Männer müssen Mammuts erlegen

Mittagessen kochen statt Meetings organisieren, Spielplatz statt Konferenzraum: Ein Vater im Erziehungsurlaub

damo Betzdorf. Männer können nicht putzen. Männer können nicht kochen. Männer können keine Kinder trösten. Männer haben nur eine Bestimmung: Mammuts erlegen. Zumindest kommt Christoph Ende das manchmal so vor.

Das liegt daran, dass der Pfad der gesellschaftlichen Normen offenbar schmaler ist, als man es heute erwarten würde – und Ende hat diesen Pfad verlassen: Der 38-Jährige hat gerade den Erziehungsurlaub abgeschlossen. Früher als Projektmanager tätig, ließ er die Welt der freien Marktwirtschaft für drei Jahre hinter sich. Mittagessen kochen statt Meeting organisieren, Spaziergang zum Spielplatz statt Geschäftsreise nach London. Und die Auftraggeber waren keine Geschäftskunden mehr, sondern der kleine Lockenkopf Elian.

»Ich kann nicht behaupten, dass es meine Berufung gewesen wäre, Kinder zu erziehen«, sagt Ende heute. Es sei vielmehr eine pragmatische Überlegung gewesen: Seine Frau arbeitet als Lehrerin. Das bedeutet: sicheres und gutes Gehalt und geregelte Arbeitszeiten. Ende hingegen verdient sein Geld als Versicherungsfachmann, und das wiederum heißt: leistungsabhängiges Gehalt, unkalkulierbare Arbeitszeiten. Also auf den ersten Blick eine nahe liegende Entscheidung. Beim Blick auf die Biografie des 38-Jährigen eröffnen sich hingegen Kontraste, die in ihrer Kraft denen von Komplementärfarben kaum nachstehen.

Schnitt und Rückblende. Schauplatz: der »Neue Markt«. Genauer: ein führendes Marktforschungsunternehmen. Arbeitsplatz von Christoph Ende. Er arbeitet dort als »senior project manager«. Im Wörterbuch »New Economy - Deutsch« würde als Übersetzung »Projektleiter« stehen. Leistungsorientiert. 5 Prozent Zuwachs? Zu wenig. 10 Prozent. Jährlich. Termingeschäfte. Kurierdienst verpasst? Präsentationsmappe per Taxi nach Stuttgart, München, irgendwohin. Geschäftsreise nach London. Morgens hin, abends zurück. Trendy. New Economy.

»Das klingt toll: Geschäftsreise nach London. Das habe ich immer wieder gehört«, erzählt Ende. Aber wenn er nach London reiste, war er nicht da: Es hätte auch Paris sein können oder Mailand, Madrid, Monaco. Mitten in der Nacht aufstehen, zum Flughafen fahren, rein in den Flieger, raus aus dem Flieger, Transfer in die Stadt – in welche? –, in den Konferenzraum, aus dem Konferenzraum, Transfer zum Flughafen, rein in den Flieger, raus aus dem Flieger, mitten in der Nacht nach Hause kommen. 13 Stunden Arbeit pro Tag: »Enormer Stress, man stand immer unter Druck, musste immer Stärke zeigen und Leistung bringen.« Ende war nach fünf Jahren dienstältester Mitarbeiter; keiner seiner früheren Kollegen ist heute noch dort beschäftigt. »Arbeit soll für mich mehr sein als nur Geldverdienen«, erklärt Ende, »und die Eigenverantwortung, die Kompetenzen haben mir durchaus Spaß gemacht. Dennoch war die Belastung auf Dauer zu hoch.«

Als seine Frau ihr Lehramtsstudium abgeschlossen hatte und in Schleswig-Holstein keine Stelle fand, zog das Ehepaar nach Betzdorf. »Das war mein Karriere-Ende: Wenn man in dieser Branche arbeiten will, muss der Beruf Priorität haben.« Zudem bietet Betzdorf für einen Marktforscher kein Betätigungsfeld: Ein Versuch, sich selbstständig zu machen, rentierte sich nicht. Ende wechselte die Branche, arbeitet seitdem als Versicherungsfachmann für die Debeka und ist zufrieden.

Nach einem Jahr in seinem neuen Beruf bekam Ende aber einen neuen »Chef«: seinen Sohn Elian. So reduzierte der junge Vater seine Arbeitszeit und ging in Erziehungsurlaub. »Mein Chef hat zwar mit den Zähnen geknirscht, aber mein Entschluss stand fest.«

Im Oktober 1999 wurde Elian geboren, und Ende, der ja 13-Stunden-Tage gewöhnt war, war jetzt 15 Stunden auf den Beinen. »Ich hatte von Anfang an die Nachtdienste, manchmal bin ich fünfmal in der Nacht aufgestanden.« Wickeln, anziehen, kochen, essen. Nebenbei kümmerte er sich um den Haushalt, und jeden Tag unternahm er etwas mit seinem Sohn. »Ich habe in der Zeit kein Buch mehr gelesen, keinen Film mehr gesehen« – Fulltime-Job Elian.

Schnell bemerkte Ende, dass er als Vater im Erziehungsurlaub »ein Exot« war. In der Mutter-Kind-Gruppe wurde er herzlich empfangen, aber wenn die Gespräche ums Kochen oder um Hormonschwankungen kreisten, redeten die Mütter lieber von Frau zu Frau. Im Supermarkt ließ er seinen Sohn für einen kurzen Augenblick allein; als Ende zurückkam, sah ihn eine alte Dame strafend an und lieferte sich selbst die Erklärung für das »Rabenelterntum«: »Ach, und dann auch noch der Papa.«

»Ich habe gemerkt, wie starr die gesellschaftlichen Rollenerwartungen sind. Als Mann, der nicht arbeiten geht, sondern sein Kind erzieht, stößt man zwar vordergründig auf Zustimmung, aber man spürt, dass das den Menschen fremd erscheint.« Als Folge wurden Christoph Ende und sein Sohn Elian zum Tandem; meist waren sie zu zweit unterwegs. So erlebte Ende eine Beziehung zu seinem Sohn, die sich vielen anderen Vätern wahrscheinlich deutlich weniger erschließt: »Wir haben den Alltag miteinander geteilt.«

Ein klares Erziehungskonzept hatte Ende dabei nicht – er hat versucht, als Vorbild zu fungieren und Grenzen zu setzen, aber ohne Anleitungen aus der Psychologie-Ecke der Buchhandlung. Heute besucht Elian den Kindergarten.

Eine schöne Geschichte von einem netten Tandem – nur das Ende passt so gar nicht: Vor einigen Monaten haben sich die Endes getrennt. Elian lebt – abermals eine pragmatische Entscheidung – bei seiner Mutter. »Wenn ich das Kind nehmen würde, müsste ich aufhören zu arbeiten. Und ganz ohne Arbeit? Sozialhilfe oder Unterhalt?« Für Ende keine gute Idee: »Damit wäre ich nicht zufrieden, und Elian hätte nichts davon, bei seinem unzufriedenen Vater zu leben.« Und das ändert sich auch nicht dadurch, dass Ende kochen kann. Und putzen. Und Kinder trösten.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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