»Pointe: Das Gute siegt!«

Musikalische Komödie »Happy End« hat viele geistige Väter

sz Betzdorf. Der Brandy ist verdammt trocken, Bill Cracker protziger denn je und Hochspannung erfüllt die Luft in Bills Ballhaus in der 44. Straße des Chicagoer Eastend – denn morgen, just am Heiligen Abend, soll der große Coup starten! Es hätte alles so schön klappen können, wenn nicht die Heilsarmee und mit ihr das engelsgleiche Fräulein Lilian Holiday in die Kaschemme geplatzt wären!

Dergestalt steuerte das Theaterstück einem titelgebenden »Happy End« zu, das am Montagabend in der Betzdorfer Stadthalle auf Initiative der VHS-Theatergemeinde Betzdorf in einer Inszenierung des Euro-Studios Landgraf aufgeführt wurde.

Recht dankbar und erheitert gab sich das Publikum der dreiaktigen musikalischen Komödie hin, die eine ganze Reihe geistiger Eltern vorzuweisen hat: Der Kampf zwischen Gut und Böse geht zurück auf eine Magazingeschichte von Dorothy Lane, die von der Brecht-Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann bühnengerecht aufbereitet wurde. Die schnodderig-schönen Texte der Lieder entstammen der Feder Bertolt Brechts, die Musik komponierte der nicht minder populäre Kurt Weill. Zwar wird »Happy End« traditionell Brechts Werk zugeordnet, wenn es auch nie in seinem Rahmen publiziert wurde. Im Brecht-Archiv ist es unter der Rubrik »Mitarbeit an Stücken und Stückbearbeitungen« zu finden.

Doch es ist ganz unzweifelbar Brechts Handschrift, die den geneigten Theaterbesucher Mores zu lehren sucht – wenn auch auf äußerst subtile und humoreske Weise. »Morgen interessiert mich nicht, und mit morgen könnt ihr mich«, lässt er seinen Gangsterboss tönen, im Betzdorfer Fall ein ebenso stimmgewaltiger wie glaubwürdiger Peter Bause. »Sie werden zur Hölle fahren«, schwant es der zarten, beherzten Heilsarmee-Offizierin Lilian angesichts des ruchlosen Treibens des Kriminals. Das hindert sie aber leider nicht daran, sich unter Einfluss geisthaltiger Spirituosen ausgerechnet in den Häuptling des Syndikats zu verlieben. Der Song »Surabaya Johnny« scheint der Mimin Stephanie Lang geradezu auf den zierlichen Leib geschneidert.

Natürlich droht moralischer Verfall, der Ausschluss aus der Heilsarmee und der Herr Kommissar hat da noch ein paar Fragen, wie es denn zum Verschwinden des Taschendiebs Governor kommen konnte. Die Heilsarmee hat immer gut zu tun und eigentlich nie dienstfrei, deshalb wohl stimmte die Schauspielergarde in der Pause im Foyer ein Lied zur Rettung der armen Seelen an. Die Beschwörungen scheinen zu glücken, die sentimentalen Gangster gehen vor dem moralisch einwandfreien Liedgut der Heilsarmee in die Knie und sogar die Dame in grau, besser bekannt als männermordende »Fliege«, findet im Leutnant ihren verschollenen Geliebten wieder. Selbst Totgeglaubte tauchen gegen »Happy End« wieder aus der Versenkung auf, und die wilde Melange aus krachenden Pistolenschüssen, schweren Jungs und charmanten Mädels findet sich im Sog eines glücklichen Endes auf ganzer Linie wieder. Das wäre fast zu viel des Guten, wenn es denn nicht einfach so schön gewesen wäre.

Brecht selbst brachte die Geschehnisse rund ums »Happy End« einmal selbst auf den Punkt. »Milieu: Heilsarmee und Verbrecherkeller. Inhalt: Kampf des Bösen mit dem Guten. Pointe: Das Gute siegt.« Vorhang und aus. Wenn das Leben doch so einfach wäre!

sib

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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