Vor Gericht verstand der Angeklagte nur noch »Bahnhof«

Diebespärchen verstand nur bei seinem Coup Deutsch/Hauptverhandlung musste mit Dolmetscher geführt werden

sz Betzdorf. Vor Gericht verstehen viele nur noch Bahnhof. Zum einen, weil sie bei der Urteilsverkündung oft aus allen Wolken fallen, zum anderen, weil’s für die Beweisaufnahme auch ganz günstig ist. So geschehen wieder einmal beim Amtsgericht Betzdorf.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein deutsch-russisches Pärchen stahl Ende Januar vergangenen Jahres im Edeka-Markt in Betzdorf eine Flasche »Bauerntrank«: 40 »Umdrehungen«, 4,99 Euro Gegenwert. Während sie die Verkäuferin ablenkte und ihn mit ihrem Rücken abschirmte, packte er die Flasche schnell unter seinen Mantel. Pro forma bezahlte er an der Kasse zwei Büchsen Bier und wollte sich dann abmachen. Beide waren jedoch stark alkoholisiert und stellten sich bei ihrem Coup ziemlich ungeschickt an. Die Umrisse der Flasche waren deutlich unter seinem Mantel zu erkennen, auch fehlte es ihm an den Fingerfertigkeiten eines David Copperfields. Kurzum: Die Marktleiterin rief ihren Mann zu Hilfe, der verständigte die Polizei, und das Diebesduo wartete geduldig, bis die Beamten eintrafen und sie zuerst Hausverbot und dann eine Anzeige erhielten.

Kostspielige Übersetzung

Zu diesem Zeitpunkt sprachen beide noch Deutsch, so dass die Vernehmung ohne größeren Aufwand über die Bühne gehen konnte. Bei der Hauptverhandlung verstanden beide Angeklagte nur noch Bahnhof. Das Gericht musste eine Dolmetscherin anfordern, Kostenpunkt: 500 Euro. Der Hauptangeklagte sagte dann gar nichts mehr, seine 34-jährige Freundin wusste nicht, was sie sagen sollte. Dafür kam der Bewährungshelfer des 34-jährigen Angeklagten zu Wort.

Der erzählte, dass der Angeklagte wegen versuchten Mordes in Düsseldorf verurteilt worden war und zur Auflage bekommen habe, die Stadt zu verlassen. Danach habe der Mann in einer Entziehungsanstalt gelebt. Im März 1998 kam der heute 34-Jährige nach Betzdorf. Seitdem betreut der Bewährungshelfer den Angeklagten, der von Sozialhilfe lebt. Er bestellt regelmäßig die Abonnements wieder ab, die sich der 34-Jährige immer wieder ins Haus holt, erledigt seinen Briefwechsel und hilft ihm im Haushalt, sowie weit wie möglich. Jetzt endlich habe er wieder einen festen Wohnsitz, nachdem er aus seiner alten Wohnung rausgeschmissen wurde, weil er dort viel zu laut gefeiert und Leute ins Haus geholt hatte, die eigentlich Hausverbot hatten. Es sei ihm jedoch nicht gelungen, ihm vom Alkohol los zu bringen, dennoch würde er regelmäßig Kontakt zu ihm haben. Ferner attestierte der Bewährungshelfer seinem Klienten leichte Schwachsinnigkeit.

Die Mitangeklagte lebt seit sieben Jahren in Deutschland. Nach ihrer Nationalität gefragt, lässt sie übersetzen, dass sie »deutsches Dokument« habe und zeigt Richter Dr. Frank einen Personalausweis. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder, ihr Mann sitzt ein, und sie und ihre Kinder leben von der Sozialhilfe. Der älteste Sohn sei mittlerweile 19 Jahre alt und arbeite seit zwei Wochen. Auch sie ist mehrfach vorbestraft.

Da beide zur Tat selbst keine Angaben machten, ließ Dr. Frank die Betreiber des Edeka-Marktes als Zeugen herbei rufen. Beide gaben übereinstimmend an, dass die Angeklagten an jenem Tag noch Deutsch gesprochen und sich »gezielt« in der Spirituosenabteilung »herumgedrückt« hätten. Es sei ziemlich offensichtlich gewesen, dass die beiden in Teamwork etwas hätten stehlen wollen.

Keinerlei Reue

Für die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, Claudia Idelberger, lag der Tatvorwurf klar auf der Hand. Da der Hauptangeklagte mehrfach vorbestraft sei, käme nur eine Freiheitsstrafe in Betracht: Zwei Monate Haft hielt sie für angemessen, da der Angeklagte »nicht im entferntesten Reue zeige«. Zudem stand er unter Bewährung. Für die Angeklagte forderte sie eine Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 5 Euro. Verteidiger Wigbert Emde gab zu bedenken, dass beide zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss standen und die Beute nur einen geringen Wert gehabt hätte.

Das letzte Wort gehörte den Angeklagten. Sie wünschte sich, ihre Strafe in Raten zu bezahlen, er wollte keine Freiheitsstrafe. Richter Dr. Frank wählten den »goldenen Mittelweg«, verurteilte ihn wegen gemeinschaftlichen Diebstahls zu einem Monat Haft (drei Jahre auf Bewährung), 200 Euro Geldstrafe und 30 Sozialstunden. Für die Angeklagte hielt er 60 Tagessätze à 5 Euro für angemessen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen