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Massive Verletzungen der Ex: 42-Jähriger freigesprochen
Mirko F. muss in Entziehungsanstalt

Am Betzdorfer Amtsgericht wurde Mirko F. freigesprochen, muss nun aber in eine Entzieungsanstalt.
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  • Foto: dach
  • hochgeladen von Achim Dörner (Redakteur)

dach Betzdorf. Ein gebrochener Halswirbel, Hämatome noch und nöcher, ein lädiertes Ohr und ein (zuvor operiertes) Bein, das die Chirurgen nur mit einer 17-Stunden-OP retten konnten: Die Verletzungen von Sandra B. im März dieses Jahres waren abstrakt lebensbedrohlich, wie es Gerichtsmedizinerin Dr. Elke Doberentz am ersten Prozesstag gegen Mirko F. ausgedrückt hatte. Dem Ex-Freund von Sandra B. (alle Namen geändert) wurde unter anderem vorgeworfen, ihr diese Fülle an Verletzungen zugefügt zu haben. Zu dieser Ansicht gelangte auch das Betzdorfer Schöffengericht nach der Beweisaufnahme. Aber eben auch zu jener: Die Schuld dafür trägt Mirko F. nicht. Der psychiatrische Gutachter hatte ihm nämlich am ersten von drei Prozesstagen eine Psychose attestiert, die durch Drogenkonsum entstanden ist.

dach Betzdorf. Ein gebrochener Halswirbel, Hämatome noch und nöcher, ein lädiertes Ohr und ein (zuvor operiertes) Bein, das die Chirurgen nur mit einer 17-Stunden-OP retten konnten: Die Verletzungen von Sandra B. im März dieses Jahres waren abstrakt lebensbedrohlich, wie es Gerichtsmedizinerin Dr. Elke Doberentz am ersten Prozesstag gegen Mirko F. ausgedrückt hatte. Dem Ex-Freund von Sandra B. (alle Namen geändert) wurde unter anderem vorgeworfen, ihr diese Fülle an Verletzungen zugefügt zu haben. Zu dieser Ansicht gelangte auch das Betzdorfer Schöffengericht nach der Beweisaufnahme. Aber eben auch zu jener: Die Schuld dafür trägt Mirko F. nicht. Der psychiatrische Gutachter hatte ihm nämlich am ersten von drei Prozesstagen eine Psychose attestiert, die durch Drogenkonsum entstanden ist.

Der letzte Akt gestern fing mit Verspätung an. Mirko F. war aus der U-Haft gebracht worden. In einer Zelle im Gerichtsgebäude stieß Verteidiger Daniel Walker für eine letzte Besprechung hinzu. Daraufhin muss Mirko F. ausgerastet sein. „Die sind gerade mit drei Mann bei dem drin, versuchen ihn zu beruhigen“, sagte Richterin Melanie Neeb zu den übrigen Prozessbeteiligten, den Kopf aus der Tür zum hinteren Beratungszimmer gereckt.

Mit Tamtam wurde der Angeklagte schließlich in den Gerichtssaal geführt. Mirko F. setzte sich lautstark in Szene: „Ich lehne Sie wegen Befangenheit ab“, adressierte er an die Vorsitzende Richterin. Mit ihr wolle er die Verhandlung nicht fortsetzen. „Ich lehne Sie komplett ab.“ In der Folge fiel der 42-Jährige der Richterin mehrfach ins Wort, die Krönung: „Lassen Sie sich mal gegen Empathie impfen, eine Auffrischung.“

Letztlich begründete er den Befangenheitsantrag damit, dass er von der Befragung seiner Ex-Freundin kein schriftliches Protokoll erhalten habe und somit auf deren Anschuldigungen nicht habe reagieren können. Mirko F. war bei der Zeugenvernehmung von Sandra B. des Saales verwiesen worden (was er ebenfalls als Befangenheitsgrund anführte). Das hatte Rechtsanwältin Rita Holstein-Brass als Beistand von Sandra B. beantragt. Und: Neeb habe in seiner Insolvenz als zuständige Richterin während des Verfahrens ihre rechtliche Einschätzung geändert. Sie sei ihm also alles andere als wohlgesinnt, so der Tenor des Angeklagten. Neebs Kollegin Tanja Becher entschied später über den Antrag von Mirko B. – und erklärte diesen Vorstoß als unzulässig bzw. als unbegründet.

Zuvor hatte sich Mirko B. beschwert: Die vergangenen sieben Jahren sei er straffrei geblieben, und bloß wegen der Aussage „seiner Frau“ sei er wieder auf der Anklagebank gelandet. Diesen Sitzplatz kennt er allerdings bereits: Elf Einträge förderte Neebs Blick in das Bundeszentralregister zutage, darunter Körperverletzung, Drogendelikte, Beleidigung, Schwarzfahren und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Letzteres war ebenfalls Teil der Anklage, gleich dreimal.

Das obligatorische letzte Wort vor Gericht nutzte Mirko F. nochmals, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Seine Ex, die er weiterhin „meine Frau“ nannte, habe nach einer Bein-OP „keinen Bock mehr auf Körperpflege“ gehabt, habe die Wohnung verdrecken lassen und nur noch „konsumiert, konsumiert, konsumiert“. Auch er habe sich schon mal an Drogen gütlich getan, seine Herzdame sei aber stets „drauf“ gewesen. Und dann sei da ja noch die Sache mit den Rizin-Bohnen, die ihm der Dealer seiner Ex nach einer Betäubung ins Hinterteil geschoben habe, um in zu vergiften. Und diesen Dealer habe eben Sandra B. heimlich in die Wohnung gelassen. Er wiederum habe alles für seine damalige Freundin getan. Zwar habe er sie „mehrfach massiv geohrfeigt“, ihr aber keinesfalls etwa den Arm gebrochen.

Staatsanwältin Merle Eckhard forderte ein Jahr und vier Monate Haft, und zwar für die Widerstandstaten. Auch die massiven Verletzungen habe er wohl seiner damaligen Freundin zugefügt, zur Rechenschaft zu ziehen sei er aber dafür nicht. Auch Daniel Walker stützte sich auf die Expertise von Gutachter Dr. Gerhard Buchholz. Nur kam der Strafverteidiger zu einer anderen Schlussfolgerung: Mirko F. sei bei allen angeklagten Taten schuldunfähig gewesen, also komplett freizusprechen.
Und genauso sah es auch die Kammer. Neeb sprach in ihrer Urteilsbegründung von einer aufgehobenen Steuerungsfähigkeit. Sie hob auch den Haftbefehl auf, verlas aber im selben Atemzug einen vorläufigen Unterbringungsbefehl: Mirko F. muss in eine Entziehungsanstalt. Hier bleibt er maximal zwei Jahre, wie lange konkret, darüber haben Ärzte zu befinden.

Nach der spontanen Freude über den folgenden Freispruch und der Ernüchterung, nachdem er verstanden hatte, dass es für ihn nun in eine Anstalt geht, tauschte sich Mirko F. noch säuselnd mit Sandra B. aus – und gab ihr schließlich mit auf den Weg: „Pass’ auf dich auf. Ich hab’ dich lieb.“

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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