Rotkäppchen ja! – aber nicht aus der Flimmerkiste

Werner Hoffmann von der Rudolf-Steiner-Schule Siegen referierte in Betzdorf über das Konzept der Waldorf-Pädagogik

Betzdorf. Die Kindheit am Ende des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung: Es hat den Anschein, als wären die jungen Heranwachsenden – verglichen mit früheren Zeiten – nie wohlbehüteter aufgewachsen als heute. „Und doch müssen wir immer wieder feststellen, dass Kinder heute immer öfter mit Defiziten groß werden.” Schon die Unterscheidung von links und rechts falle vielen Kindern schwer, stellte jetzt Werner Hoffmann im Rahmen eines Gesprächs- und Vortragsabends im Waldorf-Kindergarten am Struthofweg in Kirchen fest.

Zuvor an staatlicher Grundschule

Zur Person: Hoffmann ist Klassenlehrer der 8. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule in Siegen. Er war zuvor 15 Jahre an einer staatlichen Grundschule tätig, ehe er vor acht Jahren zur Steiner-Schule nach Siegen wechselte. In Betzdorf referierte er zum Thema „Der Epochenunterricht und der rhythmische Teil des Hauptunterrichts”. Dabei erläuterte er auch wesentliche Grundlagen der Waldorf-Pädagogik als Basis des Unterrichts an der Rudolf-Steiner-Schule.

Etwas über das Kind lernen

„Die Individualität jedes Kindes tritt einem tagtäglich vor Augen”, sagte Hoffmann einleitend. Als wesentliches Element der Waldorf-Pädagogik bezeichnetete er es, etwas über das Kind zu lernen: Worüber freut es sich? Wie bewegt es sich? Wie lernt es? Wie sieht es mit seiner Gesundheit aus? Und vieles mehr. Vor der Menschenkunde Steiners begreife sich auch der Lehrer als Lernender. Es gelte, zusammen mit den Eltern ein Umfeld zu schaffen, in dem sich das Kind gesund entwickeln könne. Der Lehrplan sei daher auf die Entwicklung des jeweiligen Kindes abgestimmt.

Über den „rhythmischen Teil”

Den „rhythmischen Teil” des Unterrichts darf man sich als eine Art „Einstimmung” vorstellen, die geeignet ist, die Konzentration zu steigern, Kräfte im Kinde zu wecken, die es aufnahmebereit machen, das Kind aber auch mit Hilfe zahlreicher Übungen der Sprache, des Gesangs und der körperlichen Bewegung anzuregen. Dabei sei das Lehrervorbild unverzichtbar, da das Kind bis ins siebte, achte Lebensjahr besonders durch die Nachahmung lerne, erläuterte der Lehrer. Silbenschritte, das Aufsagen kleiner Gedichte bis hin zu Zungenbrechern fördere die Beweglichkeit der Sprechwerkzeuge. Gekoppelt sei dies mit Bewegungsübungen, die der Legasthenie vorbeugten, denn, so Hoffmann, auch die Schreib-Lese-Schwäche basiere u.a. auf Verwechslungen örtlicher Bestimmungen. Ein wichtiger Aspekt sei auch das Singen pentatonischer Lieder mit den Kindern sowie das Spielen der Flöte und derKinderharfe. „Musik ist ein großer Entwicklungshelfer. Leider wird in den Elternhäusern immer seltener mit den Kindern gesungen”, bedauerte Hoffmann. Schlecht entwickelt seien bei Kindern häufig auch die „unteren Sinne” – etwa der Bewegungs- und der Gleichgewichtssinn. Im Kindergartenalter sowie in den ersten drei Schuljahren könne man daran noch arbeiten. Weil die Zahl der jungen Heranwachsenden mit Mängeln im sensorisch-motorischen Bereich stetig zunehme, werde jetzt in der Rudolf-Steiner-Schule überlegt, wie man die bestehenden Fördermaßnahmen ergänzen könne, so Hoffmann weiter.

Kinder erleben bildhaft

Der Unterricht in den ersten Klassen ist laut Hoffmann stark auf das bildhafte Erleben der Kinder abgestimmt. „Alles, was man an die Kinder heranträgt, wird bildhaft erlebt. Das Lebenkönnen in Bildern ist für die Kinder unsagbar wichtig”, verlieh der Pädagoge seiner Überzeugung Ausdruck. Die heutige Lebensumwelt sei indes dazu angetan, das Bilderleben der Kinder empfindlich zu stören. Stichpunkt Fernsehen und Videos. „Kein Arzt würde einem Elternpaar raten, sein Kind vor den Fernseher zu setzen”, erläuterte Hoffmann. Mit zuviel Fernsehen tue man den Kindern keinen Gefallen. „Wir kommen uns aber allmählich vor wie die Rufer in der Wüste.”

Intensive Beschäftigung

Der Unterricht, beispielsweise im Schreiben und Rechnen, unterscheidet sich an der Waldorf-Schule methodisch wesentlich vom Ansatz in staatlichen Einrichtungen, verdeutlichte der Referent. Ein auch äußerer Unterschied: der Epochenunterricht. Hier erteilt der betreffende Lehrer seinen Schülern innerhalb einer „Epoche” (drei bis vier Wochen lang) Unterricht in einem Fach. Es folgt darauf eine Epoche in einem anderen Fach. „Die Beschäftigung ist eine viel intensivere als im Einzelstunden-Unterricht”, argumentierte Hoffmann. Dem werde oft entgegengehalten, die Kinder „verlernten” in der Zwischenzeit den Stoff zurückliegender Epochen, merkte er an. Dies entspreche jedoch nicht der Erfahrung der Lehrer: „Die Kinder nehmen am Unterricht viel wacher und intensiver teil.” Zwar sei bei der Fortsetzung einer Epoche in der Tat nicht alles sofort abrufbar, „doch man merkt deutlich, dass ein solider Grund gelegt worden ist, auf dem man sicher aufbauen kann”.

Ehrfurcht und Dankbarkeit

Die Rudolf-Steiner-Schule Siegen entstand vor 20 Jahren aus einer Eltern-Initiative. Die Fächer Englisch und Französisch werden ab der ersten Klasse unterrichtet. Zwar lege ein großer Teil der Schüler das staatliche Abitur ab, in der Klassenzusammensetzung sei aber eine gewisse Bandbreite wünschenswert. Die Waldorf-Pädagogik, das unterstrich Werner Hoffmann in seinem Vortrag, vermittle den Kindern auch ein Gefühl für Ehrfurcht und Dankbarkeit. Für das Erreichen der hochgesteckten Ziele sei eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern unverzichtbar.

goeb

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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