»Lass ihn fallen – aber schnell«

Selbsthilfegruppen im AK-Land

Gemeinsam gegen Drogen: Eltern abhängiger oder gefährdeter Kinder und Jugendlicher treffen sich alle zwei Wochen in Betzdorf

kafu Betzdorf. Als Kind war Martin völlig unproblematisch. »Ein lieber Junge«, erzählt seine Mutter, um ihn mussten sich die Eltern keine Sorgen machen. Auch als Teenager war Martin beliebt, hatte viele Freunde, war gut in der Schule. Er spielte Basketball und Fußball, sammelte Unterschriften für einen neuen Bolzplatz. Verkaufte am Flohmarkt Sachen, damit die Klassenkasse sich füllte. Er entwarf Plakate gegen Drogen und hielt zu dem Thema Referate. Und dann, als Martin 15 Jahre alt war, änderte sich plötzlich alles.

Langeweile und Neugier: Diese beiden Wörter wird Martin später in der Therapie nennen – Langeweile und Neugier waren seine Motivation, Cannabis auszuprobieren. Es blieb nicht beim Austesten, und es blieb nicht bei Cannabis. Über seine Geschichte kann Martin inzwischen sprechen. Auch seine Mutter, Petra M. (alle Namen wurden geändert), redet darüber – unter anderem in der Selbsthilfegruppe für Eltern, deren Kinder drogengefährdet oder schon abhängig sind. Der Elternkreis wurde vor wenigen Monaten in Betzdorf gegründet. Im Gespräch mit der SZ redet Martins Mutter, mit dem ausdrücklichen Einverständnis ihres Sohnes, ebenfalls über dessen Weg zu und mit den Drogen, und über die Zeit danach.

Cannabis-Tüten im Kinderzimmer

Rückblende: »Als unser Sohn 15 war, haben wir gemerkt, dass er Drogen nimmt«, erinnert sich Petra M. Sie hatte in seinem Zimmer die kleinen Cannabis-Tütchen gefunden. In der Schule wurde der Teenager immer schlechter und benahm sich insgesamt ganz anders. »Wir sind zur Drogenberatung gegangen und dachten auch, das hätte geholfen. Es ging danach ein halbes Jahr gut.« Doch dann wurde Martin immer aggressiver, »er nahm da schon andere Drogen«. Martin verlor jeden Respekt vor anderen Menschen, akzeptierte keine Autoritäten mehr, kam nachts nicht mehr nach Hause. Er randalierte im Elternhaus, bis seine Mutter aus lauter Verzweiflung die Polizei holte. »Meine Lebensfreude ging verloren, ich konnte gar nicht mehr glücklich sein«, sagt Petra M.

Sorge um Geschwister

Einige Zeit ging das so weiter, und Martin war phasenweise so aggressiv, dass Petra M. Martins kleine Geschwister in Gefahr sah. Die Eltern hatten keine andere Möglichkeit mehr, und sie entschieden sich zu einem radikalen Schritt. Einen Schritt, der den Tag, an dem sie ihn gingen, zu dem schlimmsten Tag in Petra M.’s Leben machte: Sie schickten ihren damals 16-jährigen Sohn in eine Jugendhilfeeinrichtung. »Es war nicht mehr möglich, ihn zu Hause zu behalten«, sagt Petra M., und noch heute fällt es ihr sehr schwer, darüber zu reden. »Ich habe gebetet: ,Lass ihn fallen – aber schnell.«

Ein halbes Jahr hat Martin in der Jugendhilfeeinrichtung gelebt, dann eskalierte die Situation auch dort: Die Pädagogen merkten, dass der Drogenkonsum außer Kontrolle geraten war, auch hier konnte man nichts mehr für den Jugendlichen tun. »Schlag den richtigen Weg ein, und wir sind immer für dich da«, sagten Martins Eltern – »ansonsten bist du alleine.« Nach einer Woche stand der Junge dann vor der Tür. Er hatte sich zu einer Therapie entschlossen.

Ein ganzes Jahr dauerte die Behandlung in einer Einrichtung für jugendliche Abhängige – und Martin hat die Therapie durchgehalten und erfolgreich abgeschlossen. In der Einrichtung hat er die Schule besucht und an Drogen- und Psychotherapien teilgenommen. Er musste wieder lernen, Regeln und Menschen zu respektieren, sein Leben zu organisieren. »Wir sind so stolz auf ihn, die Abbruchquote ist nämlich sehr hoch«, sagt seine Mutter. Die ganze Familie hat sich auf Martins Rückkehr gefreut; die kleinen Geschwister haben die Tage gezählt, Martin die Stunden.

Ständige Alarmbereitschaft

Dennoch: Petra M. hat immer noch Angst vor einem Rückfall ihres Sohnes, »sicher kann man sich nie sein«. Eltern drogenabhängiger Kinder sind in ständiger Alarmbereitschaft und Sorge, sehen sich die Söhne und Töchter mit ganz anderen Augen an. Und sie haben mit Selbstzweifeln zu kämpfen: »Wir haben uns immer gefragt, was wir bei unserem Sohn falsch gemacht haben, dass sowas passieren konnte«, sagt Petra M. Als sie Martin eines Tages diese Frage stellte, sah er sie völlig entgeistert an und fragte verständnislos: »Wieso ihr? Ihr habt gar nichts falsch gemacht, ich habe doch die Drogen genommen.« Deshalb räumt Petra M. auch mit dem Vorurteil auf, dass »Drogenkinder« meist aus problematischen Elternhäusern kommen und vernachlässigt wurden. »Das stimmt nicht immer, viele kommen aus ganz normalen Familien, und die Eltern würden alles für ihre Kinder tun« – so wie Petra M.

Allerdings wissen die Eltern oft gar nicht, an wen sie sich wenden können, kritisiert sie – Jugendamt, Schulen und Polizei reagieren ihrer Ansicht nach zu spät oder nicht umfassend genug. Deshalb ist die neu gegründete Selbsthilfegruppe eine gute Anlaufstelle: Die Eltern treffen sich an jedem zweiten Dienstag im Monat um 19.30 Uhr in den Räumen der Caritas. Interessierte können sich bei Michaela Ermert, Tel. (02741) 27475, oder bei der Caritas melden. Auch die WeKISS kann den Kontakt zu dieser oder jeder anderen Selbsthilfegruppe herstellen: Tel. (02663) 2540, oder online: wekiss@gmx.de.

»Hand in Hand«

»Hand in Hand für unsere Kinder und gegen Drogen«: So lautet das Motto der Gruppe. Hier finden Betroffene Verständnis, Trost und Rat, um nicht zu zerbrechen; gemeinsam wollen die Eltern gegen Drogen mobil machen und ihre Kinder stärken. Auch Eltern von Jugendlichen, die schon drogenfrei leben, nehmen an den Treffen teil und können den anderen Betroffenen Mut und Hoffnung weitergeben. Und die Gruppe freut sich, wenn sich weitere Väter und Mütter melden: »Wir wissen, wie schwierig das ist«, sagen die Eltern. Aber: »Nur Mut! Der erste Schritt ist immer der schwerste.«

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen