Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

In den Reihen eines Kreisliga-Clubs gibt es höchstens neun Freunde / Prozess in Betzdorf

damo Betzdorf. Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten. Und: Elf Freunde sollt ihr sein. Die letztgenannte Bolzplatz-Weisheit ist wohl die wichtigste – schließlich hat sich Franz Beckenbauer höchst persönlich vor einigen Jahrzehnten zu einer Akustik-Attacke mit dem Titel »Echte Freunde« hinreißen lassen. Leider aber scheint die hehre Botschaft des Kaisers im Oberkreis in Vergessenheit geraten zu sein. Da gibt’s nämlich in einer Kreisliga-Mannschaft maximal neun Freunde. Die anderen Beiden standen gestern vor Gericht.

Auf der Anklagebank saß Ekiz U. – auf dem grünen Rasen Verteidiger. Beinhart auch gegen seine Mitspieler? Laut Anklageschrift ja, laut eigener Aussage nicht. Mittelfeld-Motor Ramazan Ö. soll Opfer eines Foulspiels in der Kabine geworden sein. Also hat er sich beschwert; als Schiedsrichter musste gestern Richter Dr. Orlik Frank herhalten. Und der war begreiflicherweise nicht auf Ballhöhe und musste sich so den Vorfall in allen Details schildern lassen.

Alles hat abseits des grünen Rasens begonnen. Ekiz U. wollte Alufelgen samt Reifen verkaufen – Ramazan Ö. war einverstanden und nahm die Reifen mit. Das Geld wolle er in einigen Tagen bezahlen, schilderte Ekiz U. das Geschäft aus seiner Sicht. Dann sei Reifenkäufer Ramazan Ö. arbeitslos geworden, habe auch nach einem halben Jahr nicht gezahlt und stattdessen die Reifen zurück gegeben. Ekiz U. allerdings wollte sein Geld haben. Gar nicht wahr, behauptete Ramazan Ö.: Der TÜV hätte die Felgen nicht abgenommen; deshalb habe er sie zurückgebracht. So viel zur Vorgeschichte – und damit zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

Wir schalten jetzt hinüber auf den Fußballplatz. Dort trainierten die Kreisliga-Kicker, und nach dem Training saßen die Männer in der Kabine zusammen. Ramazan Ö., seines Zeichens Kassenwart, verkaufte seinen Mitspielern Getränke. Auch Ekiz U. hatte Durst. Ramazan Ö. machte ihm aber klar, dass er noch drei Euro Schulden bei der Mannschaftskasse habe. »Daraufhin hat er eine Cola-Dose nach mir geworfen. Ich bin ausgewichen. Er ist aufgestanden und hat mich geschlagen.« Klare Tätlichkeit, rote Karte?

So einfach ist das nicht – denn auch die verbale Zeitlupe brachte keine Klarheit. Denn Ekiz U. wähnte sich in einem Komplott: »Das ist alles gelogen. Ich habe drei Euro Schulden, und ich habe im Scherz gesagt, dass er die drei Euro von seinen Schulden aus dem Reifen-Geschäft abziehen kann.« Und dann sei Ramazan Ö. ausgeflippt: »Er hat die Dose geworfen, nicht ich.« Aber warum hat dann ausgerechnet Ramazan Ö. eine Anzeige erstattet? Erklärung des Angeklagten: Um die leidige Vorgeschichte mit dem geplatzten Reifen-Deal aus der Welt zu schaffen.

Folglich ein Fall für das Betzdorfer (Sport-)Gericht. Drei Mitspieler sollten mit ihren Zeugenaussagen Klarheit in das Dunkel um das Kabinen-Foul bringen. Alle drei aber standen nach eigener Aussage klar im Abseits: Obwohl es nur zwei Duschen gibt, wollte keiner den Vorfall beobachtet haben – alle drei waren nämlich nach eigener Aussage unter der Dusche.

Das kam Richter Dr. Frank und dem Vertreter der Staatsanwaltschaft aber recht merkwürdig vor. »Eine Seite muss lügen«, kombinierte der Richter – aber welche? »Ramazan Ö. hat durchaus einen guten Eindruck hinterlassen«, sagte der Richter. »Schon klar, dass ich mit meiner dicken Akte keinen guten Eindruck mache«, leitete der Angeklagte mit einem rhetorischen Flachpass seinen Konter ein. In der Tat: Wegen einiger Verfehlungen außerhalb des Strafraums hat Ekiz U. so manches Fußballspiel verpasst; unter anderem musste er bereits eine knapp zweijährige Jugendstrafe verbüßen.

Weil die TV-Bilder aus der Kabine fehlen, ließ sich der Fall nicht ohne weiteres klären. Foul oder Revanche-Foul? Und: Verwarnung oder mehrmonatige Sperre, also Haftstrafe? Richter Dr. Frank setzt jetzt auf seinen Linienrichter: Der Polizist, der damals die Anzeige gegen Ekiz U. entgegen genommen hat, soll am kommenden Dienstag die verbale Fahne schwenken. Einmal mehr greift damit eine alte Binsenweisheit: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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