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Waldbesitzer demonstrieren in Mainz
„Ohne Hilfe haben wir hier bald Steppe“

Julia Klöcker verließ kurz die Agrarministerkonferenz, um zu den Demoteilnehmern zur sprechen. Franz Prinz zu Salm-Salm begrüßte sie freundlich.
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  • Julia Klöcker verließ kurz die Agrarministerkonferenz, um zu den Demoteilnehmern zur sprechen. Franz Prinz zu Salm-Salm begrüßte sie freundlich.
  • hochgeladen von Dr. Andreas Goebel (Redakteur)

damo Mainz/Kirchen. Die Geschichte ist im Kern immer dieselbe, unterschiedlich sind nur das Ausmaß der Katastrophe und die jeweilige Baumart. Exemplarisch sei ein älterer Mann aus dem Harz zitiert: „Ich mag gar nicht mehr in meinen Wald gehen“, erzählt er, nachdem er Kamera und Schreibblock entdeckt hat. Keine Frage: Hier, an diesem verregneten Tag in Mainz, will er seine Geschichte loswerden. „75 Hektar, und alles ist kaputt“, klagt er. „Es muss was passieren, deshalb bin ich extra aus dem Harz nach Mainz gekommen.“ Dort haben am Freitag die Agrarminister getagt – mit anderen Worten: Sämtliche Adressaten der Kritik der Waldbauern hatten sich im Tagungshotel Atrium versammelt. Nur folgerichtig, dass der Waldbesitzerverband zu einer Demo aufgerufen hatte.

damo Mainz/Kirchen. Die Geschichte ist im Kern immer dieselbe, unterschiedlich sind nur das Ausmaß der Katastrophe und die jeweilige Baumart. Exemplarisch sei ein älterer Mann aus dem Harz zitiert: „Ich mag gar nicht mehr in meinen Wald gehen“, erzählt er, nachdem er Kamera und Schreibblock entdeckt hat. Keine Frage: Hier, an diesem verregneten Tag in Mainz, will er seine Geschichte loswerden. „75 Hektar, und alles ist kaputt“, klagt er. „Es muss was passieren, deshalb bin ich extra aus dem Harz nach Mainz gekommen.“ Dort haben am Freitag die Agrarminister getagt – mit anderen Worten: Sämtliche Adressaten der Kritik der Waldbauern hatten sich im Tagungshotel Atrium versammelt. Nur folgerichtig, dass der Waldbesitzerverband zu einer Demo aufgerufen hatte.

Und der Ruf war weithin gehört worden, noch über den Harz hinaus. Den weitesten Weg hatte die Delegation des Waldbesitzerverbands aus Sachsen-Anhalt. Deren Vorsitzender, Franz Prinz zu Salm-Salm, sorgte dafür, dass niemand die Reisegruppe aus dem Osten der Republik übersehen konnte. Der Adlige griff immer wieder zum Mikro – und er teilte gewaltig aus. Gegen den Sachbuchautor Peter Wohlleben, gegen die Umweltverbände, gegen (grüne) Politiker. Nicht zu übersehen: Der Stachel des Frusts sitzt bei den Waldbauern tief.

Verwunderlich ist das nicht, schließlich müssen sie mitansehen, wie die Arbeit ihrer Vorfahren binnen kürzester Zeit vom Heer der Borkenkäfer pulverisiert wird. Mächtige Fichten, die hundert Jahre lang den Stürmen getrotzt haben, fallen zu abertausenden den Käfern zum Opfer. Unmengen Holz, für das sich kein Käufer findet, stapelt sich im Wald, und noch mehr tote Bäume konnten gar nicht erst gefällt werden, weil dazu die Kapazitäten fehlen. Und nennenswerte Unterstützung haben die Waldbauern bislang nicht erfahren.

Erschwerend kommt hinzu, dass die alte Regel, nach der vor allem die Bäume angegriffen werden, die unter Trockenstress leiden, offenbar keinen Bestand mehr hat. Hans-Georg Gerhardus, Haubergsgenosse aus Mudersbach, ist gemeinsam mit knapp 50 anderen Waldbauern aus dem AK-Land nach Mainz gefahren. Er erzählte am Rande der Demo, dass sie in Mudersbach unlängst einen Bestand fällen mussten, der auf einem feuchten Nordhang stand. „Es ist die schiere Masse der Käfer“, meint Gerhardus.

Diese Einschätzung teilt auch Alois Hans von der Holzvermarktungsgesellschaft Westerwald-Sieg: „Wir haben das Rennen verloren. Der Käfer hat uns überrollt. Und das eigentlich Schlimme: Es ist noch nicht zu Ende.“ Das drastische Leiden und Sterben des Waldes beschränkt sich auch längst nicht mehr auf die Fichten: „Auch die Buchen in Kammlagen verabschieden sich“, sagt Lothar Klein, Vorsitzender der Waldgenossenschaft Obernau im Siegerländer Johannland. „Ohne Hilfe von außen haben wir hier bald Steppe“, lautet seine düstere Prophezeiung.

Mit ihrer Forderung auf staatliche Hilfe verstehen sich die Waldbesitzer keineswegs als Bittsteller, wie Prinz zu Salm-Salm mehr als einmal ins Mikro gerufen hat. Ganz im Gegenteil: Die Waldbesitzer erbrächten eine wichtige Leistung für die Gesellschaft, schließlich reinige ihr Wald das Wasser, diene der Erholung der Bevölkerung, liefere wertvolles Bauholz – und, in Zeiten des Klimawandels besonders wichtig, fungiere als gigantischer CO2-Speicher. Da sei es nur legitim, dass diese Leistungen auch honoriert würden, verlangte auch Michael Prinz zu Salm-Salm, ehemaliger Waldbesitzer-Präsident: „Wir müssen am CO2-Handel beteiligt werden, und zwar als diejenigen, die die Erlöse bekommen.“

Außerdem möge sich die Politik vergegenwärtigen, dass die Waldbesitzer nicht nur Opfer der Dürrekatastrophe seien, sondern zugleich die einzigen, die für den Wald eine Lösung schaffen könnten. „Wenn wir scheitern und die Brocken hinschmeißen“, rief Volker Schulte (Initiativkreis Kleinprivatwald) vom Podium aus den Leuten zu, „dann werden die da im Hotel noch größere Probleme bekommen“.

Eine von denen da im Hotel kam tatsächlich raus: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner stapfte mit ihren Pumps tapfer durch den Matsch bis an den Ackerrand, wo die Waldbauern ausharrten, hin und wieder ihre Parolen skandierten, alles in allem aber einen sehr gesitteten Eindruck hinterließen. Dort wurde sie freundlich empfangen: Franz zu Salm-Salm bescheinigte Klöckner, dass sie das Problem endlich erkannt habe – nachdem 30 Jahre lang „niemand in Deutschland Forstpolitik gemacht“ habe.

Klöckner rief noch einmal das Millionenpaket ins Gedächtnis, das als Ergebnis des Waldgipfels präsentiert worden war. Im Dezember solle über die exakte Verteilung des Geldes gesprochen werde, und dann solle es „schnell und unbürokratisch“ zur Verfügung gestellt werde. Und zwar wohlgemerkt nicht in erster Linie als Entschädigung, sondern als Unterstützung: Die Millionen von Bund und Ländern sollen helfen, klimastabile Wälder aufzubauen.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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