„Service und Verkauf in eine Hand”

Autohändler machen mobil:

IG Metall und Kreishandwerkerschaft protestieren gegen freien Vertrieb ohne Service

Betzdorf. Aus Brüssel weht den Autohändlern hierzulande derzeit eine frische bis steife Brise ins Gesicht. Geht es nämlich nach EU-Kommissar Karel van Miert, dürfen ab 2002 alle Unternehmen, die Lust und Laune haben, Autos verkaufen. Das sieht dann folgendermaßen aus: Discounter A verhökert den Golf in Kombination mit einer Palette Erbsen und Mörchen sehr fein, wer das Cabrio möchte, bekommt einen Karton Sonnencreme gratis dazu. Das Versandhaus X nimmt Audi mit ins Programm und lockt mit Sonderrabatten für alle, die sich noch dazu entschließen können, einen „Lavamat 2000” zusätzlich zu erwerben. Bei Jakobs gibt’s dann die Krönung und einen SLK. Die Baumärkte stürzen sich ebenfalls mit ins Geschäft und verkaufen Auspufftöpfe, Bremsklötzchen und Scheibenwischblätter im Dutzend.

Der Kunde ist der Dumme

Eine schöne neue Welt? Mitnichten. Denn am Ende der Billigangebote steht immer noch der Kunde, der zwar einen Scheibenwischer selbstständig auswechseln kann, aber schon bei der Suche nach der Zündkerze seines neuen Modells Schwierigkeiten haben dürfte. Wer weiß, wie schwierig es ist, einen defekten Akkuschrauber umzutauschen, kann sich ausmalen, was auf einen Schnäppchenjäger zukommt, wenn die neue Familienkarosse streikt und nichts mehr geht.

Den Vertragshändlern graust es bei dieser Vorstellung. Wenn Brüssel sich tatsächlich zu diesem Schritt entschließen sollte, sind Großeinkäufern und Billiganbietern Tür und Tor geöffnet ––der Service und damit der Kunde bleibt auf der Strecke. IG-Metallbevollmächtigter Peter Althausen fürchtet jedoch mehr: Sollte die Gruppenfreistellungsverordnung (GVO), so der irreführende Name der Gesetzesvorschrift, tatsächlich 2002 auslaufen, könnten Original-Ersatzteile dann von jedem Händler verkauft werden. Auf der Strecke bleiben die Vertragshändler, die genau dieses Geschäft brauchen.

Teile langfristig im Lager

Michael Roth vom Autohaus Roth in Daaden erklärt, warum die Vertragshändler auf dieses Geschäft so angewiesen sind: „Mit zehn Prozent unseres gesamten Lagerbestands machen wir 90 Prozent unseres Umsatzes”. Diese zehn Prozent sind in der Regel „billige” Verschleißteile, die jeder Händler ohne großen Aufwand in sein Sortiment aufnehmen und notfalls auch noch einbauen kann. Dazu gehören Teile wie Bremsbeläge, Auspufftöpfe, Keilriemen, Scheibenwischblätter, Glühbirnchen etc. Wenn den angestammten Autohändlern dieses Basisgeschäft und der Verkauf von Neuwagen verloren geht, sind sie nicht mehr in der Lage, Mitarbeiter zu bezahlen und sich gegen Billigverkäufer zu behaupten. Denn ein Vertragshändler ist verpflichtet, sämtliche Teile eines Wagens für seine Kunden bereit zu halten, egal, ob das betreffende Modell noch gebaut wird oder schon seit zehn Jahren nicht mehr vom Band läuft.

Selten gefragte Teile lieferbar

Im Klartext: Auch heute noch muss für den Besitzer eines Audi 80 sichergestellt sein, dass er beispielsweise eine Fensterkurbel oder eine Hutablage bei seinem Fachhändler bekommt. Solche Teile würde sich kein Billiganbieter ins Regal legen: totes Kapital, das kein Geld bringt und Platz wegnimmt.

Die IG Metall-Verwaltungsstelle Betzdorf hat sich daher entschlossen, gegen die Abschaffung der Gruppenfreistellungsverordnung schon jetzt zu protestieren. Rückenwind erhält Peter Althausen dabei vom Innungsverband des Kfz-Handwerks, der Kreishandwerkerschaft allgemein und natürlich von den Vertragshändlern. Mit einer Unterschriftenliste „Ja – zu meinem Arbeitsplatz” will die IG Metall die Aktion „GVO” starten und damit auch die hiesigen Europaabgeodneten auf die Problematik aufmerksam machen. In dem Anschreiben, das der Unterschriftenliste beigelegt ist, wird darauf hingewiesen, dass das bestehende selektive Vertriebssystem für Kraftfahrzeuge und Ersatzteile in gleicher Weise den Verbrauchern, den Händlern und den Arbeitnehmern sowie den Herstellern nutzt. Denn wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass der A8 beim Kaffehändler zwar 15000 DM billiger ist, aber die Frau hinter der Kaffeetheke noch nicht einmal weiß, wie der Tankdeckel geöffnet wird, ist die Freude am günstigen Preis rasch verflogen.

Hohe Aufwandskosten

Martin Roth weist zudem auf die hohen Kosten hin, die die Ausbildung in einem Fachbetrieb mit sich bringt. Lehrlinge und Gesellen werden in ganz speziellen Schulungen darauf getrimmt, die hochmodernen Motoren auch reparieren zu können. „Wenn ein neues Modell herauskommt, kann es durchaus passieren, dass wir eben mal für 50000 DM einen neuen Messstand kaufen müssen, um an die Motordaten zu kommen”, so Roth. „Ein Billiganbieter wird diesen Service nicht bieten. Der verdient an den einfachen Verschleißteilen und schickt die Käufer dann mit den schwierigen Reparaturen in die Fachwerkstatt.” Daher seine Forderung: „Service und Verkauf gehören in eine Hand”. ruth

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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