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22-Jähriger vor dem Landgericht Koblenz
Schuss der Polizistin trifft Kevin T. in die Hüfte

Die Polizisten haben zu Taser und Pistole gegriffen, um den Angeklagten zu stoppen.
  • Die Polizisten haben zu Taser und Pistole gegriffen, um den Angeklagten zu stoppen.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

damo Alsdorf/Koblenz. Sein Mantel ist drei Nummern zu groß für ihn, und das gilt auch für den Saal 128, den größten des Koblenzer Landgerichts: Kevin T. sitzt mit hängenden Schultern in seinem Spuckschutz-Kasten aus Plexiglas. Allein auf weiter Flur, er wirkt wie ein Junge auf der Schwelle zum Erwachsenen. Ob ihm der Kassierer im Supermarkt Hochprozentiges verkaufen würde, ohne nach dem Ausweis zu fragen? Aber Kevin T. (Name geändert) ist 22 Jahre alt, und so steht er nicht vor dem Jugendrichter, sondern vor der Schwurgerichtskammer, also vor Richtern, die Tag für Tag mit Mord und Totschlag zu tun haben. Denn die Anklage wiegt so schwer, dass man dem jungen Mann kaum zutraut, sie tragen zu können: Er muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten.

damo Alsdorf/Koblenz. Sein Mantel ist drei Nummern zu groß für ihn, und das gilt auch für den Saal 128, den größten des Koblenzer Landgerichts: Kevin T. sitzt mit hängenden Schultern in seinem Spuckschutz-Kasten aus Plexiglas. Allein auf weiter Flur, er wirkt wie ein Junge auf der Schwelle zum Erwachsenen. Ob ihm der Kassierer im Supermarkt Hochprozentiges verkaufen würde, ohne nach dem Ausweis zu fragen? Aber Kevin T. (Name geändert) ist 22 Jahre alt, und so steht er nicht vor dem Jugendrichter, sondern vor der Schwurgerichtskammer, also vor Richtern, die Tag für Tag mit Mord und Totschlag zu tun haben. Denn die Anklage wiegt so schwer, dass man dem jungen Mann kaum zutraut, sie tragen zu können: Er muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten.

Im Oktober brennen beim Angeklagten alle Sicherungen durch

Am Abend des 26. Oktober müssen bei Kevin T. reihenweise Sicherungen durchgebrannt sein. Die Polizei in Betzdorf jedenfalls erreicht um 21.45 Uhr der erste Notruf aus Alsdorf: Dort ist ein Familienstreit völlig aus dem Ruder gelaufen. Zwei Streifenwagen rücken aus, und nachdem die Polizisten an der Haustür geklopft haben, überschlagen sich die Ereignisse. Laut Staatsanwaltschaft soll Kevin T. mit einem Messer auf die Polizisten zugestürmt sein. „Ich mach’ die Bullen platt, ich stech’ die Bullen ab“, zitiert Staatsanwältin Gertraud Harnischmacher aus der Anklageschrift. Erst nach zwei Schüssen mit dem Taser und einem Schuss mit der Dienstpistole ist der Spuk vorbei: Den vier jungen Polizisten gelingt es, Kevin T. zu überwältigen. Mit lebensgefährlichen Verletzungen kommt er ins Krankenhaus.

Der junge Mann wirkt nicht brutal oder abgestumpft

Der Schusswaffeneinsatz war ebenso gerechtfertigt wie das wiederholte Abfeuern des Tasers: Das hat die Staatsanwaltschaft bereits im Januar entschieden. Jetzt aber muss das Verhalten von Kevin T. bewertet werden, und genau das ist die Aufgabe der Koblenzer Schwurgerichtskammer.
Nun steht an der Spitze der Kammer ein Richter, der nicht nur reichlich Berufserfahrung hat, sondern auch den Umgang mit jungen Straftätern gewohnt ist: Reiner Rühmann, mittlerweile Vizepräsident des Landgerichts, hat jahrelang in Betzdorf als Jugendrichter gearbeitet. Wer ihn kennt, wird zwar auch an seinen mitunter ausgeprägten Zynismus denken, vor allem aber daran, dass er in seinen Betzdorfer Zeiten stets den Erziehungsauftrag der Justiz im Blick hatte. Um erziehen zu können, muss man freilich verstehen – und genau das dürfte im Prozess gegen Kevin T. die größte Herausforderung sein.
Denn der junge Mann, der laut Anklageschrift kurz davor gestanden haben soll, das Leben eines Polizisten zu beenden, wirkt weder angsteinflößend noch berechnend, weder brutal noch abgestumpft. Er sitzt da wie ein schüchterner Teenager. Reiner Rühmann stellt die entscheidenden Fragen schon ganz zu Beginn: „Wie konnte das passieren? Was ist an diesem Abend anders gelaufen als sonst?“
Noch sind diese Fragen nicht beantwortet. Kevin T. selbst gibt an, er sei am Abend der Tat reichlich alkoholisiert gewesen – er weiß noch nicht einmal mehr, warum er mit seinen Eltern derart in Streit geraten ist, dass diese die Hilfe der Polizei angefordert haben. Erst am zweiten Verhandlungstag werden die Eltern aussagen.

Polizistin schießt dem Angeklagten in die Hüfte

Der Prozessauftakt gehörte den vier jungen Polizeibeamten. Sie schilderten übereinstimmend, dass die Situation von einer unglaublichen Dynamik geprägt gewesen sei. Schon bei ihrem Eintreffen an dem Einfamilienhaus an der Alsdorfer Hauptstraße seien Schreie und Lärm nach draußen gedrungen. Und als der Vater des Angeklagten die Haustür geöffnet habe, sei praktisch im selben Augenblick Kevin T. zur Haustür hinausgestürmt. Ohne jeden Dialog hat einer der Beamten den Taser eingesetzt. Ohne Erfolg: Auf so kurze Distanz kann die Elektroschockpistole ihre Wirkung nicht entfalten.
Um einen zweiten Schuss abgeben zu können, lief der Beamte die schmale Außentreppe hinab. Aber auch Kevin T. stürmte die Stufen hinunter – bis ihn ein Schuss traf. Denn bevor der 22-Jährige mit dem Messer in der Hand ihren Kollegen hätte erreichen können, hat eine 24-jährige Polizistin ihre Pistole gezückt und abgedrückt. Sie traf Kevin T. in der Hüfte, aber erst nach einem weiteren Treffer mit dem Taser „sackte er in sich zusammen“, gab eine der Polizistinnen zu Protokoll.

Polizisten kümmern sich um den Schwerverletzten

Gemeinsam haben sich die vier Polizisten anschließend um den Schwerverletzten gekümmert: „Wir haben versucht, die Blutung zu stoppen. Und wir haben mit ihm geredet, damit er bei uns bleibt.“ Das ist gelungen: Kevin T. wurde mit einer Notoperation gerettet; allerdings befindet er sich seit Oktober im Krankentrakt der Justizvollzugsanstalt Wittlich.
Fazit der Aussagen der Polizisten: Verbal bedroht habe der Angeklagte sie nicht – aber sie alle gaben zu Protokoll, die Situation als bedrohlich empfunden zu haben.
Ohne diese Wahrnehmung der Polizisten in Abrede stellen zu wollen, ist damit der versuchte Totschlag noch nicht bewiesen. Denn die Schwurgerichtskammer muss jetzt eine entscheidende Frage beantworten: Ist Kevin T. überhaupt nah genug an die Polizisten herangekommen, um deren Leben mit dem Messer gefährden zu können? „Ein Messer ist keine Distanzwaffe, also muss eine gewisse Nähe gegeben sein, um einen versuchten Totschlag bejahen zu können“, ließ Richter Rühmann die Verfahrensbeteiligten an den Überlegungen der Kammer teilhaben.
Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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