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„Ich hab’ Corona, ich spuck dich an!“ als Bedrohung
Rentner aus Siegen vor dem Amtsgericht Betzdorf

„Ich hab’ Corona, ich spuck dich an!“ - wegen dieser Drohung musste sich ein Rentner aus Siegen jetzt vor dem Amtsgericht Betzdorf verantworten.
  • „Ich hab’ Corona, ich spuck dich an!“ - wegen dieser Drohung musste sich ein Rentner aus Siegen jetzt vor dem Amtsgericht Betzdorf verantworten.
  • Foto: SZ-Archiv
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

damo Betzdorf. Früher, in der gefühlt lange zurückliegenden Zeit vor der Pandemie, war Anspucken vor allem eines: eklig. Heute ist schon die bloße Androhung ein Fall für die Justiz – es könnten ja die Staftatsbestände der Bedrohung, Körperverletzung oder Nötigung erfüllt sein.
Mit einem solchen Fall musste sich jetzt auch die Koblenzer Staatsanwaltschaft beschäftigen, und die Juristen sind zu der Überzeugung gekommen, dass folgender Satz als Bedrohung zu werten ist: „Ich hab’ Corona, ich spuck dich an!“ Und in der Konsequenz dieser juristischen Würdigung musste jetzt der Siegener Rentner Horst B. auf der Anklagebank des Betzdorfer Amtsgerichts Platz nehmen.
In den bisherigen 72 Jahren seines Lebens ist Horst B.

damo Betzdorf. Früher, in der gefühlt lange zurückliegenden Zeit vor der Pandemie, war Anspucken vor allem eines: eklig. Heute ist schon die bloße Androhung ein Fall für die Justiz – es könnten ja die Staftatsbestände der Bedrohung, Körperverletzung oder Nötigung erfüllt sein.
Mit einem solchen Fall musste sich jetzt auch die Koblenzer Staatsanwaltschaft beschäftigen, und die Juristen sind zu der Überzeugung gekommen, dass folgender Satz als Bedrohung zu werten ist: „Ich hab’ Corona, ich spuck dich an!“ Und in der Konsequenz dieser juristischen Würdigung musste jetzt der Siegener Rentner Horst B. auf der Anklagebank des Betzdorfer Amtsgerichts Platz nehmen.
In den bisherigen 72 Jahren seines Lebens ist Horst B. (alle Namen geändert) nie ernsthaft mit dem Gesetz in Konflikt geraten – und wenn doch, dann hat er sich zumindest nicht erwischen lassen: Sein Auszug aus dem Bundeszentralregister ist jedenfalls blitzsauber. Was also ist am
20. März 2020 schiefgelaufen? Gar nichts. Sagt zumindest Horst B.: „Ich bin mir überhaupt keiner Schuld bewusst.“

Angeklagter will grundlos gewürgt worden sein

Die Staatsanwaltschaft ist da etwas anderer Meinung: Sie wirft dem Siegener vor, dass er grundlos gegen ein Auto getreten und anschließend den Fahrer geschlagen und beleidigt habe. Zu schlechter Letzt habe er dann noch gedroht, an Ort und Stelle zur Virenschleuder zu werden.
Horst B. schilderte zuerst seine Sicht der Dinge: Er habe in Niederschelderhütte als Fußgänger die Mittelstraße überqueren wollen, und natürlich habe er zuvor geschaut, ob die Straße frei ist. Sei sie gewesen – bis mit quietschenden Reifen ein BMW heran gerast sei, an der Kreuzung gestoppt und ihm dem Weg versperrt habe. Also habe er notgedrungen um das Auto herumgehen müssen. Und nein, er habe den BMW weder mit Fäusten noch mit Füßen traktiert. Trotzdem habe der Fahrer plötzlich gewendet, sein Auto verlassen und Horst B. grundlos gewürgt. Zudem habe der BMW-Fahrer immerzu gesagt, er nehme den Rentner nach Paragraf 127 der Strafprozessordnung vorläufig fest. Erst als die Polizei eingetroffen sei, sei der Spuk vorbeigewesen. Und ihm sei nach wie vor schleierhaft, was an diesem Nachmittag eigentlich geschehen sei.

"Er hat gesagt, dass er Corona hat und mich anspuckt"

Wie so oft im Gericht, gibt’s auch zu dieser Geschichte eine andere Version – erstaunlich ist lediglich, wie klein die Schnittmenge der beiden Variationen ist.
Nummer 2 stammt von Mike R., dem Fahrer des BMW, einem Berufssoldaten aus Burbach. Seine Geschichte deckt sich nur an zwei Stellen mit der des Rentners: Jawohl, er habe mit seinem BMW an der Kreuzung B62/Mittelstraße halten müssen, und er habe den 72-Jährigen vorläufig festgenommen.
Denn: „Ich habe schon einige Zeit an der Kreuzung gestanden, als der Angeklagte erst auf mein Auto zugekommen ist und dann dahinter hergegangen ist. Und dann hat es plötzlich laut gekracht. Also bin ich ausgestiegen, hab ihn gefragt, was das sollte, und wollte seine Personalien haben. Aber dann hat er versucht abzuhauen.“ Dass der durchtrainierte Soldat den gehbehinderten Rentner nicht entkommen ließ, liegt auf der Hand. Aber von Würgen könne nicht die Rede sein: „Ich habe ihn erst am Rucksack festgehalten, dann an der Jacke. Er hat getreten, geschlagen und mich beleidigt. Und dann hat er mir angedroht, dass er Corona hat und mich anspuckt.“ Schließlich habe ein Nachbar auf sein Geheiß hin die Polizei verständigt, gab der 39-Jährige zu Protokoll.

Verfahren wird eingestellt

Allerdings: Horst B. war nicht mit dem Coronavirus infiziert. Er hat auch nicht gespuckt. Am BMW des Soldaten war nach dem Vorfall nichts weiter zu sehen als ein Handabdruck. Und all „die unkoordinierten Schläge und Tritte“ des Rentners haben den Soldaten verfehlt. Fazit des 39-Jährigen: „Außer Beleidigungen habe ich nichts abgekommen. Und das kann ich verschmerzen.“
An dieser Stelle des Prozesses war die Schuldfrage zwar noch lange nicht geklärt, aber Michael Seibert als Vertreter der Staatsanwaltschaft brachte das Stichwort Prozessökonomie ins Spiel: ein Rentner, der sich nie zuvor etwas hat zuschulden kommen lassen; ein Opfer, das selbst bestätigt, keinen Schaden erlitten zu haben; und eine Beweislage, die keineswegs Klarheit geliefert hat – lohnt es sich da wirklich, tiefer in die Materie einzudringen, weitere Zeugen zu suchen und Zeit und Geld zu verbraten? Nein. Darin waren sich alle Prozessbeteiligten einig. Und so machte Richter Tim Hartmann die Akte zu: Das Verfahren wurde eingestellt.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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