Vor hundert Jahren nahm sich Betzdorf eine Braut

Die Vorstadt Bruche bewahrte sich bis heute ihren eigenen Charakter / Die Mitgift machte den aufstrebenden Ort reich

EHZ Betzdorf. Bruche, das ist natürlich ein Ortsteil von Betzdorf, mit eigenem Charakter und eigenem Charme. Doch vor hundert Jahren sah man die Betzdorfer noch als Nachbarn, und umgekehrt waren die Brucher für die Betzdorfer die Nachbarn. Doch die Tage der »amtlichen« Eigenständigkeit waren für Bruche gezählt: Am 11. Dezember 1905 wird der Gemeindevorsteher Peter Schepp vom Gemeinderat beauftragt, den vom 15. Oktober 1906 datierten Zusammenlegungsvertrag »unterschriftlich zu vollziehen«, und am 29. März 1907 tagt letztmals der Gemeinderat Bruche, um der »Königl. Majestät Allerhöchsten Erlaß« zur Kenntnis zu nehmen, in dem er »...zu genehmigen geruht haben...«, dass Bruche ab dem 1. April 1907 »...der Gemeinde Betzdorf einverleibt wird...«

»...vorläufig besonderer Ortsbezirk«

Zumindest in den Veröffentlichungen der Zeit vor genau 100 Jahren geht die Zusammenlegung der Gemeinden geräuschlos über die Bühne, und eine öffentliche Erklärung, warum die Brucher Gemeindeväter dem Betzdorfer Wunsch nachgaben, wird, so das Protokollbuch aus dem Jahre 1904, vom Gemeinderat glatt abgelehnt. Auch die Sprachregelung ist eher unspektakulär: Das bisherige Gemeindegebiet Bruche soll als Betzdorf-Bruche bezeichnet und nach § 5 des Vertrags »...vorläufig einen besonderen Ortsbezirk, für welchen...ein Bezirksvorsteher...zu bestellen ist, bilden.«

Kreuzeiche kommt von Kreuzung

Aus dem Jahr 1831 datiert eine Zeichnung der Gemarkung Bruche, die der Autor des Betzdorfer Geschichtsbuchs, Dr. August Wolf, 1951 nachgezeichnet und in seinem Buch veröffentlicht hat. Als deutliche Landmarke ist hier bereits die Kreuzeiche als Schnittpunkt der Strecken von Dauersberg nach Bruche und von Scheuerfeld nach Betzdorf/Alsdorf zu sehen. Dieser Umstand legt nahe, dass die Eiche älter als 200 Jahre ist, wie im Übrigen auch der Brucher Haubergsvorsteher Konrad Theis vermutet, und dass die Eiche ihren Namen nicht durch das wesentlich später angebrachte Kreuz bekommen hat, sondern durch ebendiese Kreuzung.

Im Schatten dieser Eiche entwickelte sich Bruche von der kleinsten Gemeinde in der Bürgermeisterei Kirchen vor dem Eisenbahnbau (146 Einwohner) zur zweitgrößten Gemeinde der ab 1886 selbstständigen Bürgermeisterei Betzdorf mit über 800 Einwohnern um 1900. Dazu zählte auch Lasdorf, einer der Brucher Höfe. Die Amerikaner suchten bei ihrem Einmarsch im April 1945 an jener Gemeinde Lasdorf, die in ihren Karten verzeichnet war, so erinnern sich Zeitzeugen. Doch Lasdorf war nie eigenständige Ortschaft, sondern stets Bestandteil der selbstständigen Gemeinde Bruche.

Betzdorf hatte sich bereits 1887 um das heute rechts der Sieg liegende Stadtgebiet, Hohenbetzdorf genannt, und ebenso ab 1907 um die Kolonie Bahnhof, beides von der Gemeinde Wallmenroth stammend, entscheidend vergrößert. Da war der Wunsch der Betzdorfer folgerichtig, auch das Gemeindegebiet Bruche nach Betzdorf zu holen. Dieser Wunsch bestand bereits seit den 1890er Jahren und hatte auch finanzielle Gründe, denn die »Königlich preußisch-hessische Staatseisenbahnverwaltung« zahlte den von ihren Bahnen durchfahrenen Gemeinden vom Imhäusertal bis zur Scheuerfelder Grenze jährlich 45000 Mark. Davon kassierte Bruche alleine schon 30000 Mark für den Bereich Rangierberg und angrenzende Gebiete.

Betzdorf verfolgte mit seiner »Kolonialpolitik« natürlich eigene Interessen, denn angesichts der Bedeutung der Eisenbahn mussten die Stadtväter Entwicklungspotenziale in der Hinterhand behalten. Industrie und Eisenbahn konnten sich wegen der besonderen Geografie nur nach Bruche hin erweitern. Insofern stellte die »Braut Bruche« eine hervorragende Partie dar.

Verpflichtung: Wege ausbauen

Acht Paragrafen umfasst der Vertrag vom 15. Oktober 1906, der die Rechte der Brucher in der neuen Gemeinde, die weitere Gültigkeit der in Bruche geltenden Ortsstatute, die Anzahl der Brucher im Gemeinderat Betzdorf und die Lehrerbezahlung regelt. Außerdem verpflichtet sich Betzdorf, bis 1908 die Ortswege Bruche »ordnungsgemäß auszubauen« und den Ort an die Gemeindewasserleitung anzuschließen.

In den 100 Jahren »Partnerschaft« hat sich die Braut als gute Partie erwiesen. Bruche bescherte der Gemeinde Betzdorf das Gelände für die Rangierberg-Erweiterung von 1910 bis 1912 und der Stadt Betzdorf riesige Industrieflächen im Bereich »Fahrendrieschen« als Mitgift. Als es nach dem Zweiten Weltkrieg galt, die zahlreichen Flüchtlinge zu integrieren und ihnen die Schaffung von Eigentum zu ermöglichen, standen ausreichend Baugebiete in Bruche um die Kreuzeiche zur Verfügung.

Kloster nicht wegzudenken

1926 ergriffen die Brucher erneut die Gelegenheit beim Schopfe, als das erste Gebäude des Missionshauses Heilige Familie Bruche, die Druckerei des »Sendboten«, entstand. Der günstige Bauplatz, die eisenbahnverkehrsgünstige Lage Bruches, aber auch das tatkräftige Zupacken der Brucher und ihre Opferbereitschaft ließen den Aufbau des Klosters der Missionare von der Hl. Familie – Grave (Holland) zügig voranschreiten.

Seit 80 Jahren ist das Kloster aus der Betzdorfer Vorstadt nicht wegzudenken. Zwischen Kloster und Brucher Bürgerschaft herrscht seit Anbeginn ein gedeihliches Miteinander, und Zeitzeugen erinnern sich gerne an die Erntezeit, als das Kloster noch eine große Landwirtschaft unterhielt und man aushalf. Das Kloster ist Bestandteil des Heimatbegriffs der Brucher.

Noch heute macht den Brucher ein ausgeprägtes Selbstständigkeitsgefühl aus, das »von Amts wegen« natürlich nicht besteht. Eigene Akzente setzte man vor allem im kirchlichen Bereich. In den 1940er Jahren firmierte in Bruche eine Expositur unter Mithilfe der Kloster-Missionare, ab 1961 war Bruche selbstständige Pfarrei, und 1967 entstand das eigene Gotteshaus »Maria Königin« am Standort der früheren Volksschule Bruche. Noch heute prägen den kirchlichen Bereich zahlreiche Aktivitäten, ebenso rührig sind die Vereine, die ihre Mitglieder vorwiegend im Brucher Raum rekrutieren – das stärkt die eigene Identität.

Noch heute gehen die Brucher natürlich nicht »in die Stadt«, sondern sie sagen, wie Hans-Josef Horn »übersetzt«: »Esch goohn izz noh Betzdorf«, und dies, obwohl die Bruche/Betzdorfer Grenze am Bayersberg, am Funkesberg/Steilhang oder am Ende der Gäulenwaldstraße schon seit hundert Jahren aufgehoben ist.

»Kunibus« saß am Steuer

Die einzige schon seit über 50 Jahren bestehende offizielle Verbindung zwischen den zusammengelegten Orten stellt der Stadtbus von Betzdorf nach Bruche dar. Am 4. Januar 1955 fuhr er die erste Tour und verkehrt zwischen Betzdorf und Vorstadt bis heute auf unterschiedlichen Linienführungen. Acht Jahre saß »Kunibus« am Steuer, so nennen die Brucher noch heute liebevoll den ersten Fahrer des Stadtbusses, Kunibert Profitlich, der – wie sollte es anders sein – natürlich auch ein Brucher Sohn ist.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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