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MdB Erwin Rüddel auf Erkundungsreise in Sachen Pflege
„Kompetenzteams könnten für uns ein Modell sein“

Erwin Rüddel im SZ-Gespräch: „Viele Menschen in Deutschland können nicht gepflegt werden, weil es nicht genügend Pflegekräfte gibt. Wir müssen innovativ sein und Tempo machen.“  Foto: goeb
  • Erwin Rüddel im SZ-Gespräch: „Viele Menschen in Deutschland können nicht gepflegt werden, weil es nicht genügend Pflegekräfte gibt. Wir müssen innovativ sein und Tempo machen.“ Foto: goeb
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goeb Betzdorf. Die Menschen in Deutschland werden immer älter und damit gebrechlicher. Das Problem dabei ist, dass die Geburtenquote seit vielen Jahren zu schwach ist und deshalb die „Bevölkerungspyramide“ (Idealfall) aus dem Lot geraten ist. Ohne zusätzlich aus dem Ausland angeworbene junge Pflegekräfte wird es nicht gehen, das hat auch die Politik erkannt.

Die Siegener Zeitung sprach mit dem Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel (CDU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses des Bundestages. Rüddel besuchte kürzlich als Leiter einer Delegation des Fachausschusses das Kosovo und Bulgarien.

SZ: Herr Rüddel, warum müssen Gesundheitspolitiker bis ins Kosovo reisen, um Pflegekräfte anzuwerben? Die Verzweiflung muss groß sein.

Rüddel: Wir benötigen dringend Pflegekräfte in Deutschland.

goeb Betzdorf. Die Menschen in Deutschland werden immer älter und damit gebrechlicher. Das Problem dabei ist, dass die Geburtenquote seit vielen Jahren zu schwach ist und deshalb die „Bevölkerungspyramide“ (Idealfall) aus dem Lot geraten ist. Ohne zusätzlich aus dem Ausland angeworbene junge Pflegekräfte wird es nicht gehen, das hat auch die Politik erkannt.

Die Siegener Zeitung sprach mit dem Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel (CDU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses des Bundestages. Rüddel besuchte kürzlich als Leiter einer Delegation des Fachausschusses das Kosovo und Bulgarien.

SZ: Herr Rüddel, warum müssen Gesundheitspolitiker bis ins Kosovo reisen, um Pflegekräfte anzuwerben? Die Verzweiflung muss groß sein.

Rüddel: Wir benötigen dringend Pflegekräfte in Deutschland. Im vergangenen Jahr waren etwa 40 000 Pflegestellen unbesetzt. Das heißt, wir können den hohen Personalbedarf ohne Kräfte aus dem Ausland nicht decken. Deshalb gehen wir jetzt in Länder, von denen wir uns versprechen, dass wir dort Leute für die Pflege in Deutschland interessieren können.

SZ: Was genau spricht für das Kosovo?

Rüddel:Das Kosovo hat die jüngste Bevölkerung im europäischen Raum und die leidet gleichzeitig unter hoher Arbeitslosigkeit. Außerdem ist die Ausbildung in der Pflege dort sehr gut, mit entsprechend kompetenten Schulen.

SZ: Nimmt man diesen Ländern damit nicht Fachpersonal weg, das sie am Ende selbst brauchen? Heute leiden schon viele Länder unter Ärztemangel, weil die Ärzte u. a. nach Deutschland zum Arbeiten gegangen sind.

Rüddel: Das Kosovo hat viel mehr ausgebildete Pflegekräfte, als in dem Land gebraucht werden. Dort wird noch viel in den Familien gepflegt. Die Menschen sind froh über eine Perspektive. Auch die dortige Regierung ist an Kooperation interessiert, weil das die Sozialbudgets im Land entlastet und die Betreffenden von Deutschland aus Geld an Verwandte schicken. Diese Transferleistungen kommen dann wieder der örtlichen Wirtschaft zugute.

SZ: Leider hört man immer wieder, dass illegale Pflegekräfte aus dem Ausland von Dritten – oft von den eigenen Landsleuten – ausgenutzt werden. Was schafft da Abhilfe?

Rüddel: Pfleger verdienen im Kosovo kaum 500 Euro, da lockt natürlich das höhere Einkommen in Deutschland. Es kommt vor, dass ihnen dubiose Mittelsmänner einen großen Teil davon abknöpfen durch Miete, erfundene Gebühren usw. Wir können da gegensteuern, indem wir für ordentliche Rahmenbedingungen sorgen.

SZ: Wie könnten die aussehen?

Rüddel: Die Menschen benötigen ein Arbeitsvisum, dafür muss aber die Ausbildung in Deutschland anerkannt werden. Und hier liegt im Augenblick das Problem. Über die Anerkennung entscheiden die Bezirksregierungen, und bis dato gibt es leider keine einheitliche Anerkennung der Ausbildung. Praktisch bedeutet das, dass die Bezirksregierungen derzeit nicht nachkommen, das zu benennen, was sie fordern. Eine Vereinheitlichung wäre dringend nötig.

SZ: Konnten Sie vor Ort etwas erreichen?

Rüddel: Delegationsreisen haben in der Regel immer konkrete Auswirkungen. Besser, man schaut es sich vor Ort an, Ausbildungsstätten, Lehrinhalte usw. Wir haben uns fest vorgenommen, das zu standardisieren und zu kontrollieren. Im Kosovo ist man da sehr offen. Das Angebot ging so weit, dass uns angeboten wurde, mit deutschen Prüfern vor Ort die Prüfung auf deutsch abzunehmen.

SZ: Die Delegation war auch in Bulgarien. Kommen von dort auch Pflegekräfte?

Rüddel: Nein, die brauchen die selbst. Aber in Bulgarien gibt es 30 bis 40 gut ausgebaute Reha-Kliniken, von denen wir uns zusammen mit der deutsch-bulgarischen Handelskammer welche angeschaut haben. Der Hintergrund ist, dass wir überlegen, den Patienten die Freiheit zu geben, mit einem festen Satz selbst zu bestimmen, wo sie die Kur antreten. Das kann auch am Schwarzen Meer sein.

SZ: Wie viele Pfleger fehlen in Deutschland?

Das ist schwer zu sagen. Vor drei Jahren ist ein Gutachten in Auftrag gegeben worden, das sog. Rothgang-Gutachten, das noch nicht veröffentlicht worden ist. Man munkelt, dass 50 000 Pflegekräfte gebraucht werden. Trotz größter Bemühungen ist es uns bis jetzt erst gelungen, 400 neue Leute zu gewinnen.

SZ: Klingt ehrlich gesagt unrealistisch, dass es gelingen wird, diese Zahl zu ersetzen.

Rüddel: Jedenfalls nicht nach alten Rezepten. Viele Menschen in Deutschland können nicht gepflegt werden, weil es nicht genügend Pflegekräfte gibt. Wir müssen innovativ sein und Tempo machen. Wir haben uns die Pflege in Skandinavien angesehen. Die Skandinavier bilden Pflegeteams, sogenannte Kompetenzteams. Kompetenzteams könnten auch für uns ein Modell sein.

SZ: Vermutlich sind die Glieder eines Teams ganz unterschiedlich qualifiziert.

Rüddel: Genau. Geführt wird das Team von einer akademisierten Pflegeperson, dann gibt es noch Pflegeassistenten mit zweijähriger Ausbildung, Pflegehelfer mit einem Jahr Ausbildung und nach Bedarf Angehörige anderer Gesundheitsberufe. Das Modell besitzt den Vorteil, dass sich Teams passgenau den Patienten anpassen lassen. Es gibt noch keinen Konsens, aber das wird aktuell diskutiert.

SZ: Wie viele Leute müssen in Einrichtungen examiniert sein?

Rüddel: Zurzeit sind 50 Prozent vorgeschrieben, aber mit dem Modell reichen vielleicht in speziellen Pflegesituationen 35 bis 40 Prozent. Das bringt die Pflege insgesamt in eine verantwortungsvolle Situation.

SZ: Oft ist die Rede davon, dass Pflegeberufe kaum Anerkennung finden. Müsste man die nicht besser bezahlen?

Rüddel: Geld allein wird es nicht richten und kann den Pflegemangel nicht beseitigen, auch wenn die Finanzierung der Pflege nächstes Jahr eines der zentralen politischen Themen darstellt. Dazu gehört eben auch mehr Verantwortung. Es muss zudem Bürokratie abgebaut werden. Der Trend geht auch dahin, Gesundheitsberufe besser zu qualifizieren. Ohne Strukturänderungen in der Pflege kriegen wir den Fachkräftemangel nicht gelöst.

SZ: Was halten Sie von dem Vorschlag der AfD, die Arbeitslosen im eigenen Land zu Pflegern zu qualifizieren?

Rüddel: Darauf hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bereits geantwortet. Pflege kann nicht jeder. Das muss man auch wollen. Neben der Ausbildung ist für den Beruf ein großes Maß an Empathie notwendig. Diese Zahlen würden wir nie erreichen.

SZ: Wenn es gut läuft: Wie viele junge Pflegekräfte aus dem Kosovo könnten eine Tätigkeit in Deutschland aufnehmen?

Rüddel: Mit jährlich 1000 gut ausgebildeten jungen Leuten wäre uns schon sehr geholfen.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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