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Interview mit Elisabeth Emmert, Bundesvorsitzende des Ökologischen Jagdverbands
„Kronzeugen einer ungenügenden Jagd“

Ein Reh in der Morgensonne.
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goeb Wissen. Neben dem Klimastress, dem die Wälder ausgesetzt sind, machen ihnen Reh und Hirsch das Überleben schwer, vor allem verhindere ein überhöhter Wildbestand den Aufwuchs eines artenreichen gesunden Waldes. Damit geht der Ökologische Jagdverband in scharfe Opposition zum DJV, dem größeren Deutschen Jagdverband. Die Biologin Elisabeth Emmert (Wissen) hält auch nichts von der Trophäenjagd. Die Siegener Zeitung bat sie um eine Einschätzung zur Lage des Waldes, des Wildes – und der praktizierten Jagd.

Frau Emmert, wenn Sie – natürlich nur in groben Zügen – den deutschen Wald vom Juni 2020 mit dem vom Juni 2000 vergleichen: Was hat sich verändert?

Die Folgen des Klimawandels, ja, in unserer Gegend eine Klimakatastrophe, sind deutlich sichtbar geworden.

goeb Wissen. Neben dem Klimastress, dem die Wälder ausgesetzt sind, machen ihnen Reh und Hirsch das Überleben schwer, vor allem verhindere ein überhöhter Wildbestand den Aufwuchs eines artenreichen gesunden Waldes. Damit geht der Ökologische Jagdverband in scharfe Opposition zum DJV, dem größeren Deutschen Jagdverband. Die Biologin Elisabeth Emmert (Wissen) hält auch nichts von der Trophäenjagd. Die Siegener Zeitung bat sie um eine Einschätzung zur Lage des Waldes, des Wildes – und der praktizierten Jagd.

Frau Emmert, wenn Sie – natürlich nur in groben Zügen – den deutschen Wald vom Juni 2020 mit dem vom Juni 2000 vergleichen: Was hat sich verändert?

Die Folgen des Klimawandels, ja, in unserer Gegend eine Klimakatastrophe, sind deutlich sichtbar geworden. Aufgrund der nun schon dreijährigen Trockenheit sind auf großen Flächen Fichtenbestände bereits abgestorben, aber auch andere, naturnähere Wälder mit Laubhölzern werden zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Die Dringlichkeit des Umbaus zu naturnahen, arten- und strukturreichen Waldbeständen wird deutlich wie nie zuvor.

Was kann der Wald leisten, um den Klimawandel abzufedern?

Der Wald leistet jetzt schon in Deutschland durch Bindung von 14 Prozent der CO2-Emissionen einen maßgeblichen Beitrag zur Verlangsamung des Klimawandels. Doch der Wald ist auch Opfer des Klimawandels und kann möglicherweise mit den rasanten Veränderungen der Standortbedingungen nicht Schritt halten.

Zum Wald gehört das Wild. Welchen Einfluss besitzen insbesondere die Schalenwildarten Reh und Rothirsch auf die Gesundheit des Waldes?

Reh und Rothirsch können bei nicht an die Lebensraumkapazität angepassten Beständen durch Selektion bestimmter Baumarten in der Verjüngung einen entmischenden Einfluss auf die Waldvegetation haben. D.h., beim Wild beliebtere Pflanzen wie Eiche oder Tanne haben gegenüber weniger gefressenen wie der Fichte keine Chance. Wenn sich Wild und Wald in einer Balance befinden, können alle Pflanzen des Ökosystems Wald aufwachsen. Die waldbaulichen Gutachten zeigen, auch in Rheinland-Pfalz, dass auf der weit überwiegenden Fläche die Wildbestände überhöht sind.
Inwiefern spielen Verbissschäden durch Wildarten eine Rolle bei der Naturverjüngung des Waldes?
Die selektiv wirkenden Verbissschäden bewirken eine Verarmung der Vegetation, man kann geradezu von einem Waldsterben von unten sprechen. Die Verarmung der Vegetation wirkt sich nicht nur bei der natürlichen Verjüngung des Waldes durch Vermehrung der schon im Altbestand vorkommenden Arten aus, sondern verhindert auch den oft dringend nötigen Waldumbau durch die ergänzende Pflanzung weiterer Baumarten, die von Natur aus auf dem jeweiligen Standort vorkommen würden.

Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern recht lange Jagdzeiten. Warum nimmt der Verbiss des Wildes an jungen Bäumen eigentlich nicht ab?

Lange Jagdzeiten bewirken nicht automatisch eine effektive Bejagung des Wildes. Eine Intervalljagd, die in den erfolgversprechenden Zeiträumen konsequent die Chancen zur Wilderlegung nutzt, ist zielführender als eine lange „Belagerungsphase“. Wichtig ist auch die Anwendung sinnvoller und effektiver Jagdmethoden, wie z. B. möglichst revierübergreifender Bewegungsjagden. Dabei werden die im zunehmend „unübersichtlichen“ Wald verborgenen Rehe und Wildschweine durch Treiber und vor allem Hunde in Bewegung gebracht und können von den strategisch gut verteilten Schützen erlegt werden. Aber noch oft sind die Jagdausübungsberechtigten schlicht handwerklich überfordert oder nicht willens, das Wild wirklich zu reduzieren.

Der Ökologische Jagdverband fordert eine stärkere Bejagung der Wildbestände. Schießen die deutschen Jäger nicht genug?

Das ist in der Tat richtig. Die Jäger haben oft mehr Interesse an hohen, leicht zu bejagenden Wildbeständen als an naturnahen Wäldern. Die möglichst vorhersagbare Erlegung, insbesondere von Trophäenträgern wie Rehbock oder Hirsch, steht nach wie vor im Mittelpunkt des jagdlichen Interesses. Darüber hinaus werden bundesweit 20 Prozent der Rehe, also jedes fünfte, durch den Straßenverkehr zur Strecke gebracht, also totgefahren. In Gebieten, in denen der Wald ohne Schutzmaßnahmen wachsen kann, gibt es nahezu keine Wildunfälle mehr – ein weiteres Indiz für die Unterbejagung durch die herkömmliche Jagd.

Wie viel stärker müsste der Eingriff denn sein?

Entgegen landläufiger Meinung sind die Wildbestände nicht zu zählen und auch die absoluten Abschusszahlen sind kein vergleichbares Maß. Letztlich ist nur der Einfluss der Wildbestände auf die Waldvegetation objektiv zu messen. Wenn alle Baumarten, Sträucher und Kräuter, die zur standörtlich zu erwartenden Lebensgemeinschaft gehören, ohne Schutzmaßnahmen aufwachsen können, sind auch die Wilddichten in Ordnung. Die dazu notwendigen Abschusszahlen können sehr unterschiedlich sein.

Es gibt, wie Sie schon andeuteten, auch die Möglichkeit, junge Bäume einzeln zu schützen oder gleich ganze Bestände mit Gattern gegen Wild zu sichern. Ist das eine Alternative?

Aufgrund exorbitanter Kosten ist der flächenhafte oder einzelpflanzenweise Schutz der Waldverjüngung, ob natürlich oder durch Pflanzung, keine Lösung. Wenn größere Flächen gegattert werden müssen, geht gleichzeitig auch beträchtlicher Lebensraum für das Wild verloren. Wenn der Zaun durch Baumwindwürfe oder Wildschweinlöcher zerstört wird, ist bei großem Wilddruck schnell großer Schaden zu verzeichnen. Werden nur die erwünschten Einzelgehölze geschützt, wird doch zwischen diesen die Vegetation entmischt und verarmt. Zäune und Einzelschutz im Wald sind Kronzeugen einer ungenügenden und letztlich nicht gesetzeskonformen Jagd.

Gegner der verstärkten Jagd fordern mehr Ruhezonen für das Wild. Nach dieser Lesart führen Freizeitdruck (Radfahrer, Spaziergänger usw.), aber eben auch Forstarbeit und Jagd dazu, dass das Wild stressbedingt mehr frisst, weil es mehr Energie braucht. Würden Ruhezonen helfen?

Wenn die Wildbestände nicht an die Lebensraumkapazität angepasst sind, helfen auch Ruhezonen nicht. Das Wild weiß die Beunruhigung durch den Freizeitverkehr, vor allem, wenn sich dieser auf Wege beschränkt, sehr genau als ungefährlich einzuschätzen. Wenn genügend Deckung vorhanden ist, bleibt es oft in unmittelbarer Nähe. Störungen durch die Jagdausübung werden vor allem von älteren, erfahrenen Tieren genau registriert und eingeschätzt.  Deswegen wirkt sich auch der Belagerungszustand durch viele Ansitze, um möglicherweise einen bestimmten Bock oder Hirsch zu erlegen, aus und das Wild wird eher heimlicher. Die jagdlichen Störungen sollten durch eine konsequente, effiziente Jagdausübung minimiert werden – das heißt, alle Chancen, die jagdrechtlich geboten sind, sind auch zu nutzen.

Was müsste geschehen, damit wir auch in Zukunft einen gesunden Wald haben?

Ein „gesunder“ Wald heißt, ein vielfältiger, arten- und strukturreicher Wald, der den künftigen Klima-Unbilden möglichst gut trotzen kann. Aus Sicht der Jagd muss eine Anpassung der Schalenwildbestände – auf großen Flächen bedeutet das Absenkung – endlich umgesetzt werden. Nur dann kann die im Interesse einer naturnahen, möglichst klimaplastischen Waldentwicklung erforderliche Verjüngung zu möglichst artenreichen Beständen erfolgen. Es muss Verständnis bei den Jägern gefordert werden und gleichzeitig muss die Gesellschaft die Jäger in die Verantwortung nehmen. Erfolgreiche Jagd ist kein Selbstläufer, sondern muss eingefordert, kontrolliert und notfalls sanktioniert werden.Darüberhinaus müssen aber konsequent alle Anstrengungen unternommen werden, um eine weitere Klimaerwärmung zu verhindern. Ohne Klimaschutzmaßnahmen zur Eindämmung der bereits in Gang befindlichen Klimakatastrophe sind alle Waldschutz- und Umbaubemühungen zum Scheitern verurteilt.

Ein Reh in der Morgensonne.
Elisabeth Emmert, ÖJV-Bundesvorsitzende.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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