SZ

Zeugenaussage unnötig
Umsonst aus Hamburg nach Betzdorf

Er fuhr mit der Bahn von Hamburg nach Betzdorf, übernachtete in einem Hotel und fuhr wieder zurück: Felix Jedeck. Immerhin bekommt er die 334,33 Euro für ein Samsung-Smartphone zurück, das er nie erhalten hat.
  • Er fuhr mit der Bahn von Hamburg nach Betzdorf, übernachtete in einem Hotel und fuhr wieder zurück: Felix Jedeck. Immerhin bekommt er die 334,33 Euro für ein Samsung-Smartphone zurück, das er nie erhalten hat.
  • Foto: Achim Dörner
  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

dach Betzdorf. Das Leben hält manchmal verschlungene Pfade bereit. Diese Erkenntnis machte Felix Jedeck dieser Tage. Dabei fängt seine Geschichte am 13. Februar 2020 mit einem Klick an. Eineinviertel Jahr später wird er zum ersten und vermutlich einzigen Mal Betzdorf besucht und dafür eine Reisezeit von zwölf Stunden völlig umsonst auf sich genommen haben.

Der heute 24-Jährige hatte seinerzeit ein Smartphone im Internet ersteigert, ein Samsung Galaxe S10+ mit 128 Gigabyte internem Speicher. Kostenpunkt: 334,33 Euro. „Der Preis wäre super gewesen“, sagt der Student – und wählt mit dem Konjunktiv gleich den richtigen grammatikalischen Modus. Denn letztlich war der Preis alles andere als super: Das Handy kam nämlich nie bei ihm an.

dach Betzdorf. Das Leben hält manchmal verschlungene Pfade bereit. Diese Erkenntnis machte Felix Jedeck dieser Tage. Dabei fängt seine Geschichte am 13. Februar 2020 mit einem Klick an. Eineinviertel Jahr später wird er zum ersten und vermutlich einzigen Mal Betzdorf besucht und dafür eine Reisezeit von zwölf Stunden völlig umsonst auf sich genommen haben.

Der heute 24-Jährige hatte seinerzeit ein Smartphone im Internet ersteigert, ein Samsung Galaxe S10+ mit 128 Gigabyte internem Speicher. Kostenpunkt: 334,33 Euro. „Der Preis wäre super gewesen“, sagt der Student – und wählt mit dem Konjunktiv gleich den richtigen grammatikalischen Modus. Denn letztlich war der Preis alles andere als super: Das Handy kam nämlich nie bei ihm an.

Vor dieser Erkenntnis hatte Jedeck die 334,33 Euro überwiesen, direkt und ohne Käuferschutz. Eine Kontaktaufnahme danach scheiterte. Irgendwann gab er eine Anzeige auf. Die juristischen Mühlen beginnen zu mahlen.

Angeklagter schon hinter Gittern

Am Schluss landet Markus S. (Name geändert) vor dem Kadi. Er hatte, von Alsdorf aus, das Samsung Galaxy im Internet feilgeboten. Er bekam nach der Auktion auch das Geld. Ein Paket schickte er indes nie auf die Reise. Betrug nennt das der Jurist.

Verteidiger Olaf Möller machte auch keinen Hehl aus der Schuld seines Mandanten: „Das war so.“ Und der 46-Jährige fügte seinerseits an: „Ich möchte den Schaden, der entstanden ist, begleichen.“
Er werde seine Frau fragen, ob die den Betrag direkt bezahlen könne. Andernfalls werde er die Justizvollzuganstalt bitten, das Geld von seinem Verdienst einzubehalten. Denn: Markus S. kam keineswegs als freier Mann in den Gerichtssaal, wurde vielmehr in Handschellen hineingeführt.

Strafe macht keinen Unterschied

Er sitzt wegen anderer Vergehen ein, hat noch ein gutes Dreivierteljahr auf der Uhr. Und genau hier setzte Rechtsanwalt Möller an: Wenn sein Mandant für den Handy-Betrug schuldig gesprochen werden würde, bekäme er wohl eine kurze Haftstrafe aufgebrummt. Die wiederum müsse ja verrechnet werden mit den Taten, weswegen er bereits einsitzt. Nun werden in der deutschen Rechtsprechung verhängte Strafen nicht einfach aufaddiert, sondern nach einem gewissen Schlüssel miteinander verbunden. Unterm Strich, so Möllers Argumentation, ändere ein Schuldspruch nichts an der Länge der zu verbüßenden Haft. Ergo schlug er vor, das Verfahren einzustellen.

"Ich hatte das Pflichtbewusstsein hierherzukommen."
Felix Jedeck
Zeuge vor Gericht

Dem konnten sich auch Oberstaatsanwalt Sven Regner und Richter Tim Hartmann anschließen. Das hatte allerdings den Effekt, dass die Aussage von Felix Jedeck nicht mehr benötigt wurde. Der war am Vortag mit der Bahn eigens aus Hamburg gekommen und hatte im „Slavia“ an der Viktoriastraße übernachtet, um morgens um 9 Uhr pünktlich im Betzdorfer Amtsgericht sein zu können. Ganz umsonst sei er ja nicht angereist, scherzte Richter Hartmann: „Sie haben ja den schönen nördlichen Westerwald gesehen.“

Nicht völlig umsonst

Den Vorabend des Prozesses hatte er sich Felix Jedeck in der Tat mit Bummeln in der Sieg-Heller-Stadt vertrieben. Ihm sei dabei vor allem aufgefallen, dass Betzdorf offensichtlich zweigeteilt sei. Auf der einen Seite sei er eine Rampe (Busbahnhof) hochgelaufen und auf der anderen Seite (Wilhelmstraße) wieder runtergekommen. Er habe ein paar schöne Häuser entdeckt, manch verwinkelte Gasse. Und die Anstiege, die sei er weder aus seinem Wohnort Hamburg noch aus Lübeck gewohnt, wo er aufgewachsen sei.

Immerhin: Die Kosten fürs Zugticket bekommt der Student erstattet, wahrscheinlich auch das Geld, das er für Logis überwiesen hat. Andere hätten die weite Anreise für einen doch eher unspektakulären Prozess gescheut, etwa ein Attest eingereicht. Aber: „Ich hatte das Pflichtbewusstsein hierherzukommen“, sagt Jedeck danach im Gespräch mit der SZ. „Dass auch der Angeklagte sieht, dass ich da bin.“ Dabei spiele für ihn keine Rolle, dass er am Ende gar keine Aussage habe machen müssen. „Ich hatte keine großen Erwartungen.“

Am Ende wird er nicht um 334,33 Euro reicher sein, sondern auch um eine Erfahrung – und die Erkenntnis, „dass in einem Gerichtssaal auch lockere Stimmung herrschen kann“.

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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