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Entscheidung wider Willen
Vor 50 Jahren: Protest mit allen Mitteln

Vor 50 Jahren hat die Gemeinde Friesenhagen ihre Eigenständigkeit verloren: Per Landesgesetz wurde sie der Verbandsgemeinde Kirchen zugeschlagen – auch wenn das absolut nicht das war, was sich die Menschen im Wildenburger Land gewünscht haben.
  • Vor 50 Jahren hat die Gemeinde Friesenhagen ihre Eigenständigkeit verloren: Per Landesgesetz wurde sie der Verbandsgemeinde Kirchen zugeschlagen – auch wenn das absolut nicht das war, was sich die Menschen im Wildenburger Land gewünscht haben.
  • Foto: Daniel Montanus
  • hochgeladen von Timo Karl (Redakteur)

damo Friesenhagen. „Alle. Absolut alle“: Die Antwort von Martin Fuß könnte nicht eindeutiger ausfallen. Sämtliche Angelegenheiten, die die Friesenhagener auf dem Amt zu erledigen hatten, konnten sie vor wenigen Jahrzehnten noch vor der eigenen Haustür abwickeln: Personalausweis? Kein Problem. Bauantrag? Sicher. Heiraten? Selbstverständlich.Seit dem Wiener Kongress war Friesenhagen eine eigenständige Gemeinde, mit eigenem Rathaus und Bürgermeister, ohne eine Verwaltung darüber. Und sie blieb amtsfrei, bis die Mainzer Landesregierung Ende der 1960er-Jahre zum Großreinemachen ansetzte. Das entsprechende Regelwerk trug den sperrigen Namen
„8. Landesgesetz zur Verwaltungsvereinfachung in Rheinland-Pfalz“, und mit ihm wurden Kreisgrenzen neu gezogen und Verbandsgemeinden geschaffen.

damo Friesenhagen. „Alle. Absolut alle“: Die Antwort von Martin Fuß könnte nicht eindeutiger ausfallen. Sämtliche Angelegenheiten, die die Friesenhagener auf dem Amt zu erledigen hatten, konnten sie vor wenigen Jahrzehnten noch vor der eigenen Haustür abwickeln: Personalausweis? Kein Problem. Bauantrag? Sicher. Heiraten? Selbstverständlich.Seit dem Wiener Kongress war Friesenhagen eine eigenständige Gemeinde, mit eigenem Rathaus und Bürgermeister, ohne eine Verwaltung darüber. Und sie blieb amtsfrei, bis die Mainzer Landesregierung Ende der 1960er-Jahre zum Großreinemachen ansetzte. Das entsprechende Regelwerk trug den sperrigen Namen
„8. Landesgesetz zur Verwaltungsvereinfachung in Rheinland-Pfalz“, und mit ihm wurden Kreisgrenzen neu gezogen und Verbandsgemeinden geschaffen. Und eben auch manche Besitzstände infrage gestellt. Einer davon: die Eigenständigkeit der Gemeinde Friesenhagen.
„Wir haben uns gewehrt, solange es ging“, sagt Martin Fuß. Er war damals einer von sechs Beschäftigten im Friesenhagener Rathaus, und er kann sich noch gut daran erinnern, dass die Bevölkerung keineswegs glücklich über die Pläne aus Mainz war.

Sprachrohr des Widerstands war der Gemeinderat: „Wir haben mit allen Mitteln protestiert“, erinnert sich Hermann Mockenhaupt. Er saß damals im Rat; später wurde er Ortsbürgermeister. Aber: „Die Gemeinde war einfach zu klein.“

Wissen und Kirchen in der Auswahl

Friesenhagen hatte keine 2000 Einwohner – Mindestgröße für die Eigenständigkeit waren 7500 Köpfe. Und so zählten auch die abgeschiedene Lage und die besondere Struktur des Orts mit 80 Weilern und Einzelgehöften nicht: Die Gemeinde musste sich einer Verbandsgemeinde anschließen. Blieb nur die Frage: welcher?Zwei standen zur Auswahl: Wissen und Kirchen. Beide schienen ewig weit weg zu sein. Zwar war gerade die Landstraße nach Kirchen fertiggestellt worden – aber viele Friesenhagener hatten noch ganz andere Bilder im Kopf. Zum Beispiel das vom Kirchener Tierarzt, der mit seinem Auto immer nur bis zum Forsthaus Würden fahren konnte. Dort ließ er sich dann zu Fuß abholen – alleine wollte er seine Utensilien nicht bis nach Friesenhagen schleppen. Und Wissen? Auch elend weit entfernt. Und dass es im Haus Hatzfeldt durchaus enge Verzahnungen zwischen Schönstein und Crottorf gab, dürfte die Friesenhagener Bevölkerung eher abgeschreckt denn begeistert haben.
„Die Bevölkerung hat es als Wahl zwischen Pest und Cholera wahrgenommen“, sagt Mockenhaupt heute. Und so waren die Diskussionen nicht leicht. Sicher, für Wissen sprachen etliche historische Fakten – zum Beispiel gehören Friesenhagen und Wissen nach wie vor zum Erzbistum Köln, wie der Vorsitzende des Kreis-Heimatvereins, Konrad Schwan, ins Feld führt. Und auch die Sprache der Menschen im Wildenburger Land hat mehr mit dem Dialekt gemein, der in Wissen gesprochen wird: „Wenn ich im Urlaub jemanden kennenlerne, werde ich immer ins Rheinland gesteckt“, sagt Martin Fuß.
Aber offenbar saßen im Kirchener Rathaus die geschickteren Verhandlungspartner. Denn nicht nur die paar Kilometer weniger dürften den Ausschlag für Kirchen gegeben haben: Der damalige Chef im Kirchener Rathaus, Paul Wingendorf, hatte den Friesenhagenern viele Privilegien zugesichert. Und das nahm sein Gegenüber, der Friesenhagener Bürgermeister Fritz Greßnich, sehr genau wahr. Er galt schließlich als gewiefter Verhandlungspartner.

Rat muss Entscheidung treffen

Am Ende war es am Rat, zwischen Wissen und Kirchen zu entscheiden. Hermann Mockenhaupt hat für Kirchen gestimmt – und befand sich damit in guter Gesellschaft: Die Mehrheit hatte gegen Wissen votiert.Und tatsächlich ließen die Kirchener die Friesenhagener erstmal an der langen Leine. „Geändert hat sich praktisch nichts“, sagt Fuß: Zum Januar 1971 nahm die Kirchener Verwaltung der neuen Ortsgemeinde lediglich die Kassenführung ab. Für alle anderen Aufgaben war weiter das Friesenhagener Rathaus zuständig. Und sogar der hauptamtliche Bürgermeister blieb dem Wildenburger Land erhalten: Greßnich war erst 1968 zum zweiten Mal gewählt worden, und seine laufende Amtszeit tasteten die Mainzer Gesetzgeber nicht an. Und danach? War Greßnich clever genug, seine Wirkungsstätte nach Kirchen zu verlegen – erst als hauptamtlicher Beigeordneter, später als Bürgermeister.
In Friesenhagen wurde Mitte der 1970er-Jahre der erste ehrenamtliche Ortsbürgermeister gewählt: Die Ära Hermann Mockenhaupt begann. Und solange Greßnich auf dem Chefsessel in Kirchen saß, lief es für die Friesenhagener rund. Martin Fuß wurde Leiter der Außenstelle, und mit einer Doppelhochzeit im „kleinsten Standesamt Deutschlands“ schaffte er es sogar ins Fernsehen.

"Gemeindeverwaltung wurde immer weiter ausgeblutet“

Noch heute begegnet er im Dorf „vielen, vielen Paaren, die ich getraut habe“.Später aber, sagen Fuß und Mockenhaupt unisono, wurde peu à peu an den Befugnissen der Außenstelle Friesenhagen herumgeschraubt. „Die Gemeindeverwaltung wurde immer weiter ausgeblutet“, sagt Mockenhaupt, der mit seinem CDU-dominierten Rat vehement dagegen ankämpfte. Gerade mit dem neuen Kirchener Bürgermeister Günther Schönhof hat Mockenhaupt damals manches Duell ausgefochten.
Noch bis in die 1990er-Jahre behielten die Friesenhagener umfassende Aufgaben, die weit über das hinausgehen, was landauf, landab in den Gemeindebüros erledigt wird – was sich auch mit dem Landesgesetz von 1970 deckt, denn die Verwaltungs-Außenstelle wurde der Gemeinde zugesichert. Aber mittlerweile sitzen dort Rita Reuber und ihr Chef Norbert Klaes allein, und von den früheren Öffnungszeiten ist nicht viel geblieben.
Dennoch ist Mockenhaupt weit davon entfernt, die Eingliederung ausschließlich zu verteufeln. Dazu ist er zu sehr Realist. Denn er weiß auch, dass – selbst in den goldenen Jahren, als insbesondere Alho die Gemeindekasse füllte – die Selbstverwaltung sicher an ihre Grenzen gestoßen wäre. „Denken Sie nur an den Aufgabenbereich Wasser/Abwasser. Gerade in einer flächenmäßig so großen Gemeinde wäre das Leitungsnetz für die wenigen Bürger sehr teuer geworden.“
Das sieht auch der aktuelle Ortsbürgermeister nicht anders. Und doch ist Norbert Klaes nicht rundum glücklich mit dem Kirchener Rathaus. „Die Zusammenarbeit könnte in vielen Bereichen besser sein. Die Verbandsgemeinde als Dienstleister der Ortsgemeinden zu sehen, ist ein schönes Wahlkampfschlagwort, doch die Realität sieht zuweilen hinter den Kulissen anders aus.“

Hoffnung auf mehr Zusammenarbeit

In der Tat hat es zuletzt einige Male gewaltig geknirscht – erinnert sei nur an das Geschachere mit Jens Stötzel um die Öffnungszeiten des Gemeindebüros, den Rechtsstreit ums Bitzchen oder das Gezerre um die Fläche von Stephan Günther.So wundert es nicht, wenn Klaes beim Blick voraus auf ein bisschen mehr Zusammenarbeit hofft: „Veränderungen können Chancen sein. Meine Hand ist nach wie vor ausgestreckt, zu einer besseren kommunalen Zusammenarbeit.“
Und wenn sich nichts ändert? Kommt dann der „Frexit“? Klaes antwortet diplomatisch: „Es bleibt abzuwarten, ob die Ortsgemeinde Friesenhagen weitere 50 Jahre innerhalb der Verbandsgemeinde Kirchen bleiben kann oder auch bleiben sollte.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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