Und wieder: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Prozess um Streit in Umkleide-Kabine ging in Verlängerung und endete mit »Golden Goal«

damo Betzdorf. 1:1 nach neunzig Minuten–– noch ist alles offen: Der Angeklagte behauptete am ersten Prozesstag um den Streit in einer Umkleidekabine eines Fußballclubs, er habe nichts gemacht; das angebliche Opfer hat gekontert und verwandelt: »Er hat eine Cola-Dose nach mir geworfen und mich geschlagen.« Ausgleich. Weitere Großchancen wurden mehr oder weniger kläglich vergeben: Die Zeugen hatten nichts gesehen (die SZ berichtete).

»Golden Goal« des frischen Manns

Gestern gab es vor dem Betzdorfer Amtsgericht dann die Verlängerung – und ein Einwechselspieler brachte die Entscheidung: Der neue Zeuge erzielte das »Golden Goal«. Polizist Wolfgang A. (alle Namen geändert) schilderte, wie das angebliche Opfer Ramazan Ö. in die Dienststelle gekommen sei und dort das Foul in der Kabine zu Protokoll gegeben habe. Ja, antwortete Schiedsrichter-Assistent Wolfgang A., Ramazan Ö. habe eine Wunde im Gesicht gehabt. Und: Ja, er sei glaubwürdig gewesen.

Der Angeklagte im Abseits

Der Angeklagte Ekiz U. wähnte sich mit dieser Aussage zunehmend im Abseits – und angesichts seiner bisherigen Verfehlungen war ihm wohl klar, dass das (Sport-)Gericht ihn als Wiederholungstäter nicht allzu milde bestrafen würde. Drohte ihm also eine lange Spielpause?

Und – das liegt in der Natur eines »Golden Goals« – viel Platz zum Kontern blieb dem Angeklagten nicht mehr. Er setzte während der Aussage des Polizisten noch ein paar Mal zur verbalen Grätsche an, konnte den Zeugen aber nicht ins Straucheln bringen und erst recht nicht am souveränen Abschluss hindern. Schlusspfiff – Ende der Beweisaufnahme.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Hans-Georg Mies, präsentierte sich in guter Spiellaune und ausgesprochen kombinationssicher: Er habe keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Dabei berief er sich auf die Aussagen des Opfers und des Polizisten. Und weil Ekiz U. nunmal schon das ein oder andere Aufsehen erregende Foul begangen hat, folgerte Mies: »Das Delikt der Körperverletzung ist dem Angeklagten nicht fremd.« Folglich schied für Mies eine Geldstrafe kategorisch aus; die Frage war also: Sperre (Haftstrafe) oder Verwarnung (Bewährung)? Mies entschied sich für die Bewährungsstrafe: Er forderte sechs Monate, eine Geldstrafe in Höhe von 300 Euro und 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Dass Wigbert Emde, juristischer Manager des Angeklagten, das anders sah, liegt auf der Hand: Er forderte einen Freispruch, schließlich sehe er erhebliche Zweifel an der Schuld seines Mandanten. Und Ekiz U. packte sich selbst dann noch eine Schippe auf seine Strafe drauf: »Ich habe ihn nicht geschlagen. Aber wenn ich geahnt hätte, dass ich heute hier sitze, dann hätte ich es getan.« Damit ist Ekiz U. nicht der erste Kicker, der sich um Kopf und Kragen geredet hat – aber das dürfte den Mann, der bis zum Ende seine Unschuld beteuert hat, kaum trösten.

Rote Karte

Richter Dr. Orlik Frank ging nämlich über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus: Er verhängte eine achtmonatige Haftstrafe zur Bewährung. »Diese letzte Aussage zeigt das ganze Dilemma Ihrer Gesinnung, und das hat mich dazu bewegt, über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus zu gehen.« Auch für Dr. Frank war der Fall klar: Ekiz U. hat zur Blutgrätsche in der Kabine angesetzt und sich damit die Rote Karte eingehandelt; anders formuliert: »Sie haben erhebliche Schwierigkeiten, die körperliche Integrität anderer Menschen zu respektieren.«

Juristisches Rückspiel?

Damit dürfte das Spiel aber noch nicht beendet sein: Es erscheint nahe liegend, dass Ekiz U. ein juristisches Rückspiel einfordert und mit dem Mittel der Berufung noch ein weiteres Sportgericht mit seinem Fall betraut. Ergo: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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