Landwirtschaft heute
Vorurteile oder berechtigte Vorwürfe?

Natürlich gibt es noch Kühe, die auf der Weide leben. Aber viele fristen eben auch ihr Dasein im Stall. Beides spiegelt die heutige Landwirtschaft wieder.  Das  Foto ist in diesen Tagen zwischen Weitefeld und Neunkhausen aufgenommen worden.
  • Natürlich gibt es noch Kühe, die auf der Weide leben. Aber viele fristen eben auch ihr Dasein im Stall. Beides spiegelt die heutige Landwirtschaft wieder. Das Foto ist in diesen Tagen zwischen Weitefeld und Neunkhausen aufgenommen worden.
  • Foto: damo
  • hochgeladen von Daniel Montanus (Redakteur)

damo Kreis Altenkirchen. „Mir erzählen viele Landwirte, dass sie im Dorf nicht mehr gegrüßt werden, wenn sie ein Güllefass am Traktor haben“: Was Markus Mille, der Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, da aus seinem Berufsalltag erzählt, passiert immer häufiger – und es geht noch heftiger. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat vor ein paar Wochen bei einem Besuch in Gebhardshain von einem Bauern-Ehepaar berichtet, das sein Kind von der Schule nehmen musste: Es war als „Kind von Vergiftern und Tierquälern“ gemobbt worden.

Keine Frage: Das schmerzt. Denn ganz offensichtlich hat sich zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung der Landwirte eine Kluft aufgetan. Die Bauern sehen sich selbst als Produzenten hochwertiger Nahrungsmittel und leisten in ihren Augen der Gesellschaft einen wichtigen Dienst. Doch statt Dank ernten sie immer mehr Kritik.

Das dürfte Hand in Hand damit gehen, dass die Themen Klimawandel und Artensterben in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. In Bayern ist unlängst ein erfolgreiches Volksbegehren zum Insektenschutz auf die Beine gestellt worden – und zwar mit deutlichen Seitenhieben auf den Bauernverband. Offenbar zweifeln immer mehr Menschen daran, dass die moderne Landwirtschaft noch im Einklang mit der Natur steht.

„Wir müssen transparent sein“, hat Markus Mille unlängst bei einer Versammlung des Kreisverbands appelliert und die Landwirte dazu aufgerufen, aktiv gegen das Image-Problem anzukämpfen. Die SZ nimmt ihm beim Wort und bietet ihm eine Plattform: Wir haben einige Kritikpunkte zusammengetragen, mit denen sich die konventionelle Landwirtschaft oft konfrontiert sieht. Diese Vorwürfe haben wir dem Geschäftsführer des Bauernverbands vorgelegt – bewusst provokant formuliert.

Bei Markus Mille haben wir offene Türen eingerannt. Er hat schnell geantwortet, auch wenn er das durchaus als Herausforderung erlebt hat: „Eigentlich verdienen die Postulate komplexe Antworten, um allen maßgeblichen Aspekten gerecht zu werden. Aber so war ja glücklicherweise nicht die Aufgabenstellung, sonst wäre eine Doktorarbeit daraus geworden.“

Wir veröffentlichen die Thesen und Milles Antworten ungekürzt – und zwar in zwei Teilen. Denn auch, wenn Mille keine Doktorarbeit geschrieben hat, wäre es für einen Artikel schlichtweg zu lang.

These 1: Milchkühe stehen nur noch im Stall und sehen keine Wiese mehr, Mastschweine vegetieren auf kaum einem Quadratmeter vor sich hin, und Legehennen steht gerade mal eine Fläche zur Verfügung, die nicht viel größer ist als ein DIN-A4-Blatt. Und am Ende ihres traurigen Lebens werden die Nutztiere mit dem Viehtransporter quer durch Europa gekarrt.

Mille: Das sind sehr pauschale Vorurteile, die einem Faktencheck regelmäßig nicht standhalten. Ein eigener Blick in die Ställe und ein Gespräch mit den Tierhaltern im Landkreis Altenkirchen lässt schnell erkennen, welch hervorragende Bedeutung das Wohlbefinden der Nutztiere für die Bauern hat. Viele Landwirte beteiligen sich an Programmen wie der „Initiative Tierwohl“ oder bauen Ställe mit besonderen Tierschutzanforderungen, die eine Förderung erfahren. Den Tieren geht es kontinuierlich besser. Das ist kein Vergleich mehr mit den Haltungssystemen der „ach so guten Zeit“ im letzten Jahrhundert. Das Luft-, Licht- und Platzangebot hat sich deutlich verbessert.

Den Schuh der Tiertransporte müssen sich nicht die Landwirte anziehen, denn diese Aufgabe nehmen gewerbliche Transportunternehmer wahr. Jedoch setzen auch wir uns hier für gute Transportbedingungen ein, die den Tieren gerecht werden.

Im Übrigen gilt: Jeder Einzelne kann mit seinem Einkaufsverhalten einen Beitrag dazu leisten, dass Tiertransporte vermieden werden. Eine vermehrte Nachfrage nach regionalen Produkten würde die Voraussetzungen für ein vermehrtes regionales Angebot auch bei Fleisch und Wurst schaffen.

These 2: Der massive Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist nicht nur ungesund für den Verbraucher, sondern zugleich gefährlich: Multiresistente Keime sind auf dem Vormarsch.

Antibiotika werden in der Nutztierhaltung nicht prophylaktisch eingesetzt, sondern nur, wenn der Tierarzt sie aufgrund einer Diagnose verordnet. Kranke Tiere müssen mit Blick auf den Tierschutz medizinisch behandelt werden, ein vollständiger Verzicht auf Antibiotika in der Nutztierhaltung ist deshalb nicht möglich. Wer Antibiotika in der Nutztierhaltung einsetzt, muss dies dokumentieren: Landwirte und Tierärzte führen ein Stallbuch. Als Halter von Tieren, die Lebensmittel erzeugen, unterstehen sie der ständigen Kontrolle der Veterinärverwaltung.

Die Diskussion über multiresistente Keime und den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung nehmen die Landwirte sehr ernst. Deshalb wurde bereits vor Jahren im Rahmen des Qualitätsmanagements QS ein Antibiotika-Monitoring eingerichtet. Ziel ist es, den Antibiotikaeinsatz zu verringern und die Ausbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien einzudämmen. Es wäre wünschenswert, wenn solche Sorgfalt und Zurückhaltung bei der Antibiotika-Anwendung auch in der Humanmedizin geübt würde.

These 3: In vielen Nahrungsmitteln finden sich Rückstände von Pestiziden – kein Wunder, schließlich wird z. B. ein Apfel durchschnittlich 20-mal gespritzt, bevor er im Handel landet. Guten Appetit!

Die Landwirte setzen Pflanzenschutzmittel ausschließlich nach Befallsschwellen ein. Der Verbraucher erwartet madenfreie Ware. Nahezu alle Obstbaubetriebe in Rheinland-Pfalz nehmen an der integrierten Produktion teil, das heißt, dass keine vorsorglichen Pflanzenschutzmaßnahmen durchgeführt werden. Die staatliche Beratung stellt über Kontrollsysteme den Befallsdruck durch Schaderreger fest. Wird keine Befallsschwelle überschritten, wird auch keine Pflanzenschutzmaßnahme durchgeführt. Pflanzenschutzmittel gehören in die Hände von Profis. Ausgebildete Landwirte müssen einen Sachkundenachweis im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln nachweisen.

Nicht zuletzt stellen die überprüfenden Behörden bei deutscher Ware fast keine Grenzwertüberschreitungen fest. Wer keinen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln möchte, muss madige Ware akzeptieren und auch kaufen. Verständnislos nehme ich übrigens wahr, dass viele heimische Streuobstbäume nicht genutzt werden und die Früchte verfaulen. Das zeigt mir, dass es zwar offenbar einfach ist, „grüne“ Forderungen zu stellen, aber die Mühe, selbst „grün“ zu handeln, vielfach gescheut wird.

These 4: Früher waren Kiebitze, Rebhühner und Braunkehlchen überall in unserer Region präsent – aber ihre Bestandszahlen sind drastisch in den Keller gegangen. Das geht vor allem aufs Konto der Landwirtschaft: Zum einen werden die Wiesen so früh gemäht, dass Bodenbrüter keine Chance haben, zum anderen sind Monokulturen wie Raps- oder Maisfelder ökologische Wüsten. Also ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der stumme Frühling traurige Realität sein wird.

Die Einflüsse auf die Wiesenbrüter und Feldvögel sind komplex. Da spielen neben Veränderungen in der Landwirtschaft auch die rasant gestiegene Versiegelung der Flächen durch Siedlungs- und Verkehrsflächen und weitere Einflüsse eine erhebliche Rolle.

Gerade heute Morgen konnte ich wieder beobachten, wie zwei freilaufende Hunde durch späte Heuwiesen streunten, was deren Halterinnen nicht im Geringsten störte. Das ist verantwortungslos, stöbern die Hunde doch die Gelege der Wiesenbrüter auf.

Die Landwirtschaft hat ihre Verantwortung erkannt und steuert gegen. Es kommt nicht von ungefähr, dass in Rheinland-Pfalz 230 000 Hektar unter besonderer Berücksichtigung des Naturschutzes bewirtschaftet werden, z. B. in ökologischer Wirtschaftsweise, als Feld- und Pufferstreifen, Honigweiden oder im Rahmen der umweltschonenden Grünlandbewirtschaftung. Das sind 30 % der gesamten landwirtschaftlichen Fläche des Landes – und der Kreis Altenkirchen liegt hierbei noch deutlich über dem Landesdurchschnitt. Die Landwirte tun also bereits sehr viel. Wenn nun noch jeder andere in der Gesellschaft seinen Beitrag leistet, werden wir die Artenvielfalt wieder verbessern.

These 5: Die Felder reichen mittlerweile bis an den Straßenrand, für Blühstreifen bleibt kein Platz mehr. Und ein Rapsfeld blüht gerade einmal vier Wochen im Jahr – danach wird der Tisch für Insekten abgeräumt, und zwar für den Rest des Jahres. Natürlich sterben da die Insekten in Massen – denn wo, bitteschön, sollen sie noch Futter finden?

Hier kann auf die Antwort zu Nr. 4 verwiesen werden. Die Landwirte verstärken aufgrund gesetzlicher Vorgaben, aber auch aus eigenem Interesse ihre Bemühungen um Blühflächen, die Nahrungsgrundlage für viele Insekten sind. Allerdings sind auch hier alle in der Verantwortung. Wenn man den Trend zu arbeitsextensiven Mährrobotern und Steingärten sieht, die keinerlei Blüte zulassen, weiß man, dass hier noch viel Luft nach oben ist. Das gilt auch für viele kommunale oder gewerbliche Flächen. Es herrschen eine Gestaltungs-Ausrichtung auf möglichst wenig Arbeit und ein falsch verstandener „Ordnungssinn“ vor. Natur braucht aber Unordnung und Raum zur Entfaltung.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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