Klassische Drogenkarriere endete vor Gericht

Angeklagter konsumierte alles und ließ nur »Krötenlecken« aus/Sechs Monate Freiheitsstrafe zur Bewährung

malu Betzdorf. Wegen des Erwerbs und Missbrauchs von Drogen in fast 200 Fällen musste sich jetzt der 21-jährige Abdul K. (Name von der Red. geändert) vor dem Betzdorfer Jugendschöffengericht verantworten.Der junge Mann türkischer Herkunft hatte eine geradezu klischeehafte Drogenkarriere hinter sich, die nicht nur jeder Drogenberater als Paradebeispiel des sozialen Abstiegs deuten kann.

Der junge Türke aus Willroth, der mit 14 Jahren anfing, Marihuana zu konsumieren, war daraufhin nach eigener Schilderung mehr und mehr in die Drogenszene hinein gerutscht. Die Wochenenden, an denen er mit seinen Freunden regelmäßig in Discos nach Bingen, Mainz und Bonn fuhr, wurden ihm zum Verhängnis: Nach und nach probierte Abdul all das aus, was ohne Probleme zu bekommen war. Auf die Frage von Richter Reiner Rühmann, ob er irgendeine Form des Drogenkonsums ausgelassen habe, gab der Angeklagte an, nur das so genannte »Krötenlecken« noch nicht ausprobiert zu haben: Er erläuterte, dass man bei dieser neu entdeckten Art »des Kicks« mit der Zunge über den Rücken einer speziellen Krötengattung lecke, um sich von den Substanzen, die das Tier zur Verteidigung absondert, in einen Rauschzustand versetzen zu lassen.

Schnell wurde klar, dass Abdul über Amphetamine bis Ecstasy immer härtere Drogen konsumierte, was zu einem dramatischen Höhepunkt führte: Aufgrund seines steigenden Heroinmissbrauchs magerte der Angeklagte stark ab und hatte immer häufiger mit massiven Kreislaufproblemen zu kämpfen. Im Zuge dieses körperlichen Verfalls war er schließlich außer Stande, seine begonnene Lehre als Metallbauer fortzusetzen. Schließlich begab er sich freiwillig in eine zweiwöchige Entgiftungskur, seit deren Ende im November vergangenen Jahres er nach eigenen Angaben keine Drogen mehr konsumiert hat.

Soweit die Biografie des Angeklagten, von dessen schonungsloser Offenheit nicht nur Richter Rühmann und Staatsanwältin Tanja Becher zu gleichen Teilen erschreckt und beeindruckt schienen. Auch für die während der Verhandlung anwesende Schulklasse, die eine Studienfahrt zum Gericht Betzdorf unternommen hatte, dürfte die mit leiser Stimme vorgetragene, nichts beschönigende Geschichte des Angeklagten als abschreckendes Beispiel dienen.

»Und wo kam das Zeug her, das fällt ja schließlich nicht vom Himmel?« Diese Feststellung des Richters führte schließlich zum Kernpunkt der Verhandlung: Die das Strafmaß erheblich beeinflussende Frage, ob Abdul Drogen nicht nur konsumiert, sondern auch Gewinn bringenden Handel damit betrieben habe, um somit seine eigene Abhängigkeit zu finanzieren. Zeuge Sascha R., ein Bekannter des Angeklagten, gab an, dass er gemeinsam mit dem Angeklagten Drogen genommen und man sich auch gegenseitig als eine Art »Freundschaftsdienst« kleine Mengen Stoff besorgt habe.

Abdul selbst erklärte, er habe seinen regelmäßigen Rausch mit seinem Lehrlingsgehalt, dem Anhäufen von Schulden bei Bank und Eltern sowie kleinen Betrügereien finanziert. Außerdem gab der junge Mann an, er sei nun »über den Berg« und habe erst vor wenigen Tagen die Chance wahrgenommen, seine Lehre fortzusetzen.

Jugendgerichtshelfer Greb riet, zu Gunsten des Angeklagten das Jugendstrafrecht anzuwenden, da der Beginn der negativen Entwicklung zweifellos in der Jugendzeit liege. Auch Staatsanwältin Tanja Becher hielt wegen der letztlich positiven Entwicklung bei Abdul eine Haftstrafe für nicht angebracht. Da schädliche Neigungen jedoch nicht auszuschließen sind, wurde der Angeklagte von Rühmann nach dem Motto »Hilfe statt Strafe« zu sechs Monaten Jugendstrafe auf zweijährige Bewährung verurteilt. Als weitere Auflagen wurden die Betreuung durch einen Bewährungshelfer, monatliche Drogenscreenings und eine ambulante Drogentherapie festgelegt.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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