Kurze Halbwertszeit der Hoffnung

Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht glich einer Spielwiese für Psychoanalytiker

damo Betzdorf. Reiner Rühmann dürfte es in seinem Beruf als Jugendrichter eher selten erleben, dass ihm auf der Anklagebank ein junger Mensch gegenüber sitzt, der den rhetorischen Instrumenten des Juristen gewachsen erscheint. Meist setzt Rühmann den Hebel der Ironie so filigran an, dass die Angeklagten gar nicht erkennen, was ihnen der Richter da gerade mit auf den Weg gibt. Iim Regelfall erkennen alle im Gerichtssaal, was den Richter da umtreibt – bloß die Angeklagten nicht. Also: Selten, dass mal ein junger Mann auf der Anklagebank sitzt, der gewitzt und clever genug ist, dem Jugendrichter ein Gesprächspartner zu sein. Umso bitterer, wenn der Angeklagte seinen fraglos vorhandenen Intellekt nicht nutzt – oder nicht nutzen kann?

Im Mittelpunkt der gestrigen Verhandlung standen somit auch nicht die Straftaten, sondern der Straftäter. Warum? Es quälte Rühmann sichtlich, dass er auf diese Frage keine Antwort erhielt. Und auch Bewährungshelferin Kerstin Stahl berichtete, selten eine so intensive Betreuung geleistet zu haben – die doch so wenig gebracht hat: »Ich verstehe es bis heute nicht, ich habe noch nie so viele offene Fragen gehabt.«

Das erschien von Minute zu Minute nachvollziehbarer. Am Anfang der Verhandlung nahm ein offenbar gut gelaunter Angeklagter im blütenweißen Hemd und mit Bügelfalten in der schwarzen Anzughose auf der Anklagebank Platz. Lächelnd, teilweise grinsend konterte er Rühmanns Fragen. Den Blick offen, den Kopf gehoben. Von Minute zu Minute aber sank der Angeklagte immer mehr in sich zusammen – je mehr das Gericht bohrte, desto mehr litt der Angeklagte. Am Ende saß er fast eingefallen auf seinem Stuhl, antworte nur noch einsilbig und nahm schließlich das Urteil schweigend zur Kenntnis.

Ein Jahr und zehn Monate Jugendstrafe, keine Bewährung – und das für Straftaten, die einfach nicht zum Intellekt und zum Erscheinungsbild des Angeklagten passen wollten. Während der laufenden Bewährung ließ sich Silvio W. (Name geändert) mehrfach bei Ladendiebstählen erwischen. Er packte sich Zigaretten, Bier, Schnaps, Whisky oder CDs in Jacke oder Rucksack und marschierte aus dem Geschäft. Immer wurde er auf frischer Tat ertappt. »Das sind einfach Diebstähle, bei denen man erwischt werden muss – da fragt man sich: Was will er erreichen?« machte Rühmann seinem Unverständnis Raum. »Und das unter Bewährung – die Halbwertszeit der Hoffnung wird immer kürzer.«

Und so begab sich Rühmann auf die Suche nach dem Motiv; er versuchte, immer tiefer in die Biographie des jungen Mannes zu dringen – und je näher er dem Angeklagten kam, desto weiter wich der zurück. Einhelliges Fazit der Prozessbeteiligten: Der Schlüssel zum delinquenten Verhalten muss in der Biographie des Angeklagten zu finden sein – und da gibt es reichlich Möglichkeiten, denn nichts, aber auch gar nichts im Leben von Silvio W. ist seinen normalen Weg gegangen.

Silvio ist ein Scheidungskind. Das muss beileibe kein Drama werden, aber Silvios Eltern taten alles, um eines zu schaffen. Die Mutter erkämpfte sich das Sorgerecht für den damals Fünfjährigen – und als sie es hatte, schickte sie den Jungen ins Heim. Nie blieb Silvio lange; nicht im Heim, nicht bei den Pflegefamilien, nicht bei den sozialpädagogischen Auslandsaufenthalten in Schweden, Spanien oder Ungarn, nicht in den betreuten Wohngruppen. Satte 30 Einrichtungen der Jugendhilfe hat der heute 19-Jährige durchlaufen. Dass er dabei keinen Schulabschluss schaffte, überrascht wenig – wenngleich ihm ein Gutachter zum Besuch der Realschule geraten hatte. Aber auch dort blieb er nur eine kurze Zeit; anschließend nahm er woanders einen neuen Anlauf, ohne aber irgendwo Fuß zu fassen, ohne aber eine Heimat zu finden.

Dabei hätte alles einen geregelten Weg gehen können. Nach der letzten Haftstrafe konnte Silvio ein Berufsvorbereitungsjahr beginnen, fand bei seiner Schwester ein Zuhause. »Dort fühle ich mich wohl.« Er hat jetzt eine Freundin, die im fünften Monat schwanger ist. »Ich sehe da meine Zukunft.« Warum dann die Diebstähle? »Ich weiß es nicht.«

Was blieb am Ende der Verhandlung? Blankes Unverständnis, mehr nicht. Und die Erkenntnis für Staatsanwältin Tanja Becher sowie Rühmann und seine Schöffen, dass diesmal eine längere Haftstrafe unumgänglich ist. Unter laufender Bewährung neue Diebstähle, keine Chance auf eine günstige Sozialprognose – das ergibt unter Einbeziehung der alten Bewährungsstrafe fast zwangsläufig 22 Monate Jugendstrafe.

»Ich denke einfach, der Angeklagte weiß noch immer nicht, wo er hingehört – ich könnte mir vorstellen, dass er immer noch auf der Suche ist«, meinte Bewährungshelferin Stahl. »Hier muss einiges aufgearbeitet werden – ohne Therapie geht das nicht.« Und so nahm Rühmann diese Anregung mit in sein Urteil auf: »Es ist unbestritten einiges schief gelaufen, aber Sie müssen es jetzt anpacken und durchhalten. Ich hoffe nicht, dass Sie im Knast Ruhe vor der Warum-Frage haben werden.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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