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Vom Wohnungslosen bis zum Anwalt
Rückfälle in die Sucht häufen sich in der Pandemie

Ob Alkohol, Medikamente, illegale Drogen oder Glücksspiel: Für viele Suchterkrankte sind Pandemie und Lockdown eine extreme Herausforderung. Die Suchtberatung versucht deshalb, so viele Angebote wie möglich aufrechtzuerhalten.
  • Ob Alkohol, Medikamente, illegale Drogen oder Glücksspiel: Für viele Suchterkrankte sind Pandemie und Lockdown eine extreme Herausforderung. Die Suchtberatung versucht deshalb, so viele Angebote wie möglich aufrechtzuerhalten.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

nb Betzdorf.  Exakte Zahlen zum Jahr 2020 hat Roland Brenner naturgemäß noch nicht auf dem Tisch, aber was er sicher sagen kann: „Nachgelassen hat das nicht.“ Mit „das“ meint Brenner den Griff zu Alkohol, Medikamenten und Co. – mit allen negativen Folgen. Schlagzeilen zum gestiegenen Alkoholkonsum der Deutschen in der Corona-Krise oder zu Rückfällen von Suchtkranken waren in den vergangenen Wochen immer wieder zu lesen. Und dass dem so ist, das können auch die Akteure vor Ort bestätigen.
Ein Querschnitt der GesellschaftSo wie Roland Brenner und sein Team von der Suchtberatungsstelle der Caritas in Betzdorf.
Unter einem Dach werden hier unter anderem Beratung, ambulante Therapie und Nachsorge, Präventionsmaßnahmen, Vermittlung weiterer Hilfen und Gespräche für Angehörige geboten.

nb Betzdorf.  Exakte Zahlen zum Jahr 2020 hat Roland Brenner naturgemäß noch nicht auf dem Tisch, aber was er sicher sagen kann: „Nachgelassen hat das nicht.“ Mit „das“ meint Brenner den Griff zu Alkohol, Medikamenten und Co. – mit allen negativen Folgen. Schlagzeilen zum gestiegenen Alkoholkonsum der Deutschen in der Corona-Krise oder zu Rückfällen von Suchtkranken waren in den vergangenen Wochen immer wieder zu lesen. Und dass dem so ist, das können auch die Akteure vor Ort bestätigen.

Ein Querschnitt der Gesellschaft

So wie Roland Brenner und sein Team von der Suchtberatungsstelle der Caritas in Betzdorf.
Unter einem Dach werden hier unter anderem Beratung, ambulante Therapie und Nachsorge, Präventionsmaßnahmen, Vermittlung weiterer Hilfen und Gespräche für Angehörige geboten. Die Klienten bilden dabei einen Querschnitt durch die Gesellschaft, vom Wohnungslosen bis zum erfolgreichen Anwalt. Sie kommen aus dem AK-Oberkreis, aber auch aus Neunkirchen oder Kreuztal.
Die Corona-Krise: für das Team eine Herausforderung in doppelter Hinsicht. Zum einen für die Klienten, zum anderen für die Sozialpädagogen und -therapeuten selbst, die ihre Hilfsangebote den Corona-Regeln anpassen müssen.

Rückfälle in der Pandemie

Von einem „Suchtgedächtnis“ spricht Brenner bei Erkrankten: „In jeder Lebenskrise meldet sich das wieder.“ Entsprechend häuften und häufen sich in der Pandemie die Rückfälle. Die Corona-Krise bringt für viele ein ganzes Bündel an Problemen mit sich – etwa Arbeitsplatzverlust oder mangelnde soziale Kontakte – und trifft bei den Klienten der Suchtberatung wiederum auf Menschen, die auch sonst oft schon mit weiteren Problemen und Krankheiten zu kämpfen haben.
Kein Wunder also, dass bei der Caritas vermehrt Menschen das Angebot nutzen, auch nach der Nachsorge noch „durchzuklingeln“, wenn sich das „Suchtgedächtnis“ wieder meldet. Roland Brenner berichtet beispielsweise von einem Mann, der eigentlich auf einem guten Weg war. „Ich wurde wieder nervös“, habe der Mann geschildert – und schließlich nicht widerstehen können. „Er hat wieder getrunken, weil er den Stillstand nicht ausgehalten hat“, so Brenner.

Corona-Test vor Therapiebeginn

Geschichten, wie sie so oder so ähnlich auch Angela Edl-Pfeifer, Steffen Ernst und Elke Richter erzählen können. Ernst erzählt etwa die Geschichte einer junge Frau, wie sie so wohl nur das Corona-Jahr schreibt. Die Frau, suchtmittelabhängig und schwanger, hatte bereits die Zusage für eine Suchtklinik in Süddeutschland. Dafür war aber nicht nur ein Drogenscreening, sondern auch ein Corona-Test fällig: 250 Euro habe sie insgesamt zahlen sollen, unmöglich für die Arbeitslosengeld-II-Bezieherin, das Geld alleine aufzubringen. Quasi zeitgleich, so Ernst, habe er von kostenlosen Tests für Reiserückkehrer gehört. Eine für ihn eine unverständliche Ungleichbehandlung, die ihn ordentlich in Rage bringt.

Mit Freunden treffen oder Sport treiben

Angela Edl-Pfeifer bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: Wegbrechende Strukturen im Alltagsleben treffen die Klienten der Suchtberatung häufig besonders stark. Durch den derzeitigen zweiten Lockdown noch einmal besonders beschleunigt. Elke Richter ergänzt: „Wir geben Tipps, wie: ,Treffen Sie sich mit Freunden, treiben Sie Sport.’ Und dann: ,Ach nein, das geht ja gar nicht!’“Was jedoch immer geht: Der Griff zu Smartphone oder Laptop. „Dann sind die Spielhallen zu, aber dann hat man ja das Handy. Da braucht man nicht einmal vor die Tür“, so Richter, die gemeinsam mit Steffen Ernst zu den Ansprechpartnern der Regionalen Fachstelle Glücksspielsucht gehört, über diese Form der Abhängigkeit. Überhaupt sieht sie in den viel beworbenen Online-Glücksspielen eine wachsende Gefahr, gerade auch für junge Leute. Was vielleicht mit einer kleinen, gemeinsamen Fußballwette beginne, könne schnell in die Abhängigkeit führen – und dann sei ratzfatz das Konto leer.

Auf der Suche nach Räumen

Neben den Problemen auf Seiten der betreuten Menschen bringt die Pandemie aber für das Team auch rein organisatorische Herausforderungen mit sich. Beispielsweise bei den Gruppenangeboten. Die sind zwar, im Gegensatz zum ersten Lockdown, weiterhin erlaubt, aber nicht in so großer Runde wie bisher. Das heißt, dass ständig Räume „gesucht“ werden müssen und die Betroffenen nicht an so vielen Gesprächen wie sonst teilnehmen können. Suchtpräventionsangebote, zum Beispiel das Projekt „Netpiloten“ für Schüler, fallen teils gleich ganz ins Wasser, und auch die Zusammenarbeit mit anderen Partnern und Multiplikatoren ist eingeschränkt.
„Es ist so eine Beklommenheit da“, beschreibt Fachteamleiter Roland Brenner die Stimmung, in die auch die Sorge vor Ansteckung hineinspielt, aber stets auch die Furcht um die Finanzierung des Angebots. Auch seien viele Klienten merklich angespannter.
Steffen Ernst beschreibt die Arbeit der Suchtberatungsstelle derzeit so: „Das ist wie Fahren auf Sicht.“

Autor:

Nadine Buderath (Redakteurin) aus Betzdorf

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