Mit dem Drahtesel direkt in den Eselstau

Andreas Wever fuhr diesmal mit dem Rad von Betzdorf nach Marrakech/Teil I seines aufregenden Reiseberichts

sz Betzdorf. Mein Drahtesel ist bepackt. Nach ausgiebigem Frühstück an jenem Septembermorgen geht es los. Grobes Ziel: Irgendwo ins nördlichste Afrika. Ob Timbuktu oder Agadir, ist doch egal. Der Weg ist das Ziel! Und dieser beginnt bereits vor meiner Haustür. Entgegen meinen sieben Radreisen zuvor in abgelegensten Regionen dieses Planeten starte ich diesmal direkt von Betzdorf. Die ersten 14 Tage werde ich von Alex begleitet.

In Deutschland verfahren

Irgendwo hinter Friedberg verlieren wir bereits die Orientierung. Obwohl am Horizont bereits die Skyline Frankfurts auftaucht, verheddern wir uns auf Wirtschaftswegen zwischen Autobahnen und Bundesstraßen. In der Mongolei kam ich mal gewaltig vom Kurs ab, auch schon mal in Tibet und Chile, aber gleich hier am ersten Tag auf dem Weg nach Frankfurt? Radelnde Einheimische lotsen uns an die Nidda, die uns an den Main führt. Entlang des Flusses schon der Hauch der großen, weiten Welt. Menschen verschiedenster Volksgruppen verbringen den schönen Spätsommerabend an den Ufern. In zahlreichen Grüppchen wird gefeiert, gegrillt, gelacht, gespielt und geplaudert. Am Abend erreichen wir die Wohnung meiner Schwester im Schatten des Mainzer Doms.

Wir folgen dem belebten Rhein-Radwanderweg und biegen kurz vor Ludwigshafen ab in die Pfalz. Beim Campieren in den Weinbergen hinterlässt eine vorwitzige Feldmaus ein 2 Euro großes Guckloch im Zeltboden. Über die Weinstraße verlassen wir Deutschland und gelangen ins Elsaß. Hier finden wir ideale Radlerbedingungen vor, teils entlang des Rhein-Marne Kanals, nach Sully an der Loire. Nach dem Besuch einer befreundeten Familie, die auch einige Zeit in Betzdorf lebte, radeln wir vorbei an den berühmten Schlössern und Burgen der Loire stromaufwärts bis Decize, Betzdorfs malerische Partnerstadt. Nach einer Ehrenrunde auf der Rue de Betzdorf nehmen wir Kurs weiter gen Süden, nachdem wir noch das Straßenschild mit Brennspiritus von Schmierereien befreien. Bei Clermond-Ferrand nehme ich Abschied von Alex, deren Urlaub nun vorüber ist und einen Zug heimwärts nimmt.

Ungebetener Nager

Mein Weg führt über die Wälder und Hochheiden des Zentralmassivs und den Cevennen. Es ist recht kalt, und ich verbringe manch ungemütliche Nacht auf einsamen Campingplätzen. Gewitter und Wassereinbruch am Zeltboden, die Pfälzer Feldmaus lässt grüßen. Unübersehbar sind die Folgen des Dauerregens im küstennahen Arles. Hochwasser verwüstete hier zahlreiche Campingplätze.

Generalprobe für Thailandreise

Per Billigflieger trifft im südfranzösischen Montpellier Nina ein, meine Begleitung bis Madrid. Für die Wuppertaler Studentin ist es so eine Art Generalprobe für ihre geplante große Radreise von Thailand nach Hause. Gemeinsam quälen wir uns über die Pässe der Pyrenäen ins winzige Fürstentum Andorra. In diesem Einkaufs- und Steuerparadies komplettiert Nina ihre Ausrüstung für ihre große Reise u.a. mit einem Schweizer Messer, Kompass und einen 400000 Volt Elektroschocker zur Selbstverteidigung. Letzterer beunruhigt mich ein wenig und hoffe, sie benützt ihn nicht, um mich morgens im Zelt zu wecken. Um rechtzeitig ihren Rückflug zu erreichen, nehmen wir von Zaragossa einen Bus nach Madrid. Ich verbringe noch ein paar Tage in der quirligen Hauptstadt bevor ich mich auf den Weg weiter westwärts mache.

»Valle del Jerte«

Bereits nach einer Tagesetappe strample ich ins nächste Gebirge. Eine einsame Höhenstrasse führt durch die »Los Credos«, eine über 2500 m hohe Gebirgskette. Ich bin überrascht. Landschaften, die ich so und hier nie erwartet habe, geben mir manchmal das Gefühl, irgendwo in Südamerika unterwegs zu sein. Im »Valle del Jerte«, einem wunderschönen und fruchtbaren Tal mit legendären Süßkirschen, besuche ich Sindo, einen Weggefährten in den chilenischen Anden. Auch mich verzaubern, wie Touristenscharen aus der ganzen Welt, die unzähligen Kathedralen, Museen und Paläste in Sevilla, meine nächste Station.

Der berühmte »Valle del Jerte«

Auf dem Weg nach Andalusien begegne ich einem radelnden Maler. Um die prächtigen Landschaften in Bildern festhalten zu können, hat der ältere Engländer sogar ein Klappstuhl auf seinem Rad festgezurrt. Hier im Süden zeigt sich Spanien von einer seiner schönsten Seiten. Unberührte Wälder wechseln mit Feldern und Olivenhainen. Kleine, weiß getünchte Dörfer liegen versprenkelt in den Bergen. Bald erblicke ich wieder das Meer und umkurve noch in der Dämmerung den berühmten Affenfelsen an Europas südlichstem Zipfel.

Alles »very British«

Die Kronkolonie Englands zeigt sich hier sehr britisch. Ich bahne mir den Weg vorbei an Doppeldeckerbussen und schwarzen Taxis, Pubs und indischen Lebensmittelläden bis ein schrilles Trillerpfeifen mich aus meinen Gedanken reißt. »Runter vom Rad und schieben«, raunzt mir ein uniformierter hysterischer Bobby in nächtlicher Einsamkeit hinterher, auch »very British«. Am »Punta Europa« sehe ich in der Dunkelheit über die Meerenge von Gibraltar Lichter in der Ferne, Afrika!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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