»Lehrer haben nicht immer Recht«

DAAD-Preis für besondere Leistungen:

An der Schule bestenfalls Durchschnitt – an der Uni ausgezeichnet: Hüdayi Korkusuz

ruth Betzdorf. Zum siebten Mal hat die Justus-Liebig-Universität den vom Deutschen Akademischen Austauschdienst in Bonn ausgelobten DAAD-Preis für besondere Leistungen ausländischer Studierender vergeben. Der Preisträger dieses Jahres heißt Hüdayi Korkusuz und stammt aus Betzdorf. Die SZ sprach mit dem jungen Nachwuchsakademiker und fand Erstaunliches heraus.

Ein waschechter Betzdorfer

Hüdayi Korkusuz ist 26 Jahre alt, und nur sein Aussehen verrät, dass er türkischer Abstammung ist. In seiner Sprache schwingt ein leichter Akzent mit, aber kein Türkischer. Außenstehende könnten zu dem Schluss kommen, dass er in Bayern oder Österreich aufgewachsen ist. »Bin ich aber nicht«, grinst der Betzdorfer, der anscheinend immer gut gelaunt ist. Tatsächlich hat Hüdayi im Elisabeth-Krankenhaus in Kirchen das Licht der Welt erblickt. Er ging in den evangelischen Kindergarten an der Gontermannstraße in Betzdorf, später auf die Bertha-von-Suttner-Realschule. Nach der 10. Klasse schaffte er den Sprung aufs Gymnasium und machte schließlich auf dem Freiherr-vom-Stein-Gymnasium sein Abitur.

Er fühlte sich nicht sonderlich wohl auf der Schule. Dazu kam, dass er stets vorgehalten bekam, dass er schlechte Noten habe und seine hoch gesteckten Ziele (schon damals wollte er Arzt oder Pilot werden) nie erreichen werde. »Ich hatte nie gute Noten am Gymnasium. Damals. Das hat sich geändert. Wenn man Spaß hat, ist man auch erfolgreich. Gerade beim Lernen«, und wieder grinst Hüdayi über das ganze Gesicht. In dieser Zeit schwor sich der »Türke«, es seinen Lehrern und Mitschülern zu zeigen. Das Geld für die Pilotenausbildung hatte er nicht, obwohl seine Eltern alles für die Ausbildung ihrer vier Söhne taten. Zwei seiner Brüder sind Bauingenieure, der kleine Bruder macht gerade Abitur. So entschied sich Hüdayi, in Gießen Medizin zu studieren. Da sein Notendurchschnitt zu schlecht war, um sofort einen Studienplatz zu bekommen, musste er sich etwas gedulden, schließlich klappte es doch noch.

Ein Semester übersprungen

Es begann die steile Karriere des Betzdorfers, an den niemand an seiner alten Schule geglaubt hatte. Hüdayi war der erste Student, dem es gelang, ein Semester zu überspringen. Da er unbedingt für ein Semester zum Auslandsstudium weg wollte, packte er in das 7. Semester alle Prüfungen und Scheine, die er im 8. hätte machen müssen. Das funktionierte hervorragend, und Hüdayi ließ sich hoch stufen. Doch wieder scheiterte sein Wunsch, im Ausland zu studieren, am Geld. Theoretisch könnte er nach seinem 11. Semester das 3. Staatsexamen machen und wäre fertig. Doch davor steht die deutsche Bürokratie, die besagt, dass man zwölf Semester studiert haben muss. Hüdayi grinst. So etwas gibt's nur in Deutschland.

Bei all dem ist der Betzdorfer wahrlich kein Streber, der sich den ganzen Tag in seine Bücher vergräbt. Den DAAD-Preis hat er auch für sein soziales Engagement bekommen. Regelmäßig bietet er den Neueinsteigern an der Uni in Gießen ein Physik-Tutorium an, denn bei der Physikprüfung rasseln in der Regel 60 bis 80 Prozent aller Studenten durch. Wer in Gießen Medizin studiert, kennt Hüdayi Korkusuz. Denn der Betzdorfer ist dort Wohnheimtutor, das heißt, er gibt den Erstsemestern Tipps, wo sie wohnen können, wo sie was bekommen und wer wofür zuständig ist. Er ist dort gewissermaßen die Mutter aller Medizinstudenten. Darüber hinaus betreut er als Biologie-, Physik- und Anatomie-Assistent Studenten aller Semester. Für den Akademikerpreis wurde er vom Studiendekan des Fachbereichs Medizin, Prof. Florian Dreyer, und der Fachschaft vorgeschlagen. Am vergangenen Freitag fand die Preisverleihung statt. In der Begründung heißt es: »Damit wurde an der Justus-Liebig-Universität auch in diesem Jahr wieder ein Preisträger gewählt, der beweist, dass das universitäre Leben durch die Anwesenheit ausländischer Studierender stark bereichert wird.«

In Gießen fühlt sich Hüdayi Korkusuz sehr wohl. In der multi-kulturellen Studentengesellschaft ist er einer von vielen, die keinen deutschen Pass haben, und es gibt keine Schwierigkeiten. Die Wissenschaftssprache ist Englisch und nicht Deutsch. So gesehen sind dort die meisten Ausländer.

Ein breites Grinsen

Es ist natürlich nicht verwunderlich, dass der 26-Jährige bereits an seiner Doktorarbeit schreibt. Wenn es mit dem Auslandsaufenthalt doch nichts wird, nutzt er das gewonnene Semester für seine Doktorarbeit. Hüdayi Korkusuz hat es alles gezeigt. Er steht kurz vor seiner größten Genugtuung. »Lehrer haben nicht immer Recht. Viele irren sich«, davon ist der angehende Arzt überzeugt. Sein Grinsen wird noch breiter.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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