„Lange gewachsene Männerfreundschaft“
Körperverletzung in Serie

Am Amtsgericht Betzdorf ist Jochen S. zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Symbolbild: dach

goeb Betzdorf. An ein derartig langes Vorstrafenregister wie bei Jochen S. (alle Namen von d. Red. geändert) konnte sich weder Richterin Anke Puntschuh noch der Staatsanwalt erinnern. Jochen S. war erstmalig schon als soeben Strafmündiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Ingesamt 36 Einträge verlas die Vorsitzende, die ersten stammten aus den 1970er Jahren. Da war Jochen noch ein halbes Kind. Und die Tatsache, dass sie im Bundeszentralregister noch heute abgerufen werden können, weist darauf hin, dass der Angeklagte wieder und wieder gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hat.

Angeklagt war diesmal eine vorsätzliche Körperverletzung. Der Strafverteidiger sprach ironisch von einer „lange gewachsenen Männerfreundschaft“ zwischen Opfer und Täter. Erschwerend kam hinzu, dass für die Strafverfolgung auch „ein besonderes öffentliches Interesse“ ins Feld geführt wurde. Denn: Die gestern verhandelte Tat war zwei Tage vor einer anderen Hauptverhandlung begangen worden, in der das Opfer gegen ebendiesen Täter aussagen sollte.

Fast teilnahmslos und schicksalsergeben blickte der 58-jährige Angeklagte von der Anklagebank aus auf das Geschehen. Schlosser hatte er einst gelernt, nach der Hauptschule, hatte Jahre in seinem Beruf gearbeitet, ehe die Beschäftigung in Gelegenheitsjobs umkippte und in den letzten vier Jahren in die Arbeitslosigkeit mit Bezug von Hartz IV mündete.

Ebenfalls Hartz IV bezieht das Opfer, Raimund O., ähnliches Alter. Beide kennen sich vom Wissener Bahnhof, wo Raimund O. Gelegenheitsjobs ausführt. Dort, so stellte sich heraus, waren sich beide mehrfach über den Weg gelaufen, und stressfrei waren diese Begegnungen nie geblieben.

Hier legte das Gericht große Sorgfalt auf die Abläufe – mit dem Ergebnis, dass rasch klar wurde: Die Aggression ging stets vom Angeklagten aus. Das Opfer war in Sachen Körperverletzung selbst nie in Erscheinung getreten. Raimund O. war in dieser Beziehung wohl immer der „Nehmer“.

Am 1. Dezember 2018 war es wieder soweit. Jochen S. hatte seinen „Freund“ auf dem Wissener Weihnachtsmarkt entdeckt. Er hatte „getankt“, etwa fünf Bier, berichtete der Angeklagte der Richterin. Das deckte sich mit den Aussagen von Raimund O. Der sagte: „Jochen S. ist betrunken und aggressiv gewesen.“ Aber auch er hatte was zu sich genommen, fünf Bier am Stand der Sportfreunde Schönstein und „vier oder fünf Kölsch-Cola“ an einem Nachbarstand, schätzte das Opfer.

Mit seinem Sohn habe er die Atmosphäre des Weihnachtsmarkts genossen, zwischen Christbaum und Kinderkarussell habe er gestanden, als Jochen S. aufgetaucht sei. „Mach Platz, du ...“, habe Jochen S. in aggressivem Ton von sich gegeben, Drohungen ausstoßend. Ihm sei ungemütlich geworden, die Stimmung sei dahin gewesen. Mit seinem Sohn habe er den Markt danach verlassen, so Raimund O.

Damit aber nicht genug. Jochen S. sei ihnen gefolgt, an die 20 Minuten sei das so gegangen, sodass er sich schließlich entschlossen habe, die Polizei anzurufen. Nicht ohne Grund, denn wie sich herausstellte, hatte der Täter schon auf dem Weihnachtsmarkt eine Sache angesprochen, die ihn beschäftigte. „Willst du gegen mich aussagen im Gericht?“, habe er ihn wutschnaubend gefragt. Am 3. Dezember 2018, zwei Tage danach, war eine Verhandlung angesetzt.

Schon einmal hatte das Gericht Jochen S. verurteilt, weil er Raimund O. körperlich angegangen war. Auch am 3. Dezember ging es wieder um einen Angriff. Jochen S. wurde diesmal beschuldigt, ihm eine Verletzung an der Hand zugefügt zu haben. Dafür wurde S. später verurteilt, die Sache ging in Berufung, darüber ist noch nicht entschieden.

In der Rathausstraße kam es dann am 1. Dezember zur Auseinandersetzung. Jochen S. habe „ihm eine gedeut“, wie er sagte, das Opfer strauchelte, blieb nach eigenen Angaben irgendwo mit dem Fuß hängen, schlug hin und bekam von dem Angreifer noch einen festen Tritt in den unteren Rücken. Er musste ins Krankenhaus. „Er hat wohl gehofft, dass ich im Krankenhaus bleiben muss und nicht aussagen kann“, mutmaßte das Opfer.

Doch Raimund O. sagte in dem Prozess aus. Auch zur Verhandlung gestern brachte er ein Attest mit, das ihm eine schwere Rückenprellung und eine Schulterverletzung bescheinigte. Sechs Wochen habe er Schmerzen gehabt, alle drei Tage gab es eine Spritze. Die Aussagen von Täter und Opfer deckten sich insoweit, als dass beide von einem Tritt sprachen.

Das stand im Widerspruch zur Aussage einer 70-jährigen Zeugin, die aus nächster Nähe mitbekommen haben wollte, wie der Angreifer mehrfach auf den am Boden Liegenden eingetreten habe. Nicht ohne Theatralik schilderte sie auch ihr Flehen an den Täter, vom Wehrlosen endlich abzulassen. Umstehende hätten nicht geholfen, stattdessen das Drama mit dem Handy gefilmt. Erst eine Mutter mit Kind habe sich um den Verletzten gekümmert.

Hier hakte der Staatsanwalt nach. Er glaubte ihr nicht, ebenso wenig wie der Verteidiger, der Belastungseifer annahm. Die Zeugin hatte noch Glück, dass die Richterin sie nicht vereidigte und ihre Angaben lediglich als „überzeichnet“ ansah.

Der Staatsanwalt gab in seinem Plädoyer zu bedenken, dass dem Angeklagten jede Einsicht fehle in die Unrechtmäßigkeit seiner Taten. „Er hat die Warnung nicht verstanden“, interpretierte er dessen Verhalten. Schließlich war der Angeklagte bereits einmal für einen Angriff auf das Opfer verurteilt worden, eine zweite Verurteilung drohte zu dem Zeitpunkt. Jetzt verhandele man hier den dritten Übergriff. Absolut inakzeptabel sei das. Er forderte ein Jahr und zwei Monate Gefängnisstrafe ohne Bewährung. „Es ist leider notwendig. Er lässt sich sonst nicht stoppen.“

Jochen S.’ Verteidiger empfand diese Forderung als zu happig, hielt stattdessen acht Monate für ausreichend. Er kenne den Täter noch aus der Grundschulklasse. Der räume zumindest alle Taten ein, „wenn er was ausgefressen hat“. Der Verein „Die Brücke“ sei sehr zufrieden mit der Ableistung seiner Sozialstunden. Und: Nie zuvor habe er schwere Straftaten begangen. Er sei immer ein Kleinkrimineller geblieben.

Richterin Puntschuh verurteilte ihn zu einem Jahr Haft ohne Bewährung. „Ich kann Ihnen das leider nicht zur Bewährung aussetzen“, begründete sie. Es sei nun schon das dritte Mal gewesen, dass er Raimund O. tätlich angegriffen habe, und das auch noch unter laufender Bewährung. Bedenklich stimme sie auch, dass es diese Körperverletzungen erst jetzt gebe, wo er doch Mitte Fünfzig sei.

Zwar sei eine gewisse Enthemmung wegen des Alkoholkonsums dagewesen, aber die Verfolgung des Opfers über 20 Minuten unterstreiche auch hier den Vorsatz. Sie legte ihm außerdem nahe, eine Alkohol-Therapie zu beginnen. Dem stimmte der Angeklagte zu. Er habe auch schon darüber nachgedacht.

Dem Staatsanwalt ließ der Kern des Streits zwischen den Männern doch keine Ruhe. „Wo liegt denn die Ursache dafür?“, wollte er von Jochen S. wissen. „Warum geraten Sie immer wieder aneinander?“ Das bewog den Angeklagten, der den Verhandlungsverlauf bis auf seine anfängliche Einlassung stumm verfolgt hatte, doch zu einem Statement. „Er spielt sich immer als Chef auf“, sagte er ruhig. „Das kann ich nicht leiden.“

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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