„Kurzsch(l)ussreaktion” vor Gericht

Zeugenaussagen bewahrten Angeklagten vor dem Vorwurf der Tötungsabsicht – Bewährungsstrafe

Betzdorf. Das Ende einer Beziehung – oftmals mit Herzschmerz, Tränen, Enttäuschung und Verbitterung verbunden, manchmal auch mit Gewalt, und ganz selten soll sogar eine Waffe im Spiel sein. Mit einer „Kurzschlussreaktion” hatte es gestern das Betzdorfer Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Hubert Ickenroth zu tun. Auf der Anklagebank saß der 34-jährige türkische Staatsangehörige Murat A., der seinen Beziehungsfrust auf eine höchst gefährliche und strafbare Art und Weise bewältigt hatte: mit einem Schuss aus einer halbautomatischen Waffe plus Prügel und verbale Bedrohung.

Apothekenscheibe zerschossen

Folgendes war im Sommer 1998 in Hamm (Sieg) passiert: Ines H. (36) hatte zusammen mit einem Freund das Schützenfest besucht und befand sich gegen 2 Uhr auf dem Heimweg. Plötzlich hielt auf der Straße ein Fahrzeug, auf dem Beifahrersitz befand sich Murat A. Der 34-Jährige öffnete das Seitenfenster und fing direkt mit einer wüsten Schimpfkanonade an. Der Grund: Bis vor wenigen Wochen hatte er eine „intime Beziehung” zu Ines H. gepflegt, und den neuen Kon- takt seiner „Angebeteten” (Staatsanwältin Gertraud Harnischmacher) fand er offenbar gar nicht witzig. Wie dem auch sei. Murat K. zog auf einmal eine Waffe, ein Schuss löste sich und zerstörte die Fensterscheibe einer benachbarten Apotheke, wobei ein Schaden von 3600 DM entstand.

Doch damit nicht genug: Als sich die 36-Jährige wenig später in ihrer Wohnung befand, ließ der Angeklagte nicht lange auf sich warten. Aus Angst, die Tür könnte eingeschlagen werden, öffnete die Frau mit der Konsequenz, dass sie von dem unerwünschten Besucher ins Auto gezerrt und verprügelt wurde. Dabei zog sie der 34-Jährige derart stark an den Haaren, dass sie ganze Büschel verlor.

Zeugin: „Ich will meine Ruhe”

Ines H., die gestern vor Gericht als Zeugin aussagte, bestritt eine engere Beziehung zu dem Angeklagten, sondern sprach lediglich von einem „guten, freundschaftlichen Verhältnis”. Schnell wurde deutlich, dass sie den Angeklagten nicht weiter belasten wollte: „Ich will meine Ruhe und sonst nichts.” Ähnlich verhielt sich auch ihr damaliger Begleiter und jetziger Ehemann. „Für mich ist die Sache gegessen”, sagte Michael H., ehemaliger Zeitsoldat der Bundeswehr und Ex-Fremdenlegionär. Pikantes Detail am Rande: Murat A. hatte angegeben, die Pistole russischer Bauart von Michael H. erworben zu haben, wovon dieser vor dem Schöffengericht freilich überhaupt nichts wusste.

Nach diesen beiden Zeugenaussagen kristallisierte sich heraus, dass die Anklage in puncto Körperverletzung fallengelassen wird, auch wenn die Staatsanwältin eindrücklich mahnte: „Sie sollten sich bewusst sein, dass das kein Umgang mit Frauen ist.” Auch ein Würgeholz („Nunchaku”), dass in der Wohnung des Türken in Hamm gefunden wurde, spielte für die Verhandlung keine Rolle mehr. Statt dessen konzentrierte man sich einzig und allein auf den unerlaubten Waffenbesitz des Angeklagten. Der Verteidiger des Türken, Rechtsanwalt Jörg Klein aus Altenkirchen, erklärte für seinen Mandanten, dass die Pistole an eine „bekannte Person” weitergegeben worden sei. Er werde aber dafür Sorge tragen, dass die Schusswaffe binnen zwei Wochen der Polizei ausgehändigt wird. Diese Ankündigung bewahrte den 34-Jährigen letztlich vor einer Haftstrafe ohne Bewährung. Staatsanwältin Gertraud Harnischmacher erklärte in ihrem Plädoyer, dass es offenbar kein gezielter Schuss gewesen sei, zumal dieser aus der relativ kurzen Entfernung durchaus möglich gewesen wäre. Und da auch weitere Schüsse möglich gewesen wären, aber keine abgefeuert wurden, könne man dem Angeklagten auch keine versuchte Körperverletzung oder gar eine Tötungsabsicht zur Last legen. „Man kann eine Bewährungsstrafe riskieren, aber nur wenn die Waffe zurückkommt”, meinte die Vertreterin der Anklage und forderte eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren auf Bewährung sowie eine Geldbuße von 4500 DM.

Rechtsanwalt Klein betonte, dass eine verminderte Schuldfähigkeit seines Mandaten nicht auszuschließen sei (Murat A. hatte angegeben, vor der Tat ordentlich dem Alkohol zugesprochen zu haben). Er schloss sich der Forderung der Staatsanwältin an, plädierte jedoch für eine Geldstrafe von lediglich 1500 DM.

Das Schöffengericht verurteilte den 34-Jährigen schließlich zu der geforderten Bewährungsstrafe und einer zu zahlenden Geldsumme von 3000 DM. Richter Ickenroth betonte, dass kein Tötungsvorsatz nachzuweisen sei. „Auf diese Entfernung wäre es gut möglich gewesen, einen gezielten Schluss abzugeben”, folgte er der Argumentation von Gertraud Harnischmacher. Für den Vorsitzenden war der Fall eine „typische Kurzschlussreaktion bei Beziehungsproblemen”. Nun erwarte man die Rückgabe der Pistole. „Sie und die Waffe wollen wir in der Öffentlichkeit nicht mehr zusammen sehen”, so Ickenroth abschließend zu Murat A. thor

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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