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Dreieinhalb Jahre für x-fachen Betrug und Drogenmissbrauch
So jung und schon so kaputt

Weil er in 38 Fällen betrogen und harte Drogen an Minderjährige abgegeben hatte, wurde der Angeklagte zu  drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. SZ-Symbolfoto
  • Weil er in 38 Fällen betrogen und harte Drogen an Minderjährige abgegeben hatte, wurde der Angeklagte zu drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. SZ-Symbolfoto
  • hochgeladen von Dr. Andreas Goebel (Redakteur)

goeb Betzdorf. Zwei schwere, geschnürte Bündel mit Akten in lachsfarbenem Einband auf dem Richtertisch sprachen Bände, um im Bild zu bleiben. Vor Richterin Melanie Neeb und den beiden Schöffen saß am Mittwoch ein noch junger Kerl, kaum 25 Jahre alt, dessen Lebenslauf bereits ein paar bedenkliche Weichenstellungen genommen hat.

Maik L. (Namen v. d. Red. geändert) aus Betzdorf hat schon zehn einschlägige Vorstrafen aus den Bereichen Betrug und Drogen aufzuweisen.

Was in Saal 508 verhandelt wurde, in den der junge Mann in Begleitung zweier Justizvollzugsbeamter geführt wurde – kaltes Metall am Handgelenk –, brachte die Staatsanwältin einige Male außer Atem. Mit einer nicht abreißenden Serie von Betrügereien hatte Maik L.

goeb Betzdorf. Zwei schwere, geschnürte Bündel mit Akten in lachsfarbenem Einband auf dem Richtertisch sprachen Bände, um im Bild zu bleiben. Vor Richterin Melanie Neeb und den beiden Schöffen saß am Mittwoch ein noch junger Kerl, kaum 25 Jahre alt, dessen Lebenslauf bereits ein paar bedenkliche Weichenstellungen genommen hat.

Maik L. (Namen v. d. Red. geändert) aus Betzdorf hat schon zehn einschlägige Vorstrafen aus den Bereichen Betrug und Drogen aufzuweisen.

Was in Saal 508 verhandelt wurde, in den der junge Mann in Begleitung zweier Justizvollzugsbeamter geführt wurde – kaltes Metall am Handgelenk –, brachte die Staatsanwältin einige Male außer Atem. Mit einer nicht abreißenden Serie von Betrügereien hatte Maik L. Mitte 2018 begonnen, um sich seinen Lebensunterhalt und den eigenen Drogenkonsum zu finanzieren, ehe ihn der Weg gut ein Jahr später ins Gefängnis nach Koblenz führte. Gefühlt 50 Mal kam der Staatsanwältin die Formulierung „Obwohl der Kaufpreis ordnungsgemäß bezahlt wurde, lieferte der Angeklagte nicht“ über die Lippen.

Was ihm die Staatsanwaltschaft vorwarf – Drogendelikte und Betrug – , hat durchaus miteinander zu tun. Denn mit fingierten Verkäufen von Mobiltelefonen über Ebay-Kleinanzeigen hat der Betzdorfer seine Drogensucht finanziert. Sein Rechtsanwalt Philipp Grassl aus Koblenz räumte die Taten im Namen seines Mandanten auch ein und bezifferte den geschätzten Schaden auf etwa 10 000 Euro.

Dass die Geprellten ihr Geld für bei ihm bestellte Smartphones jemals wiedersehen werden, ist zu bezweifeln. Maik L. ist verschuldet. Und er wird die nächsten Jahre im Gefängnis sitzen. Dort sind die Einkunftsmöglichkeiten (Stichwort: Wiedergutmachung) begrenzt. Er besitzt keinen Schulabschluss, keine Ausbildung und dürfte es sehr schwer haben, in der Gesellschaft wieder Tritt zu fassen. Es tue ihm leid, was er da angerichtet habe, ließ er über seinen Anwalt ausrichten und sagte es zum Schluss der Richterin auch selbst. Er würde den Schaden gern wiedergutmachen, wenn er denn könnte.

Guterhaltene gebrauchte und teils neue Handys der Marken Apple, Samsung und Huawei im Preislevel zwischen 75 und 820 Euro hatte er übers Internet fast ein Jahr lang feilgeboten, sich die nicht existente Ware bezahlen lassen und sie natürlich nie ausgeliefert. Intelligent ist das alles nicht. Er kiffte zu der Zeit täglich und zog sich mehrmals im Monat Amphetamin-Linien rein oder konsumierte Ecstasy-Pillen.

Besondere Sorgfalt verwendete das Schöffengericht auf die Klärung der Lebensumstände des Angeklagten, denn er hatte seiner erst 15-jährigen Freundin Valeria bzw. ihrer ein Jahr älteren Freundin Jenny in zwei Zechnächten in seiner Wohnung von den Pillen abgegeben, nachdem die ihn danach gefragt hatten.

Erst mitten in der Verhandlung räumte er den gemeinsamen Konsum ein und dass er sich von Jenny das Geld habe wiedergeben lassen: 30 Euro für drei rote Pillchen mit lustigen Eulen drauf und 10 Euro für ein Gramm Pot (Haschisch). „Das sind normale Preise“, gab die Zeugin Jenny später im Zeugenstand zu Protokoll.

Das war Wasser auf die Mühlen von Rechtsanwalt Grassl, der das in seinem Plädoyer aufgriff. „Es ist unabweisbar, dass die Zeugin schon vorher Drogenerfahrungen hatte.“ In einer der beiden Nächte, um die es ging, hätten die Mädchen bedröhnt nachts bei ihm, Maik L., geklingelt. Auch hier pochte der Verteidiger darauf, dass schon vorher am Abend konsumiert worden war. Maik Ls. Freundin Valeria hätte sich bereits im Flur des Angeklagten übergeben müssen. Erst am nächsten Tag sei sie aufgewacht. An das ganze Geschehen zuvor konnte sie sich nicht die Spur erinnern.

Es waren im Grunde alles Schilderungen junger, bedauernswerter Menschen, die haltlos durch unsere Gesellschaft straucheln. Der Angeklagte beispielsweise hatte mit zehn Jahren kurz hintereinander beide Eltern verloren, war dann vorübergehend bei einem Onkel untergebracht, ehe er ein „Hopping“ durch Pflegefamilien und Erziehungseinrichtungen antrat. Seine minderjährige Freundin, noch Schülerin, scheint manche Nacht nicht zu Hause zu verbringen, und Jenny musste letztes Jahr in die Kinder- und Jugendpsychiatrie nach Altenkirchen, weil sie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen.

„Du lügst!“, haute die Richterin Valeria um die Ohren, nachdem diese im Zeugenstand alles verneinte, was ihre grundehrliche Freundin Jenny bei ihrer Vernehmung längst eingeräumt hatte. Insofern war das Gericht gut orientiert über die Abläufe und ließ sich von der soeben Hereingerufenen nicht länger narren. Als die Richterin ihr klarmachte, dass sie wegen Falschaussage bald einen eigenen Prozess am Hals habe, wenn sie so weitermache, nahm sie halbwegs Vernunft an und ließ sich einiges aus der Nase ziehen, unterbrochen von den Seufzern ihrer Mutter, die die Verhandlung mitverfolgte.

„Du hast gerade noch die Kurve gekriegt“, gab ihr Richterin Neeb zum Abschied mit auf den Weg. Valeria, die das anfangs wohl alles spaßig gefunden hatte, verließ blass und ernüchtert den Gerichtssaal.

Zwischen der Strafforderung der Staatsanwältin und der Auffassung des Verteidigers lagen Welten. Die Vertreterin der Anklage kannte kein Pardon, speziell was die Drogenabgabe an Minderjährige betraf. 3,9 Jahre Knast standen im Raum, während Grassl zwei Jahre auf Bewährung wollte. Die vier Monate U-Haft hätten seinen Mandanten derart geläutert, dass ihm so etwas nie wieder passiere.

Das Gericht konnte der Verteidiger da nicht „mitnehmen“. Zwar beratschlagte man eineinhalb Stunden, wie zu urteilen sei, aber letztlich blieb man mit drei Jahren und sechs Monaten nur unwesentlich unter der Forderung der Anklage. Letztlich waren es die Vielzahl der Vorstrafen, die große Zahl der Fälle und die Abgabe „harter Drogen an 15-Jährige“, die zu dem Urteil geführt hätten, wie Melanie Neeb verdeutlichte.

Auch das BTM-Teilgeständnis sei erst sehr spät gekommen. Von einem minderschweren Fall könne nicht ausgegangen werden. Sie riet dem Verurteilten zu einer Drogentherapie. Wie er den Gerichtssaal betreten hatte – in Handschellen und in Begleitung –, so verließ er ihn auch wieder.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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