Viel Verwirrung um brennendes Kreuz und zweifelhafte Lieder

Rummel um scheinbar Belangloses im Schöffengericht

malu Betzdorf. »Das ist schon so lange her, ich kann mich nur verschwommen an diesen Abend erinnern.« – So der einstimmige O–Ton von Seiten der insgesamt acht geladenen Zeugen, die sich am vergangenen Donnerstag vor dem Betzdorfer Jugendschöffengericht zu der Anklage des Verdachts auf Körperverletzung sowie der Nutzung verfassungswidriger Zeichen äußern sollten. Nur einer der Jugendlichen, die sich allesamt an besagtem Abend im Mai 2001 auf einer Grillparty in Niederfischbach befanden, konnte sich genauer entsinnen – ansonsten wäre die Anklage, die er im Anschluss an diese Party erhob, noch weniger nachvollziehbar.

Nach seiner Schilderung störten schon kurz nach Beginn der Feier einige Jugendliche, bei denen es sich laut Richter Reiner Rühmann sicher »nicht um Kommunisten handelte«, die Veranstaltung. Der Angeklagte Tobias W. (Namen von der Red. geändert) habe einen seiner Freunde aus dem Hinterhalt angegriffen und grundlos verprügelt; darüber hinaus warf er dem Angeklagten Stefan P. vor, er habe mit dem Benzin aus dem für die Stromversorgung benötigten Aggregat ein Holzkreuz überschüttet und im brennenden Zustand aufgestellt. Zu späterer Stunde hätten die zwei Angeklagten zusammen mit ihren »Gesinnungskameraden« um ein Lagerfeuer gestanden, verbotene Lieder der umstrittenen Gruppe »Böhse Onkelz« gegrölt und den Hitlergruß gezeigt.

Die Aussage von Stefan P., er habe zwar ein Kreuz entzündet, rechtsradikale Grüße und Lieder aber seien ihm unbekannt, klang aufgrund der betonten Gleichgültigkeit, mit der er sie vortrug, zwar nicht gerade glaubwürdig, konnte aber von den folgenden Zeugen nicht widerlegt werden. Tobias W. hingegen gab zu, einem der Umstehenden eine Art Präventivschlag ins Gesicht versetzt zu haben, wozu ihn gegebene Umstände sowie erhöhter Alkoholeinfluss verleitet hätten; von Verprügeln könne aber keine Rede sein.

Dieser Ansicht schien auch der »Verprügelte« Florian R. zu sein, der sich zwar wie alle anderen Zeugen vage an ein Handgemenge erinnern konnte, über dessen Beginn oder Verlauf er jedoch keinerlei klare Aussagen machte. Auch der Grund für den ungewollten Körperkontakt war scheinbar zu belanglos, als dass sich »Opfer« oder »Täter« trotz hohem eingeschränktem Wahrnehmungsvermögen daran erinnern könnten.

Dies blieben jedoch nicht die einzigen ungeklärten Fragen in dieser Verhandlung. Auch warum gegen Hans F., den dritten auf der Anklagebank, überhaupt ermittelt wurde, blieb bis zum Schluss ungeklärt, da ihn alle Beteiligten entweder ganz unerwähnt ließen oder entlasteten.

Alles in allem entpuppte sich die Verhandlung also als ein Wirrwarr aus verschwommenen Erinnerungen und Opfern, deren Bezeichnung als solche zweifelhaft schien. Nachdem außerdem niemand der vielen Zeugen mit eindeutiger Bestimmtheit behaupten wollte, sich an irgendeine Art von rechtsradikalen Handlungen zu erinnern, war es nicht mehr so sehr die Frage nach der Schuld der Angeklagten, die die Beteiligten beschäftigte. Vielmehr blieb bis zum Schluss fragwürdig, warum diese langwierige und aufwändige Verhandlung überhaupt stattfinden musste.

Da Reiner Rühmann aufgrund fehlender nachvollziehbarer Beweise keine Grundlage für eine Verurteilung sah, wurden schließlich alle drei Angeklagten freigesprochen. Ergebnis dieser Zusammenkunft waren lediglich einige mahnende Worte des Richters und ein Bußgeld über 200 Euro für Tobias W., was auch Staatsanwältin Tanja Becher befürwortet hatte.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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