SZ

Programm „Intasaqua“
Nister als einzigartigen Lebensraum retten

Von der Brücke in Stein-Wingert aus genießt man eine schöne Aussicht auf die Nister. Sie gilt nach wie vor als ein besonders wertvoller Lebensraum.
3Bilder
  • Von der Brücke in Stein-Wingert aus genießt man eine schöne Aussicht auf die Nister. Sie gilt nach wie vor als ein besonders wertvoller Lebensraum.
  • Foto: goeb
  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

goeb Stein-Wingert. „Ruinenbestände“, „Reliktvorkommen“ – das sind besonders hässliche Vokabeln, welche die Naturschützer am liebsten aus ihrem Wortschatz tilgen würden. Doch sie sind heute in aller Munde. Sie spiegeln einen Teil der Wirklichkeit wider, auch in unseren Bächen und Flüssen.
Beispiele gefällig? Selbst in der Nister, einem relativ naturbelassenen Nebenfluss der Sieg, ist der Bestand an Bachmuscheln in den vergangenen Jahren um 50 – in Worten: fünfzig! – Prozent zurückgegangen. Von der vom Aussterben bedrohten Flussperlmuschel, die stattliche hundert Jahre alt werden kann, gar nicht zu sprechen. Adulte, also ausgewachsene Flussperlmuscheln gibt es schon nicht mehr und vom Bachmuschelbestand weiß man aus Erhebungen, dass es steil bergab geht.

goeb Stein-Wingert. „Ruinenbestände“, „Reliktvorkommen“ – das sind besonders hässliche Vokabeln, welche die Naturschützer am liebsten aus ihrem Wortschatz tilgen würden. Doch sie sind heute in aller Munde. Sie spiegeln einen Teil der Wirklichkeit wider, auch in unseren Bächen und Flüssen.
Beispiele gefällig? Selbst in der Nister, einem relativ naturbelassenen Nebenfluss der Sieg, ist der Bestand an Bachmuscheln in den vergangenen Jahren um 50 – in Worten: fünfzig! – Prozent zurückgegangen. Von der vom Aussterben bedrohten Flussperlmuschel, die stattliche hundert Jahre alt werden kann, gar nicht zu sprechen. Adulte, also ausgewachsene Flussperlmuscheln gibt es schon nicht mehr und vom Bachmuschelbestand weiß man aus Erhebungen, dass es steil bergab geht. 6108 Einzeltiere wurden im Jahr 2007 nur noch gezählt, 2413 waren es sechs Jahre darauf.

Es gibt noch Hoffnung

Diplom-Geograph Roman Hugo vom Büro ecolo-gis aus Blieskastel im Saarland, dessen Haltung bei der Arbeit in der Regel die eines gebückten Menschen ist, nicht aus Gram, sondern weil er sich den ganzen Tag entweder über Süßwassermuscheln in den Becken der Aufzuchtstation in Stein-Wingert beugt oder im Fluss selbst nach Muscheln sucht, hat die Hoffnung dennoch nicht aufgegeben.
Im Gegenteil: Beim Ortstermin in diesen Tagen, zusammen mit Landrat Dr. Peter Enders sowie Christiane Schuler von der Unteren Wasserbehörde des Kreises, Manfred Fetthauer von der Arge Nister und Forschern der die Renaturierung der Nister intensiv begleitenden Uni Koblenz-Landau schimmerte ein Silberstreif am Horizont der Biodiversität auf.Christiane Schuler leitet das Projekt „Integrativer Artenschutz aquatischer Verantwortungsarten an der Nister“ (Intasaqua) in Trägerschaft der Landkreises. Wenn es überhaupt noch Muscheln in Mittelgebirgsflüsschen gibt, dann hier. „Die Bestände sind aber dermaßen zurückgegangen, es ist wirklich fünf vor zwölf“, bedauerte sie, machte aber auch Mut.
Hugo gelang es ganz im Sinne von Intasaqua, das sich den Schutz der Lebensgemeinschaften in der Nister und insbesondere dem Schutz der Muscheln verschrieben hat, aus 110 im Fluss gesammelten Elterntieren der Bachmuschel in der Station 12 000 Jungtiere heranzuziehen.
Zwar sind die Winzlinge nur 3 bis 4 Millimeter groß, aber es gibt gute Gründe anzunehmen, dass, wenn sie im Mai in den Fluss entlassen werden,1 Zentimeter groß, sie den Grundstock für dauerhaftes Muschelleben werden legen können.
„Ja, es geht nach oben mit der Nister“, merkte Fetthauer vorsichtig an. Allerdings sind die Anstrengungen, die dazu geführt haben, beträchtlich. Immer weniger Fische gab es vor Jahr und Tag im Fluss, stattdessen verwandelten sich die weiß leuchtenden Kiesbänke, für die die Nister einst bekannt war, in glitschige Algengründe. Die Muschellarven, die sich in die Kiemen ihrer Wirtsfische verbeißen, ehe sie sich nach fünf bis sechs Wochen fallen lassen, bekommen große Probleme, wenn sie statt in ein sauberes Kiesbett in eine grüne, schleimige Hölle eintrudeln.

Nister ist ökologisch gekippt

Die Nister ist ökologisch gekippt und sie würde weiter kippen und sich verwandeln in einen artenarmen Wasserlauf, wie viele andere Bäche und Flüsse ringsum, wenn man durch verbessernde Maßnahmen nicht dagegenhielte. So fehlen an vielen Stellen die Fische, die den Algenrasen abraspeln, etwa die Karpfenarten Nase und Barbe, die wiederum die Wirtsfische für die Muschellarven sind. Nur da, wo man biotopverbessernde Maßnahmen durchführt, ist Erfolg sichtbar.„Das bringt ungemein viel“, sagte Fetthauer euphorisch. Bei einer Probebefischung hatte man auf einem renaturierten Abschnitt kürzlich 13 Fischarten festgestellt. Aber: „Weiter unten ist alles tot.“
Das Intasaqua-Projekt läuft zunächst bis September 2022 und hat ein Budget von 1,2 Millionen Euro. Den Löwenanteil stemmt das Bundesministerium für Umwelt (Bundesamt für Naturschutz). 23,6 Prozent finanziert das Land Rheinland-Pfalz und den verbleibenden Anteil steuern die Landkreise Altenkirchen und Westerwald sowie einige Verbandsgemeinden am 64 Kilometer langen Flüsschen dazu.

Große Unterstützung aus Bevölkerung

Wie diese Mittel u. a. eingesetzt werden, davon konnten sich der Landrat und die übrigen Teilnehmer nahe dem Wanderparkplatz bei Helmeroth-Flögert einen Eindruck verschaffen. Ein großer Bagger ist in diesen Tagen dabei, Nebenwasserläufe der Nister, die in den letzten Sommern stets trockengefallen waren, wieder an den Fluss anzubinden. Zusammen mit den Biologen der Uni werden Totholz und Wasserbausteine verbaut und Kies unterschiedlicher Korngröße sowie Mächtigkeit in die Gräben eingebracht.Die Biologen erfassen die Auswirkungen auf die Lebewesen, man hofft, die wertvollen Erkenntnisse auch auf andere Gewässer übertragen zu können. Dr. Meike Köster von der Projektgruppe Fließwasserökologie der Uni Koblenz-Landau sagte, man könne die Bedeutung des Nisterprojekts für die Wissenschaft gar nicht hoch genug einschätzen. „Hier passiert tatsächlich was.“
Sie lobte auch die große Unterstützung durch die Bevölkerung. „Die wissen alle, wenn sie komische Dinge aus Metall im Fluss sehen, die sind von uns“, sagte sie augenzwinkernd.
Manfred Fetthauer erinnerte daran, dass die Älteren die Nister noch anders in Erinnerung haben. „Wir sind in der Kindheit in der Nister baden gegangen.“ Damals gab es noch die schönen weißen Kiesbänke – und so soll es wieder sein.

Schwierige Muschelzucht 

Früher waren Süßwassermuscheln in unseren Fließgewässern häufig, heute gibt es, wenn überhaupt, nur noch Restvorkommen. Dabei ist die ökologische Leistung von Muschelkolonien nicht zu unterschätzen. Muscheln sind Wasserfiltrierer, und man weiß heute, dass eine einzige adulte Bachmuschel bis zu 90 Liter Wasser am Tag filtriert. Ein Muschelvorkommen auf 10 Kilometer Länge, wie früher in unseren Strömen, kann die Abwasserlast einer Großstadt neutralisieren. Über die Ökologie unserer Muscheln ist noch nicht so viel bekannt. Die Muschelzucht gilt als äußerst diffizile Angelegenheit, die einerseits ein hohes Maß an Fachwissen, Sorgfalt und insbesondere in der kritischen Entwicklungsphase eine äußerst intensive Betreuung der Jungtiere erfordert. Wissenschaftlich wird das Projekt von der Uni Koblenz-Landau sowie von der TU München begleitet, die die Muscheln auch genetisch analysiert. Dies hat u.a. Einfluss auf die Auswahl der Zuchttiere. Auch der internationale „Muschelpapst“ Prof. Dr. Jürgen Geist aus München war in diesem Jahr bereits an der Nister.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

5 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen