Mit 0,9 Promille Alkohol im Blut
Wagen vor Polizeiwache „geschrottet“

Beim Jugendgericht in Betzdorf kam der Student mit einem blauen Auge davon. Symbolbild: dach

goeb Wissen/Betzdorf. Man hegt als junger Mensch zwangsläufig den Verdacht, zum Spielball dunkler Mächte auserwählt zu sein, wenn man mit seinem alten Seat zu nachtschlafender Zeit 300 Meter nach dem Ausparken eine Notrufsäule abrasiert, die ausgerechnet vor einer Polizeiwache steht. Spielt da jemand Schabernack mit mir auf meine Kosten?

Jens F. (Name v. d. Red. geändert) wird wohl solche Gedanken gehabt haben. Der 20-jährige Student aus Hamm (Sieg) war mit Freunden im Februar dieses Jahres in einer Shisha-Bar in Wissen gewesen und hatte sich „gegen sein Gefühl“ ans Steuer seines „Ersten“ gesetzt, nur etwas jünger als er selbst.

„Ich habe noch überlegt, meine Mutter anzurufen, die angeboten hatte uns abzuholen“, erklärte er jetzt gegenüber Jugendrichterin Tanja Becher. Die Mutter saß neben dem Herrn Vater ebenfalls im Gerichtssaal, bereit, als Zeugin vernommen zu werden, wozu es nicht mehr kam. „Aber dann dachte ich, ist schon so spät geworden.“ Die Gruppe war auch noch in der Findungsphase bei der wichtigen Frage, ob man noch eine weitere Kneipe ansteuern sollte.

Außerdem hatte er die Jacke im Auto vergessen und die Kumpel, mit denen er unterwegs war, waren schon vorausgegangen. Auch von ihnen warteten zwei darauf, als Zeugen den Tathergang erhellen zu können.

Es muss für sie ein seltsames Gefühl gewesen sein, als sie Jens in seinem Seat heranfahren sahen und seine wilden Bewegungen am Steuer. „Da fährt ja der Jens!“, rief einer noch aus. Funken sollen gesprüht haben, der alte Seat nahm auf seiner letzten Tour erst den Bordstein mit, dann nahm er die Notrufsäule ins Visier, beseitigte diese, krachte gegen eine Mülltonne und ergab sich erst vor der schieren Masse von Absperrsteinen.

Zwar ist die Wache nachts nicht besetzt, aber es dauerte nicht lange, bis die Polizei vorfuhr. Jens musste pusten. Der ermittelte Wert von 0,9 Promille wurde bei der angeordneten Blutuntersuchung kurz darauf bestätigt. 0,92 – das bewegt sich im Rahmen der „relativen Fahruntüchtigkeit“ und ist fürs Gericht ein schlagendes Argument, wenn man einen Unfall baut.

Doch so sehr die dunklen Mächte in der Februarnacht gegen ihn gewesen waren, um so heller leuchteten die guten für ihn am Verhandlungstag. Einzig die eifrige Staatsanwältin hätte den positiven Verlauf des Prozesses noch durchkreuzen können, aber dafür war das Blatt, das Jens auf der Hand hatte, an diesem Tag einfach zu gut.

Er räumte freimütig ein, dass es eine „dumme Entscheidung“ gewesen sei, sich ans Steuer zu setzen. Doch er sei klar gewesen, betonte er. Der Unfall sei durch einen defekten linken Vorderreifen ausgelöst worden. „Der Wagen ließ sich einfach nicht mehr steuern.“

Das bestätigten nicht nur die Zeugen, auch das Unfallprotokoll der Polizei legt das nahe. Darin ist von Schleifspuren auf dem Bordstein die Rede, die nur von Reifenfelgen stammen können. Für das Gericht, sagte die Vorsitzende, gehe es um die Frage, „ob Sie den Defekt alkoholbedingt womöglich nicht bemerkt haben“.

Er habe sich nicht beeinträchtigt gefühlt, versicherte er abermals, und schließlich sei er es gewesen, der die Unfallstelle sofort mit dem Warndreieck abgesichert habe. Die ansonsten dünne Faktenlage sprach für ihn. Weder war die Bremsspur vermessen worden, was die Staatsanwältin bedauerte, noch hatte man das Auto einem Gutachter präsentiert. Lediglich der Umstand, dass vorn links die Bereifung fehlte, war protokollarisch festgehalten worden. Der Seat war längst auf dem Schrottplatz. Trotz seines Alters, ergänzte der Verteidiger aus Eitorf, habe der Pkw eine Servolenkung gehabt. „Damit merkt man einen Defekt am Rad erst spät oder gar nicht.“

Insofern kam Jens F. glimpflich davon. Das Gericht beließ es bei einer Geldbuße in Höhe von 500 Euro und stellte das Verfahren vorläufig ein. Er hörte allerdings die Ermahnungen der Vorsitzenden und der Staatsanwältin. Als die Richterin ihm nach seinem aufrichtigen „Mea culpa“ den Führerschein aushändigte, den er fünf Monate nicht gesehen hatte, strahlte Jens F. übers ganze Gesicht. <chartag shortcut="z-Autor" tag="autor-7p">Andreas Goebel</chartag>

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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