Demo für den Erhalt der Bibliothek am Gymnasium
„Lehsen vöderd die rächtschraipung“

Gut 250 Schüler haben Flagge gezeigt: Sie sind für den Erhalt der Schulbibliothek des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums auf die Straße gegangen.
6Bilder
  • Gut 250 Schüler haben Flagge gezeigt: Sie sind für den Erhalt der Schulbibliothek des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums auf die Straße gegangen.
  • Foto: damo
  • hochgeladen von Daniel Montanus (Redakteur)

damo Betzdorf. Will man den Spruch „Flash deine Eltern, lies ein Buch“ steigern, dann so: „Geh für den Fortbestand einer Bücherei auf die Straße.“ Genau das ist heute in Betzdorf geschehen, und dabei ging es – wen wundert’s? – um die Schulbücherei des Gymnasiums.

Allerdings ist diese Bibliothek mehr als nur ein Ort, an dem Bücher verliehen werden: „Sie ist vor allem ein Rückzugsort, und gerade für die Oberstufenschüler ist die Bibliothek wichtig“, sagt SV-Mitglied Paul Milosevic. Hier haben die Schüler Zugriff auf die Fernleihe, hier können sie gezielt Literatur für Facharbeiten aussuchen. Sie können online recherchieren und in Freistunden arbeiten – ungestört.

So ähnlich hat auch Elternbeiratsmitglied Sabine Albrechts-Wingenfeld die Bücherei in Erinnerung, auch wenn es ein paar Jährchen her ist, dass die Apothekerin dort selbst ihre Freistunden verbracht hat. „Sie dient dazu, Recherchieren und die Nutzung von Quellen zu lernen. Das ist eine wichtige Vorbereitung für die Uni.“

Aber die Bibliothek sei nicht nur für die Oberstufenschüler wichtig, sagen Schulleiter Heiko Schnare und sein Stellvertreter Carsten Poppe unisono: Die gesamte Schülerschaft profitiere. Zum Beispiel finden dort Workshops und Lesungen statt. Kurzum: „Die Bibliothek ist ein pädagogischer Ort, und zwar ein wertvoller.“

Das sehen offensichtlich auch die Schüler so – was jetzt einmal mehr sehr deutlich geworden ist. Gegen 7.30 Uhr hatten sich gut 250 Schüler an der Stadthalle versammelt, ausgestattet mit Plakaten und Bannern: „Bücherwürmer vom Aussterben bedroht“, „Was ist das für ein Bildungsweg ohne Bibliothek?“ oder „Lehsen vöderd die rächtschraipung“.

Wer an diesem Morgen nicht selbst lesen wollte, bekam die zentrale Forderung auch zu hören: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Bibo klaut“, nahmen die Gymnasiasten Anleihe bei den Fridays-for-Future-Demos. Trotzdem wird’s vorerst nichts mit „Thursdays for Libraries“: Die Demonstration ist als einmalige Aktion geplant – zumindest derzeit.

„Wir wollten vor den Sommerferien noch einmal unsere Position deutlich machen“, berichtete Alberts-Wingenfeld. Sie fungierte bei der Demo offiziell als Verantwortliche, schließlich musste die Kundgebung beantragt und genehmigt werden. In diesem Procedere hat die Betzdorferin auch erfahren, dass es sich im Behördendeutsch um einen „Aufzug“ gehandelt hat – sprich: um einen Protestzug, der sich bewegt.

Denn von der Stadthalle aus ging es durch die Fußgängerzone und über den Radweg an der Sieg in Richtung Schule. Was zwangsläufig auch bedeutet, dass die Schüler die B 62 überqueren mussten, und zwar am Struthof. Durchaus eine Trumpfkarte – denn wenn man morgens früh in Betzdorf Aufmerksamkeit erreichen will, ist die Idee, den Berufsverkehr lahmzulegen, sicher nicht die schlechteste.

Das Verkehrschaos blieb aber aus: Die Polizei riegelte die Straße nur kurz ab. Und weil kein einziger Schüler auf die Idee gekommen ist, sich unterwegs die Schuhe neu zu binden oder auch nur ein bisschen zu trödeln, konnten die Autos schon nach wenigen Minuten wieder rollen.

„Wir wollten keinen verprellen“, erklärte Alberts-Wingenfeld. Auch deshalb habe man sich beim Orga-Treffen mit Polizei, Ordnungsamt und LBM dafür entschieden, die pendlerfreundliche Variante zu wählen: Statt über den Radweg zu laufen, hätten die Schüler ja auch zwischen Stadthalle und Struthof die Hauptstraße nutzen und damit blockieren können.

Nicht nur bei der Routenführung bewiesen die Organisatoren der Demo (die Schülervertretung und der Elternbeirat), dass sie nicht auf Krawall gebürstet sind: Statt auf Entscheidungsträger im Land oder im Kreis einzudreschen, war die Forderung bewusst positiv formuliert: „Wir haben deutlich gemacht, dass wir die Bibliothek behalten wollen.“

Genau das betonte auch Heiko Schnare – der es als Pädagoge naturgemäß begrüßt, wenn Schüler dem Lesen einen so hohen Stellenwert beimessen: „Da gehen Schüler für eine Bücherei auf die Straße – das ist doch klasse.“ Zwar war die Schule selbst nicht in die Planung und Durchführung der Demo eingebunden, aber Schnares Position ist klar: „Ich kann die Schüler und Eltern gut verstehen.“ Und der öffentliche Protest sei keineswegs ein Kurzschluss: „Auf sachlicher Ebene ist jetzt mehr als ein Jahr lang versucht worden, was zu erreichen. Und es ist nichts passiert.“

In der Tat hat sich seit April 2018 nichts geändert: Damals lief der befristete Vertrag einer der beiden Halbtagskräfte aus – weil der Kreis die Stelle nicht neu besetzt hatte, mussten die Öffnungszeiten der Bibliothek deutlich reduziert werden (die SZ berichtete mehrfach).

In der Folgezeit ist zwar leidenschaftlich darüber diskutiert worden, ob die Stelle neu besetzt werden kann und ob Land oder Kreis dafür zahlen müssen – aber auf die Bücherei blieb das alles ohne Auswirkungen. „Ein Gerangel um Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten haben, so scheint es, Vorrang vor Lösungen“, kritisiert der Sprecher des Elternbeirats, Klaus Trudrung. Seine Forderung an die Politik liegt auf der Hand: „Beenden Sie das Ping-Pong-Spiel mit dem Schwarzen Peter und machen Sie den Weg gemeinsam frei für Lösungen!“

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen