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Vor Gericht: Angeklagter bestreitet Vorwürfe
Mann soll Ex-Freundin halbtot geschlagen haben

Der Angeklagte soll seine Ex-Freundin halbtot geschlagen haben - er bestreitet das, gibt lediglich eine Ohrfeige zu.
  • Der Angeklagte soll seine Ex-Freundin halbtot geschlagen haben - er bestreitet das, gibt lediglich eine Ohrfeige zu.
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

goeb Betzdorf. Vorsitzende Richterin Melanie Neeb und ihre Schöffen waren am Dienstag während eines ganztägigen Gerichtsprozesses nicht zu beneiden. Sie mussten Licht ins Dunkel einer Beziehung bringen, die für die Frau in der Partnerschaft auch mit dem Tod hätte enden können. Die Bonner Gerichtsmedizinerin Dr. Elke Doberentz sprach in ihrer Einlassung von „abstrakter Lebensbedrohlichkeit“, die bestanden habe für das Opfer, eine 35-Jährige aus der Verbandsgemeinde Kirchen. „Eine solche Fülle an Verletzungen sieht man selten“, sagte die Medizinerin, als die Fotos durch die Hände der Beteiligten im Saal gingen.

goeb Betzdorf. Vorsitzende Richterin Melanie Neeb und ihre Schöffen waren am Dienstag während eines ganztägigen Gerichtsprozesses nicht zu beneiden. Sie mussten Licht ins Dunkel einer Beziehung bringen, die für die Frau in der Partnerschaft auch mit dem Tod hätte enden können. Die Bonner Gerichtsmedizinerin Dr. Elke Doberentz sprach in ihrer Einlassung von „abstrakter Lebensbedrohlichkeit“, die bestanden habe für das Opfer, eine 35-Jährige aus der Verbandsgemeinde Kirchen. „Eine solche Fülle an Verletzungen sieht man selten“, sagte die Medizinerin, als die Fotos durch die Hände der Beteiligten im Saal gingen.

Frau sucht Hilfe beim Nachbarn

Zwar sei keine davon einzeln lebensgefährlich gewesen, aber der Halswirbel, den der mutmaßliche Täter, ihr Ex-Verlobter, ihr mit einem stumpfen Gegenstand gebrochen hat in der Märznacht dieses Jahres – vom 6. auf den 7. – , er hätte auch anders brechen und das Rückenmark durchtrennen können.
Hämatome vom Scheitel bis zur Sohle, ein gebrochener Arm, ein schwer lädiertes linkes Ohr und vor allem irreparable Schäden an ihrem erst kürzlich operierten linken Bein – in dieser Verfassung kroch sie an jenem Samstagmorgen aus der Wohnung des Mehrfamilienhauses zum Nachbarn.

Lebensgefährte wird festgenommen

Festgenommen wurde bald darauf ihr Lebensgefährte Mirko F. (42). Nervös und in Handschellen wurde der große Mann in den Saal geführt. Die beiden Justizvollzugsbeamten überragte er um einen ganzen Kopf. Während der neunstündigen Verhandlung wippte sein linkes Bein unentwegt. Mit Verteidiger Daniel Walker besprach er sich in den ersten Stunden um eine Plexiglaswand herum, die überall wegen der Corona-Gefahr im Saal aufgebaut waren.

Angeklagter bestreitet Vorwürfe

Das Kuriose an dem Fall: Alles spricht dafür, dass er seine Ex-Freundin so zugerichtet hat. Allerdings streitet er das ab. Er behauptete auch im Gerichtssaal immer wieder, dass er es nicht gewesen sei, sondern Männer, die in die gemeinsame Wohnung eingedrungen seien.
Die Frage, die das Gericht kommenden Freitag, wenn der Prozess fortgesetzt wird, beantworten will, lautet: Glaubt der Angeklagte diese Version selbst oder lügt er? Manches spricht dafür, dass Ersteres zutreffen könnte, denn Mirko F. nahm zum Tatzeitpunkt immer mehr Drogen zu sich.

Mann fühlte sich verfolgt

Der Psychiater Dr. Gerhard Buchholz legte zumindest nahe, dass es so sein könnte. Vorbehaltlich der richterlichen Bewertung gab er zu Protokoll, dass F. sich seit Oktober ’19 verfolgt fühlte. Das bestätigte auch das Opfer. Sandra B. (Namen geändert) hatte viel Zeit, die Umstände der Beziehung zu erläutern, eine Beziehung der psychischen Abhängigkeit von Mirko F. So groß war die Angst der Frau, in Gegenwart ihres seit sechs Monaten einsitzenden Ex-Freunds aussagen zu müssen, dass das Gericht dem Antrag ihrer Rechtsanwältin Rita Holstein-Brass, die sie als Nebenklägerin begleitete, stattgab. F. musste also raus.
Das ist nicht gerade einfach, erwartungsgemäß protestierte Walker dagegen, doch die Vorsitzende sah diese Gefahr auch. Erst als Sandra B. 90 Minuten berichtet hatte von der Beziehungshölle, wurde der Angeklagte wieder hereingebracht. Er durchbohrte die Frau mit Blicken, die sie derart einschüchterten, dass er aufgefordert werden musste, es zu unterlassen.

Paar unter Drogen

Amphetamine, Koks und Medikamente hatte sich das Pärchen reingezogen – sie nach einem schweren Autounfall Frührentnerin, er von Hartz IV lebend. Dann veränderte er sich. Das erste Mal wurde er im Dezember ’19 handgreiflich, erzählte sie. Ein anderes Gesicht, eines, das sie nicht kannte, habe er da gezeigt. „Es fing damit an, dass er dem Vermieter unterstellte, heimlich in unserer Wohnung herumzuschnüffeln.“
Dann sah er überall Menschen, die über ihn tuschelten, die ihn verfolgten oder Böses tun wollten. Rizinus-Bohnen, behauptete er, hätten sie ihm in den After eingeführt, und sie habe tatenlos daneben gestanden. Dafür gab es eine Bestrafung. Und: Er wollte die Namen auf diese Weise aus ihr herauspressen.

Verprügelt aus Eifersucht

Die fixeste seiner fixen Ideen bestand darin, dass er glaubte, die Männer hätten es auf „seine Frau“ abgesehen. Weil sie ihm die blauen Flecken nicht erklären konnte, die mutmaßlich von ihm stammten, schlug er sie wieder und wieder, um bei nächster Gelegenheit abermals danach zu fragen. O-Ton: „Wer war das, der dir das angetan hat?“ An Heiligabend war sie so zugerichtet, dass sie ein Treffen mit ihrem Vater zur Bescherung absagen musste.

Frau flüchtet ins Krankenhaus

Im Januar nutzte sie einen gemeinsamen Einkauf im Kirchener Netto-Markt, wo sie sich einen Moment lang nicht unter seinem Radar fühlte, zur Flucht ins Krankenhaus. Dort erkannte man die Verletzungen und behielt sie da. Anschließend ließ sie sich in die Wissener Psychiatrie überweisen, kehrte aber zu ihm zurück.
Im Februar legte er sich mit dem Vermieter an, dem er unterstellt hatte, ein Verhältnis mit seiner Frau zu haben. Am Ende mussten ihn vier Polizeibeamte bändigen. In der Psychiatrie fixierte man ihn nach heftiger Gegenwehr.Ausgerechnet die vier gebrochenen Rippen, die er bei den Auseinandersetzungen im Streifenwagen bzw. im Krankenhaus davongetragen hatte, nutzte Mirko F. als Argument dafür, dass er es ja nicht gewesen sein könne, der „seine Frau“ am 6. März so geschlagen habe. Allenfalls eine Ohrfeige ließ er durch seinen Verteidiger einräumen.

Unbeschreibliche Szenen

Es müssen sich in dieser Nacht unbeschreibliche Szenen in der Wohnung abgespielt haben. Mirko F. habe sie an den Haaren in die Dusche geschleift. Er habe alles abgedunkelt und die Wohnung verschlossen. Auf die Toilette durfte sie nicht, sodass sie schließlich einnässte. Nun sollte sie duschen und sich schminken, damit sie anderntags mit ihm einkaufen gehen könne.
Sandra B. hatte das alles gefasst geschildert. Reha und Therapie hatten offenbar den Entschluss in ihr reifen lassen, doch auszusagen gegen ihren mutmaßlichen Peiniger, den sie auch nach der Trennung im März noch hatte schützen wollen – durch Falschaussagen, durch Belastung Dritter.

Verletzungen haben Auswirkungen aufs Strafmaß

Die mentale Kehrtwende bei ihr brachte eine 17-stündige OP in Siegen an ihrem Unfall-Bein. Durch die mutmaßlichen Tritte ihres „Ex“ dagegen, so stellten die Ärzte fest, sind Schraubenköpfe eines Metallimplantats abgebrochen. Die Mediziner standen vor der Entscheidung, das Bein, das steif bleiben würde, noch irgendwie zu retten oder es verloren zu geben und es zu amputieren.
Die Richterin und die Schöffen ließen sich die medizinischen Implikationen genauestens schildern, denn das wird mit Sicherheit Auswirkungen aufs Strafmaß haben, sollte Mirko F. am Freitag schuldig gesprochen werden – und schuldfähig sein.
Denn Dr. Buchholz wollte eine drogeninduzierte Psychose nicht ausschließen. „Er fühlte sich von allen verfolgt.“ Träfe das zu, wäre die nächste Meldeadresse womöglich nicht die JVA, sondern die forensische Psychiatrie.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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