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Verfolgungsjagd mit über 100 km/h innerorts als negativer Höhepunkt
Serientäter zeugte Reue

Ganz oben, im fünften Stock des Betzdorfer Amtsgerichts, wurde Timo B. zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Archivbild: dach
  • Ganz oben, im fünften Stock des Betzdorfer Amtsgerichts, wurde Timo B. zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Archivbild: dach
  • hochgeladen von Achim Dörner (Redakteur)

dach Betzdorf. „Da wird mir schlecht, wenn ich das höre“: Timo B. wandte sich in einer Sitzungsunterbrechung an die Wachtmeister. Gerade hatte Oberstaatsanwalt Sven Regner ausgeführt, was dem 35-Jährigen vorgeworfen wird. Der heftigste der vielen Anklagepunkte: Er habe sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert, sei mit weit über 100 Sachen durch geschlossene Ortschaften gerast, habe ein anderes Auto mit „seinem“ Wagen aus dem Weg gerammt und sei nach einer Kollision mit einem Baum schließlich zu Fuß geflüchtet. „Stell dir mal vor, da wäre einer bei tot geblieben…“, sagte Timo B. (Name geändert) zu den Wachtmeistern, die dafür zu sorgen haben, dass der Angeklagte nicht stiften geht.

Doch davon war der sportlich gebaute Mann gestern weit entfernt.

dach Betzdorf. „Da wird mir schlecht, wenn ich das höre“: Timo B. wandte sich in einer Sitzungsunterbrechung an die Wachtmeister. Gerade hatte Oberstaatsanwalt Sven Regner ausgeführt, was dem 35-Jährigen vorgeworfen wird. Der heftigste der vielen Anklagepunkte: Er habe sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert, sei mit weit über 100 Sachen durch geschlossene Ortschaften gerast, habe ein anderes Auto mit „seinem“ Wagen aus dem Weg gerammt und sei nach einer Kollision mit einem Baum schließlich zu Fuß geflüchtet. „Stell dir mal vor, da wäre einer bei tot geblieben…“, sagte Timo B. (Name geändert) zu den Wachtmeistern, die dafür zu sorgen haben, dass der Angeklagte nicht stiften geht.

Doch davon war der sportlich gebaute Mann gestern weit entfernt. Er ist eher der Prototyp eines Geläuterten. Sein Verteidiger Klaus Rumberg sollte im Prozess vor dem Betzdorfer Schöffengericht in seinem Plädoyer später von Einsicht und Reue bei seinem Mandanten sprechen.

Rückblende: Die Trennung von seiner Ex-Frau und die Tatsache, dass er seine Tochter nicht mehr sehen durfte, hat bei Timo B. nach eigenen Angaben eine tiefe Krise ausgelöst. „Ich habe den Boden unter den Füßen verloren.“ Ein Absturz, der mal von Alkohol, meist aber von Drogen begleitet wurde. Jeden Tag habe er Amphetamin genommen, wenn man seine wohl etwas überzogene Angabe zur Tagesdosis zugrunde legt, kann man davon ausgehen, dass er – zumindest im Tatzeitraum Ende 2017, Anfang 2018 – ständig „drauf“ war. „Ich war auch sehr depressiv, da ist eins zum anderen gekommen. Und jetzt sitz’ ich hier“, sagte Timo B. zur Vorsitzenden Richterin Melanie Neeb.

Er habe damals nicht nur seine Familie, sondern auch seine Wohnung verloren, zeitweise im Auto gelebt. „Ich hatte niemanden mehr, wusste nicht wohin.“ Das wenige Geld, das er zur Verfügung hatte, brauchte er für Essen und vor allem für die Drogen, die er bei einem Dealer in Wissen bezog. Mit dem hat er mittlerweile gebrochen. Er könne sich an den in Rede stehenden Zeitraum so gut wie nicht erinnern, berichtete Timo B. – und machte dafür eben auch seinen damaligen Amphetamin-Lieferanten mitverantwortlich („Ich weiß nicht, was der da reingemischt hat“). Außerdem, so wurde im Laufe der Verhandlung klar, glaubt Timo B., dass sein Ex-Dealer versucht habe, ihm eine Fahrerflucht nach einem Unfall (Wissen, Böhmerstraße) in die Schuhe zu schieben. Ergo gab der 35-Jährige alle Vorwürfe der Anklage zu – nur eben diesen einen nicht. Das Gericht folgte dieser Einschätzung und stellte jenen Teil des Strafverfahrens ein, zumal die Aussage des ehemaligen Dealers bei der Polizei nicht gerade plausibel war.

Die anderen Punkte waren vor allem Fahrten mit dem Auto – seinen Führerschein hatte er bereits abgegeben müssen. Eindrücklichstes Beispiel: Er war mit 107 km/h in Mudersbach erwischt worden. Außerdem bediente er sich mehrfach an Tankstellen (u. a. Kirchen, Mudersbach) und fuhr weiter, ohne zu bezahlen. Bei einem Reifenhandel in Brachbach täuschte er vor, er wolle nur gerade zum Geldautomaten – und ward nie mehr gesehen. Einen deutlich größeren finanziellen Schaden hinterließ er einer Bekannten aus Niederfischbach. Sie lieh ihm ihren VW Eos, Wert laut Gerichtsakte: 8000 Euro. Nicht nur, dass Timo B. den Wagen nie wieder zurückgeben sollte, er verkaufte ihn später nach eigenen Angaben ohne Papiere für 1000 Euro an einen Herdorfer Gastronomen.

Der spektakulärste Vorwurf aber war der, in der eine Verfolgungsjagd mit der Polizei eine zentrale Rolle spielte. Ausgangspunkt war erneut eine Tankstelle: 17,49 Euro zeigte die Zapfsäule in Mudersbach an. Timo B. stieg ein und fuhr davon, ein Mitarbeiter der Tankstelle griff zum Telefonhörer und rief die Polizei. Als sich daraufhin in Betzdorf gerade eine Streifenwagenbesatzung auf den Weg machte, fuhr Timo B. – in einem gestohlenen VW Golf unterwegs – just an ihr vorbei. Die Polizisten hielten den Tatverdächtigen an. Der wiederum wartete, bis die Beamten aus ihrem Streifenwagen ausgestiegen waren, um sich dann mit quietschenden Reifen aus der Szenerie zu verabschieden. Es kam zu besagter Verfolgungsjagd durchs Betzdorfer Stadtgebiet und durch Scheuerfeld – mit bis zu 140 Stundenkilometern.

An einer Engstelle traf er auf Gegenverkehr. Das entgegenkommende Auto schob Timo B. mithilfe „seines“ Golfs beiseite. An der Ecke Hubertusweg/Am Rundstück in Scheuerfeld war an einem Baum die Flucht per Auto aber zu Ende. Allerdings gelang es ihm, sich zu Fuß aus dem Staub zu machen.

Vier Tage später sei er im Bett einer Freundin aufgewacht, erzählte Timo B. im Gerichtssaal. Die gebrochenen Daumen habe er sich selbst bandagiert, habe ja nicht zu einem Arzt gehen können.

Denn schließlich wurde er nicht nur wegen dieses waghalsigen Unterfangens gesucht, sondern auch, weil die Aussetzung einer viermonatigen Freiheitsstrafe zur Bewährung (Amtsgericht Siegen) mittlerweile widerrufen worden war.

Bevor er nun in Betzdorf vor den Kadi trat, war er zudem in Siegen für weitere Taten zu einer Gesamtstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt worden. Denn er hatte seinerzeit nicht nur im AK-Land sein Unwesen getrieben, sondern auch im benachbarten NRW, unter anderem mit Tankbetrugsdelikten in Netphen und dem Diebstahl einer Jogginghose im Real-Markt in Siegen (dabei hatte er ein Messer in der Tasche). Außerdem hatte er einem Bekannten das E-Bike weggenommen, einem anderen die Kreditkarte.

Aus all diesen Verfehlungen machten Richterin Neeb und ihre Schöffen nun eine Gesamtstrafe: zweieinhalb Jahre Gefängnis. Ein Großteil dessen hat Timo B. bereits abgesessen. Er lebt seit geraumer Zeit, seit seiner Verurteilung in Siegen, in der Justizvollzugsanstalt Aachen.

Er sollte also schon bald wieder auf freiem Fuß sein. Dann will er an den Niederrhein ziehen, sein Vater habe ihm dort eine Wohnung und einen Job als Schweißer besorgt. Die entsprechenden Scheine hat er hinter Gittern gemacht. Einen Arzt, der ihm seine Abstinenz bescheinigt, habe er sich dort auch schon gesucht. Denn er wolle gerne seine mittlerweile achtjährige Tochter wiedersehen. „Nicht dass sie mal sagt, der Papa war nie da.“

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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