Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Betzdorfer Traditionsunternehmen Wolf-Garten praktiziert außergewöhnliche Arbeitszeit-Modelle: Vertrauensarbeitszeit und Zeitkonten

damo Betzdorf. Privatdetektive und Stechuhren haben die gleiche Daseinsberechtigung: »Misstrauen braucht Kontrolle.« Auf diese Formel bringt es Andreas Teschner, seines Zeichens Personalreferent beim Betzdorfer Traditionsunternehmen Wolf-Garten. Dort setzt die Geschäftsführung nicht auf Kontrolle, sondern auf Mitarbeitermotivation. Und ein Element, diese zu steigern, ist das Modell der Vertrauensarbeitszeit.

Vertrauensarbeitszeit? »Die Mitarbeiter im kaufmännisch-technischen Bereich können sich ihre Arbeitszeit absolut frei einteilen«, berichtet Teschner. Zwar gibt die Betriebsvereinbarung vor, dass jeder Mitarbeiter im Büro im Jahresmittel 36 Stunden pro Woche arbeiten soll – aber wann er das tut, ist nicht bindend festgelegt.

Ein Beispiel aus der Praxis: Andreas Teschner ist Frühaufsteher; zumeist beginnt er seinen Arbeitstag um 6.45 Uhr, manchmal auch schon früher. Ihm gegenüber sitzt ein Kollege mit ähnlichem Stellenprofil. »Wenn er um 8.30 Uhr kommt, ist das früh«, erzählt Teschner. Dafür bleibt der Kollege dann länger. Ein weiteres Beispiel aus Teschners Alltag: Eine Kindergarten-Versammlung beginnt um 14 Uhr. Während andere Arbeitnehmer dafür einen halben Tag Urlaub nehmen müssen, geht Teschner früher – und arbeitet die Zeit am nächsten Tag nach. Oder am übernächsten, ganz so, wie es seine Tätigkeit erfordert.

Entscheidend ist letztlich nur, ob das Ergebnis stimmt. »Wir haben natürlich Erwartungshaltungen an unsere Mitarbeiter«, berichtet Teschner: »Sie müssen die Arbeit erledigen, für die sie zuständig sind.« Damit hängt es vom Mitarbeiter selbst ab, ob er täglich 10 oder nur 7,5 Stunden für seine Arbeit benötigt. »Ein Mitarbeiter ist nicht dann produktiv, wenn er jeden Tag zehn Stunden an seinem Arbeitsplatz ist – entscheidend ist, was er leistet.«

Bei Wolf-Garten kommt hinzu, dass der Arbeitsaufwand im Laufe eines Jahres stark schwankt. Klar: Wer kauft schon im November einen Vertikutierer? Oder im Januar einen Rasentrimmer? Aber: »Sobald im März die ersten Sonnenstrahlen am Himmel erscheinen, zieht es die Gartenbesitzer in den Baumarkt«, berichtet Teschner. Und dann müssen die Regale voll sein. Ergo: In der Zeit von Januar bis Mai läuft bei der Firma Wolf Garten die Produktion auf Hochtouren.

Logisch, dass dann für die Mitarbeiter mehr Arbeit anfällt. »In der ersten Jahreshälte müssen sie meist länger bleiben. Außerhalb der Spitzenzeiten gibt es dann aber auch schon mal Luft, um einen Nachtmittag im Freibad zu verbringen.« Das Personal freut sich über das Vertrauen, das ihm entgegen gebracht wird – und laut Teschner nutzt es kaum einer aus. Das Vertrauen in die Belegschaft reicht so weit, dass jeder Angestellte bis zu sieben freie Tage im Jahr zum Überstundenabbau nehmen kann. Weil es aber keine Kontrollinstanz gibt, die diese Überstunden zählt, liegt die Kontrolle beim Mitarbeiter selbst. Teschner geht davon aus, dass weit über 95 Prozent der Kollegen ehrliche Selbstkontrolle ausüben.

Für den Betrieb hat das Modell der Vertrauensarbeitszeit finanzielle Vorteile: So fällt ein aufwändiges System zur Erfassung der Arbeitszeit weg, und es ist kein Mitarbeiter nötig, der über die Ist-Stunden der Kollegen Buch führen muss. Wichtiger dürfte aber die Motivationssteigerung sein, schließlich sind zufriedene Mitarbeiter naturgemäß produktiver. »Anfangs konnte ich mir dieses Modell kaum vorstellen, weil ich geglaubt habe, dass jeder Mensch Regeln braucht«, berichtet Claudia Hüsch, die in der Buchhaltung beschäftigt ist. Mittlerweile macht sie sich ihre Regeln selbst und ist rundum zufrieden: »Ich finde dieses Modell sehr positiv.«

Ein ganzer Betrieb ohne Stechuhr? »Nein«, erklärt Teschner, »in der Produktion arbeiten die Mitarbeiter in Gruppen an der Fertigungslinie, da geht es nicht ohne feste Zeiten.« Plausibel: Alle Räder stehen will, wenn ein Arbeiter ausschlafen will? Wohl kaum. Dafür profitieren die Mitarbeiter in der Produktion vom Instrument der Arbeitszeitkonten.

Wenn im Frühsommer die Regale der Baumärkte mit Wolf-Geräten vollgepackt sein sollen, müssen all die Astscheren, Rasenmäher, Vertikutierer und Akku-Scheren natürlich erst einmal produziert worden sein. Und um diese Herausforderung bewältigen zu können, läuft die Arbeit im Frühjahr auf Hochtouren. Hier greifen zwei Komponenten ineinander: Zum einen wird die Mitarbeiterzahl deutlich erhöht, zum anderen die Arbeitszeit eines jeden Kollegen.

Zur Aufstockung des Personals: Wolf- Garten hat in Betzdorf in der Produktion rund 100 festangestellte Arbeiter. In der Zeit der Spitzenproduktion werden Aushilfskräfte mit einem Halbjahresvertrag eingestellt; zusätzlich kommen auftragsorientiert immer wieder Leiharbeiter hinzu. So sind in der Spitze rund 350 Mitarbeiter tätig. Ein Blick in die Hallen unterstreicht den Eindruck eines tüchtigen Bienenstocks: In den einzelnen Produktionslinien ist jeder Arbeitsplatz besetzt. 25 Kollegen fertigen im Winter Hand in Hand einen Vertikurierer – und im Sommer teilen sich zwei Männer die Arbeitsschritte der 25 Kollegen aus dem Winter.

Zur Steigerung der Arbeitszeit: Von Januar bis Mai arbeiten die Kollegen in der Fertigung zwischen 45 und 50 Stunden pro Woche. Diese Überstunden werden nicht bezahlt, sondern auf einem Zeitkonto angesammelt. Wenn dann die Lager voll sind, wird die Produktion massiv gedrosselt – das Wolf-Werk läuft auf Sparflamme. Und die Mitarbeiter feiern ihre Überstunden ab. »Manche Kollegen nehmen ihren Jahresurlaub und ihren Überstunden-Ausgleich am Block. Viele ausländische Kollegen sind dann im Sommer 13,14 Wochen in ihrer Heimat.«

Sascha Deblock ist in der Produktion beschäftigt – und auch wenn er im Winter »manchmal schon etwas geschlaucht« ist, findet er das Zeitkonten-Modell gut. »Im vergangenen Jahr hatte ich im Sommer 16 Wochen Urlaub – das ist doch super. Da hab ich richtig viel Zeit für meine Familie gehabt.«

In einigen Monaten wird das wieder so weit sein, und während dann der Großteil der Berufstätigen den Getränkeautomaten umzingelt und vom Freibad träumt, hat sich Sascha Deblock für zwei, drei Monate von seinem Arbeitsplatz verabschiedet. Und vielleicht trifft er im Freibad ja einen Kollegen aus dem Wolf-Großraumbüro, der lieber am nächsten Regentag ein paar Stunden länger arbeiten möchte…

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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