»Trotz gemischter Zusammensetzung sehr gesellig«

Alte Betzdorfer Fremdenführer charakterisieren auch die Urbevölkerung / »Patte« Ermerts Bericht eines alten Mannes / Fundgrube Betzdorfer Begriffe

sz Betzdorf. Dem »Freund historischer Forschungen und der Schilderung anmutiger Spaziergänge« widmet die Verlagshandlung Robert Wingendorf 1891 den wohl ersten Fremdenführer für Betzdorf und Umgebung. Mit der zunehmenden Bedeutung Betzdorfs, in »wirthschaftlicher Beziehung, wie auch als Badeort« sei das Verlangen nach dem vorliegenden Büchlein häufig fühlbar geworden, schreibt der leider nicht genannte Autor 1891 im Fremdenführer weiter.

Na, und die Betzdorfer von damals kommen in der Charakterisierung sehr gut weg: »...in einer Weise, wie man es so leicht nicht mehr findet...« sollen sie »... sowohl unter sich als auch gegen den Fremden freundlich und gesellig...« und das auch noch »...trotz der sehr gemischten Zusammensetzung...« sein.

Das Handbüchlein wurde für Touristen, Badegäste und Einheimische geschrieben. Allerdings blieben die Badegäste ab 1896 aus, da der behandelnde Arzt einen Eisenbahnunfall erlitten hatte und der Badebetrieb eingestellt wurde. Für 1,50 bis 2 Mark wurden die Badegäste im »Germaniabad« (vergl. SZ-Serie »Betzdorf - wie es früher einmal war« vom 27. Mai 2000) untergebracht, schreibt 1894 der in Münster erschienene Kneipp-Führer über das Betzdorfer Bad.

20 Familien »echte Betzdorfer«

Der unbekannte Autor geht auch auf die Einheimischen ein. Nach seiner Erinnerung gab es Anfang der 1860er Jahre auf der rechten Sieg- und Hellerseite nur drei oder vier Betzdorfer Häuser, denn Hohenbetzdorf gehörte noch zur Gemeinde Wallmenroth und kam erst 1887 zur Gemeinde Betzdorf. In Alt-Betzdorf, links von Sieg und Heller, gab es auch nur wenige Häuser, und die »echten Betzdorfer« schätzt er auf 20 Familien. Betzdorf, also ein »kleiner und unbedeutender Ort, der vielleicht 200 Einwohner zählte«.

1891 etwa 3000 Einwohner

Dann kam die Bahn und sorgte für einen gewaltigen Aufschwung. Anno 1891 kommt Betzdorf auf etwa 3000 Einwohner. Dem Autor sind vor allem die höheren Beamten, die in Betzdorf wohnen, wichtig: »ein Bürgermeister, ein Maschinen-Inspektor, ein Stationsvorsteher I. Klasse (den Postamtsleiter hat er wohl vergessen, Anm.d.Red.), je ein Bergrath für die Bezirke Betzdorf und Burbach und zwei praktische Aerzte«.

Drei gut eingerichtete Hotels

Betzdorf zieht Einrichtungen der Infrastruktur an: Das Kirchener Katasteramt hat seinen Sitz in Betzdorf, die Eisenbahn-Hauptwerkstätte bietet mehrere hundert Arbeitsplätze, die Fabrik für Drahtseilbahnen der Gebr. Ermert und drei Ledersohl-Gerbereien bestehen neben drei gut eingerichteten Hotels: Stangier (später Bayrischer Hof, Viktoriastraße, abgerissen), Gobrecht (Zentralhotel, Wilhelmstraße, ausgebombt) und Kritzler (Deutsches Haus, Poststraße, abgerissen).

Auf 48 Seiten beschreibt der Autor 20 Ausflüge und lockt so seine Leser zunächst nach Wallmenroth, Scheuerfeld, Dauersberg, Kirchen und ins Hellertal. Dann geht es aber auch nach Marienstatt, zur Freusburg bis nach Crottorf, ein großer Ausflug führt schließlich nach Siegen und weiter zum Ederkopf.

Viele Ereignisse, Örtlichkeiten und Vereine der Zeit finden sich in dem Fremdenführer wieder: Das Gesang-Fest des »Concordia« Dauersberg, die »rühmlichst bekannte Kapelle der Bindweide«, das Krankenhaus der Franziskanerinnen in Kirchen und die Krupp'sche Bergverwaltung in Kirchen, der Bau der 100. Lokomotive der Fa. Jung, die Haltestelle der Eisern-Siegener Bahn in Niederschelden, die Kapelle in Schönstein, das Königl. Steueramt Wissen, zuständig bis Mudersbach, die Sekundärbahn nach Morsbach, die Ringmauer der zerstörten Burg Hohenseelbach (der Siegener Alterthumsverein hat versucht, dies zu erhalten und ist gescheitert) und vieles, vieles mehr. Etliches, was den damaligen Leser animiert haben wird, die Wanderschuhe zu schnüren, wird der heutige Leser freilich nicht mehr vorfinden.

Hunderte von fremden Arbeitern

Es gibt einen weiteren Bericht eines Betzdorfer Zeitzeugen aus den 1860er Jahren, der in seinem Stadtführer »Alt-Betzdorf - Wie unser Heimatort aussah, bevor die Eisenbahn kam« schreibt, dass mit dem Bau der Eisenbahn »...hunderte von fremden Arbeitern, besonders aus Schlesien, von denen sich später viele hier ansässig gemacht haben, mit Hacke und Schaufel, Pulver und Lärm in unser liebliches Dörfchen einzogen...«

Der Autor ist der bekannte Betzdorfer Gastwirt vom »Gasthof zum Blücherhain« (heute Gasthof zur Post), genannt der »Patte«, Fritz Ermert, auch Gründungsmitglied und späterer Vorsitzender des MGV »Germania« 1872 Betzdorf.

Hier fehlt nun leider das Erscheinungsjahr, es dürfte aber um 1925 liegen. Patte Ermert wurde 1853 geboren und starb 1939. Er schreibt in seinem Stadtführer von »Erinnerungen eines alten Mannes«. Lassen wir ihn also damals schon die 70 überschritten haben. In diesem Führer dürfte auch der erste »Stadtplan« von Betzdorf, ca. 1859, abgedruckt sein. Da kein Autorenhinweis vorhanden ist, stammt auch dieser Plan aus der Feder und dem Gedächtnis von Fritz Ermert. Natürlich fehlen die Eisenbahn, die Kirchen, das Rathaus, denn diese Gebäude waren auch eine Folge der durch den Eisenbahn-Einfluss gewachsenen Bevölkerungszahl. Zu sehen ist ein Gebäude mit Türmchen, etwa in der Nähe der heutigen St. Ignatius Kirche. Allerdings wurde St. Ignatius erst 1881 fertig gestellt.

Das Gebäudetürmchen gehört der ersten Betzdorfer Schule. 1810 erbaut, stand sie unweit der heutigen Kirche an der Stelle des »Domhotels«.

»Schussie« nach Kirchen

Die Schilderungen aus seiner Jugendzeit (also kurz vor bis kurz nach der Zeit des Eisenbahnbaus), haben das ganze damalige Betzdorf im Blick, natürlich ohne Hohenbetzdorf, da dies noch zu Wallmenroth zählte. Das war bei der überschaubaren Größe gut möglich. Die bestehenden Straßen waren außer der »Schussie« (Chaussee) nach Kirchen, Wallmenroth und Alsdorf unbefestigt, zeigten tiefe Gleisspuren und verschlammten bei Regen regelmäßig. Königliche Wegeaufseher wachten über den Zustand der befestigten Straßen. Bei Benutzung kassierte man ein »Chausseegeld«.

Die Flüsse gaben dem Ort auch einen Teil des Gepräges: Es tauchen Namen auf wie der immer mit Fröschen besiedelte »Fröschepool« oder der »Pertzkümpel«, eine Schwemme für Pferde, in der Nähe der späteren Hindenburgbrücke. Nur eine Brücke gab es schon, an der Provinzialstraße nach Wallmenroth. An anderen Stellen wurde die Heller bei flachem Wasser an Furten am Rathaus und am Aeuchen durchquert.

»Fromm und mit tiefem Gemüt«

Zahlreiche Betzdorfer Familien sind erwähnt, wie Acher, Birbaum, Brast, Ermert, Euteneuer, Halft, Hölzemann oder Weber. Auch das Haus des jüdischen Bürgers Callmann Tobias steht schon, und von Mattheis Hähner weiß er zu berichten, dass er Mitkämpfer der Schlacht von Waterloo war. Ermerts Schilderungen sind eine wahre Fundgrube vieler alter Betzdorfer Begriffe, Namen und Örtlichkeiten. Die »Eckwerte« der Urbetzdorfer charakterisiert Fritz Ermert so: »Hart in der Arbeit, fromm und mit tiefem Gemüt, fast abgeschlossen gegen die ferne Welt, ungläubig... gegenüber... der Dampfmaschine, lebten die Betzdorfer in diesem Thale geruhsam dahin« – bis die Bahn das Tal eroberte.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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