SZ

Fichtensterben sei kein Wald-, sondern ein Forstproblem
Naturschutzinitiative fordert radikale Kehrtwende im Wald

Ein Wald wie bei den Brüdern Grimm, märchenhaft schön. Die Naturschutzinitiative fordert einen Bewusstseinswandel. Foto: H. Neumann
  • Ein Wald wie bei den Brüdern Grimm, märchenhaft schön. Die Naturschutzinitiative fordert einen Bewusstseinswandel. Foto: H. Neumann
  • hochgeladen von Redaktion Altenkirchen

sz/goeb Kreis Altenkirchen. Mittlerweile kann niemand mehr die Augen verschließen vor den tiefgreifenden Schadensbildern in den Fichtenwäldern in Deutschland und Mitteleuropa allgemein. Dazu äußert sich nun auch die Naturschutzinitiative (NI) als anerkannter Naturschutzverband.

Während Haubergsgenossenschaften, Staatsforst und Privatwaldbesitzer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sieht die NI „die großflächigen Schäden in den deutschen Fichtenforsten“ als Chance für zukünftige Nachhaltigkeit.

Es handele sich nämlich nicht um ein...

sz/goeb Kreis Altenkirchen. Mittlerweile kann niemand mehr die Augen verschließen vor den tiefgreifenden Schadensbildern in den Fichtenwäldern in Deutschland und Mitteleuropa allgemein. Dazu äußert sich nun auch die Naturschutzinitiative (NI) als anerkannter Naturschutzverband.

Während Haubergsgenossenschaften, Staatsforst und Privatwaldbesitzer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sieht die NI „die großflächigen Schäden in den deutschen Fichtenforsten“ als Chance für zukünftige Nachhaltigkeit.

Es handele sich nämlich nicht um ein Waldproblem, schreibt der Verband mit Sitz in Quirnbach im Westerwaldkreis an die SZ, sondern um ein Forstproblem, da zumeist naturferne Wirtschaftsforste von der Trockenheit der letzten beiden Sommer und von dem Befall durch Borkenkäfer betroffen seien. Das betonen Harry Neumann, Bundes- und Landesvorsitzender der NI, sowie Dipl.-Biologe Konstantin Müller vom NI-Vorstand.

Jetzt müssten endlich die richtigen Schlüsse beim Waldumbau gezogen werden. Als „Holzweg“ bezeichnet der Verband die staatliche Förderung nach den Kalamitäten durch Borkenkäfer und Trockenheit. Damit, wird Dipl.-Biologe Immo Vollmer zitiert, werde „ein System anfälliger Forst-Monokulturen bzw. Holzfabriken am Leben erhalten, die ursächlich für das aktuelle Problem sind“.

Die NI hält es für wissenschaftlich nicht haltbar, die Schäden alleine dem Klimawandel zuzuschreiben. Das Kernproblem sei vielmehr, dass Bäume oft nicht an dafür geeigneten Standorten angepflanzt wurden und werden. Weiterhin sei die derzeitig praktizierte Waldbewirtschaftung viel zu intensiv, wodurch verhindert werde, dass der Wald sein eigenes stabiles Innenklima entwickeln könne, so Konstantin Müller, NI-Vorstandsmitglied.

Die klimatischen Stressfaktoren 2018/19 wirkten sich außer auf Grenzstandorten nicht flächig aus, sondern hauptsächlich dort, wo der Wald durch Entwässerungen, Bauprojekte oder eine nicht an den nachhaltigen Schutz des Waldes ausgerichtete Forstwirtschaft vorgeschädigt worden sei, liest man.

„Trotz der augenfälligen Schäden in Fichtenforsten sollte jegliche Panikmache vermieden werden. Diese führt einerseits nur zu neuen Zukunftsproblemen und andererseits liegt ihr häufig auch nur die Kaschierung finanzieller Geschäftsinteressen zu Grunde. In naturnahen und geschlossenen Wäldern sind Bäume dagegen überwiegend robust gegenüber den momentanen Stressfaktoren.“

Die Naturschutzinitiative fordert:

• Schutz und Optimierung naturnaher Wälder durch Spreizung der Altersklassen mit einem hohen Anteil von Starkholz. Baumarten der natürlichen Vegetation seien klimatisch widerstandsfähiger.

• Abkehr von Holzplantagen, Zuwendung zur ökologischen Waldwirtschaft.

• Schonende Erntemethoden mit vorwiegender Nutzung von Einzelbäumen oder Baumgruppen (Femeln). Von diesen Wäldern sei anzunehmen, dass sie auch eine besonders hohe Leistungsfähigkeit für die CO2-Bindung haben.

• Globales Handeln , wobei der weltweite Raubbau an Wäldern gestoppt werden müsse. „Denn ohne dieses sind sämtliche Anstrengungen zur CO2-Reduktion in Deutschland Makulatur“.

• Keine Aufforstung mit Fremdbaumarten, Vorrang für die natürliche Sukzession. Fremdländische Hölzer seien schon heute eine wesentliche Ursache des aktuellen Waldproblems, da diese nicht lebensraumtypisch und standortgerecht seien. Forste mit nicht heimischen Arten seien immer ein „Kunstzustand“, der nicht dem grundsätzlichen Anspruch des Schutzes heimischer Vegetation entspreche. Viele heute als Zukunftsarten diskutierte Arten wie die Douglasie hätten zudem negative Wirkungen auf den Wasser- und Bodenhaushalt und seien strikt abzulehnen.

• Aufforstung sollte eine Ausnahme sein, da die leicht gesteuerte natürliche Sukzession über eine Phase der Pionierbaumarten mit späterer Förderung der Nutzhölzer auch hinsichtlich des Naturhaushaltes den größten Nutzen für Biodiversität und ökologischen Waldumbau biete.

• Waldschutz durch Verzicht auf großflächigen Schirmschlag und standortschädigenden Erntemethoden mit schweren Harvestern. Dies ruiniere die Böden durch Verdichtung und Entwässerung.

• Wasser-Retention im Wald erhöhen durch Schutz der natürlichen Feuchtwälder und Nichtwaldvegetation an Stauwasserstandorten.

• Keine Windkraft im Wald. Der Verein argumentiert mit hohen Schlagopferzahlen bei Fledermäusen und Großvögeln sowie mit gravierenden Schäden bei der Waldarchitektur. Pro „Windindustrieanlage“ werde bis zu 1 ha Wald vernichtet. Hinzu kämen breite Schneisen, Bödenverdichtung und ein Unterbrechen der Wasserkreisläufe durch tiefe Baugruben.

• Keine überstarke Reduktion des Schalenwildes „zum Schutz des Waldes“. Der Wald müsse Raum für naturgemäße Wildbestände haben, die Teil des Waldbiotops seien, darunter der Rothirsch. Das Schalenwild wirke in vielerlei Hinsicht auch positiv auf einen naturnah gestuften Wald mit einer guten Abfolge der Altersklassen und einer hohen natürlichen Artenvielfalt.

• Ein Anteil an Kalamitätenflächen könnte zukünftig prioritär der Wildäsung dienen, um den Artenreichtum auch an Kräutern und Wirbellosen zu fördern und den Fraßdruck aus Wirtschaftsbeständen zu nehmen.

In ihrem Resümee fordern die Vorständler, dass Wälderbewirtschaftung ökologische Gesichtspunkte verinnerlichen müsse und nicht die Interessen der Holzindustrie. Der Forst müsse dringend wieder mehr Personal bekommen, damit er auch seiner ökologischen Verantwortung nachkommen könne. Die NI fordert ferner eine erhebliche Verminderung des Einschlags sowie den stärkeren Aufbau naturnaher Flächen bis hin zu Tabuzonen.

Autor:

Redaktion Altenkirchen aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

4 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen