, dass der BMW den Poolbau des Nachbarn behinderte. Was war passiert? Sven P. war in der Nacht Opfer jener Bande gewesen, die für zahlreiche Diebstähle von hochwertigen Fahrzeugen mit dem sogenannten Keyless-go-System verantwortlich war. Warum die Tat in Fluterschen letztlich nicht ausgeführt wurde, bleibt unklar. Eventuell hat die Ausstattung nicht gepasst, es könnte aber auch sein, dass der (Schalt-)Wagen abgewürgt wurde und nicht mehr zu starten war, weil man schon zu weit vom Funksignal des Schlüssels entfernt war.

Vorfälle in zwei Nächten

Drei Mitglieder – zwei Ukrainer und ein Deutscher mit kasachischen Wurzeln – mussten sich jetzt vor dem Schöffengericht in Betzdorf verantworten. Versuchter schwerer Bandendiebstahl, so lautete die Anklage von Oberstaatsanwältin Gertraud Harnischmacher. Die Beschuldigten wurden zu Haftstrafen von jeweils eineinhalb Jahren verurteilt. Das Gericht unter Vorsitz von Melanie Neeb verweigerte Vitali P., Boris K. und Oleg B. dabei eine Bewährung, auch wenn die Angeklagten in Teilen geständig waren.Es ging in Betzdorf nur um Vorfälle in zwei Nächten in Fluterschen und Flammersfeld, insofern kratzte dieser Prozess nur an der Oberfläche, denn die Dimensionen der Straftaten – und unter Umständen auch die Rollen der in Betzdorf Angeklagten – werden vermutlich erst später in vollem Ausmaß zu erkennen sein.
Im Zeitraum von November 2019 bis Mitte 2020 wurden bei einer ganzen Serie im Westerwald und im angrenzenden Nordrhein-Westfalen etliche hochwertige Fahrzeuge gestohlen. Bis auf zwei Mercedes handelte es sich stets um BMW. Immer setzten die Täter Funkwellenverlängerer ein, um mit einem Scanner das Signal des im Wohnhaus liegenden Schlüssels „einzufangen“. Allein bei der Kripo Betzdorf wurden 24 Fälle aktenkundig, ein Kommissar erklärte im Zeugenstand, dass von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden müsse. Viele Besitzer hätten wohl gar nicht gemerkt, dass sich die Bande an ihren Autos zu schaffen gemacht hatte, dabei aber gescheitert war.
Die beiden Ukrainer Vitali P. und Boris K. waren im Juni laut eigenen Angaben nach Deutschland eingereist, um einen Gebrauchtwagen zu erwerben. Dieser sollte dann gewinnbringend in der Heimat verkauft werden. Die Osteuropäer wurden dann aber von einem gewissen Andreas U. angeworben, angeblich die rechte Hand eines Autoteile-Händlers aus dem Westerwald. Auch er konnte mittlerweile dingfest gemacht werden, gegen den mutmaßlichen Kopf der Bande läuft gerade ein Verfahren in Nordrhein-Westfalen. Oleg B., der 1991 aus Kasachstan gekommen war, hatte jedenfalls schon des Öfteren für Andreas gearbeitet – als Fahrer.

Verteidiger sehen keine Bandenmitgliedschaft

Den versuchten Diebstahl des BMW in Fluterschen war den Beschuldigten nicht nachzuweisen, hier waren wohl Andreas U. und ein weiterer Kumpan am Werk. In derselben Nacht erhielt aber auch der Zeuge Christoph Z. in Flammersfeld Besuch. Er sah am nächsten Tag auf Bildern seiner Überwachungskamera, wie sich Männer an seinem Mercedes AMG zu schaffen machten. Schon da befand sich der Autoschlüssel in einer Metalldose, Christoph Z. rüstete anschließend mit einer speziellen Box weiter auf. Und eine Woche später erlebte er ein Déjà-vu: Diesmal erhielt er eine Benachrichtigung über sein Handy, dass sich vor seinem Haus etwas tat. Sofort alarmierte er die Polizei. Nur eine Straße weiter wurde in dieser Nacht auch Guido M. stutzig, als er ein fremdes Fahrzeug mit GM-Kennzeichen bemerkte. Zwei Männer seien ausgestiegen und hätten sich seinem 5er GT (mit M-Paket und weißer Lederausstattung) genähert. Guido M. schaltete das Licht ein und klopfte an die Fenster – die Täter türmten. Auch hier waren es wohl wieder Andreas U. und Komplize – das Trio von der Betzdorfer Anklagebank war da noch zu Fuß auf dem Weg zur potenziellen Beute. Das wurde vor Gericht auch eingeräumt. Andreas U. konnte zunächst im eigenen Auto flüchten, von der Polizei gestoppt wurde das Auto von Vitali, Oleg und Boris. Im Inneren fanden die Ermittler versteckt in den Sitzen das professionelle Equipment zur Entschlüsselung des Keyless-go-Signals. Seitdem sitzen die Männer in unterschiedlichen Justizvollzugsanstalten, um Absprachen zu verhindern. Aus gutem Grund: Bei Zellendurchsuchungen wurden Kassiber mit Aufforderungen gefunden, bloß die Klappe zu halten. Oberstaatsanwältin Harnischmacher forderte für alle drei Angeklagten eine Haftstrafe von zwei Jahren, „auch wenn sie nicht die Köpfe der Bande waren“. Die Verteidiger hingegen plädierten auf Freispruch bzw. Bewährungsstrafen von wenigen Monaten. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Bandenmitgliedschaft, so Rechtsanwalt Thomas Düber.

Gericht folgte der Staatsanwaltschaft

Das Gericht aber folgte weitgehend der Staatsanwaltschaft: „Die Bandenmitgliedschaft war an keiner Stelle fraglich“, betonte Richterin Neeb. Das belege allein der versprochene Lohn: Andreas habe Vitali mitgeteilt, dass er sich bald auch so ein Auto wie die BMW leisten könne. Das Trio habe sich professionell anlernen lassen und sei mit hoher krimineller Energie vorgegangen, so die Vorsitzende, die keine besonderen Umstände für eine Bewährung hatte erkennen können. Nur beim 60-jährigen Oleg B. wurde der Haftbefehl aufgrund der familiären Situation und der geringen Fluchtgefahr zunächst aufgehoben.Die Sache bleibt spannend: Denn parallel wurde gestern Andreas U. von der Staatsanwaltschaft Bonn vernommen. Und er sagte nach ersten Informationen von Neeb aus, dass Oleg und Vitali bei dutzenden Diebstählen mit dabei gewesen seien – das aber konnte im laufenden Verfahren nicht mehr bewertet werden.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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