Wer war der Mann mit der Holzplatte?

Absurder Prozess/Wort »Verantwortung« falsch verstanden

damo Betzdorf. Der Blick von Alfred S. (Name geändert) fiel auf die Anklagebank und ging dann suchend durch den Saal. Er streifte über die Pressebank, tastete sich kurz durch die Reihen; dann die Erkenntnis: »Er ist nicht im Saal.« Aber der Belastungszeuge hatte noch einen Trumpf im Ärmel: »Draußen vor der Tür muss er sein. Es ist einer von den Zeugen.« Aber auch das erwies sich kurz darauf als Fehlschlag. Trotz zweier Kandidaten musste Alfred S. einsehen, dass er an diesem Tag nicht mehr dem Mann mit der Spanplatte gegenüber stehen würde.

Mit der Holzplatte in der Hand

Eine Holzplatte in der Hand, kräftig gebaut: So soll der Mann ausgesehen haben, der Alfred S. an einem Tag im Juli beinahe mit einem gezielten Tritt von seinem Motorroller gefegt hat. Der Tatvorwurf im Detail: Am späten Vormittag des 27. Juli 2003 war Alfred S. mit seinem Motorroller auf der B62 in Richtung Wissen unterwegs, als er ein Hindernis auf der Fahrbahn ausmachte. Vor dem Haus von Manfred H. sollen Paletten einige Zentimeter auf die Straße geragt haben; außerdem waren laut Anklageschrift zwei Männer an Ort und Stelle, um die Paletten wegzuräumen. Einer der beiden soll dann Alfred S. auf seinem Roller gesehen und zu einem Tritt ausgeholt haben. Als der Mittfünfziger schließlich mit seinem Zweirad vorbeifuhr, soll der Mann nach ihm getreten haben. Knapp vorbei zwar, aber: »Der hat mich nur deshalb nicht getroffen, weil ich ausgewichen bin. Sonst wäre ich hingefallen.«

Nachdem Alfred S. der Fuß-Attacke ausgewichen war, drehte er nach eigener Aussage und fuhr zu den beiden Männern zurück. Dort machte er seinem Ärger Luft: »Was war das denn hier? Das hat ein Nachspiel, Freundchen.« Entscheidende Frage: Für wen eigentlich?

Denn Manfred H., der Mann auf der Anklagebank, war gar nicht der Täter. Das beteuerte er selbst, die beiden Zeugen und sogar Alfred S. »Nein, der war das nicht.«

Warum aber saß der arbeitslose Familienvater dann auf der Anklagebank? Die Erklärung lieferte er selbst: Alfred S. hatte die Polizei eingeschaltet, und als die Beamten bei Manfred H. eintrafen, nahm der den tretenden Paletten-Packer in Schutz: »Der hat bei meinem Haus geholfen. Und da habe ich doch die volle Verantwortung.« Also räumte Manfred H. gegenüber den Polizisten den Fußtritt ein – und bekam dann vor Gericht Angst vor der eigenen Courage. »Ich habe meinen Kumpel Stefan G. deshalb gedeckt, weil der damals unter Bewährung stand. Aber da wusste ich ja nicht, was auf mich zukommt. Ich wollte nur den Stefan schützen.«

Allerdings: Auch die Tatsache, dass Manfred H. ihn gedeckt hat, hat Stefan G. nicht viel genutzt. Der hat nämlich mittlerweile längst eine andere Straftat begangen und sitzt in Haft – aber seine Akte liegt noch immer im Betzdorfer Amtsgericht. Und so ließ Richter Ickenroth gestern die Akte holen und zeigte Alfred S. ein Portrait von Stefan G. »Ja, eindeutig. Der war es«, kommentierte Alfred S. das Foto aus der Strafakte.

»Führerschein wegnehmen!«

Dass er wenige Minuten zuvor einen Zeugen aus dem Umfeld von Manfred H. dringend verdächtigt hat, fiel da unter den Tisch – ebenso wie folgende Anregung von Alfred S.: »Wenn so einer den Führerschein hat und dann nach mir tritt, muss man ihm den wegnehmen. So einer hat im Straßenverkehr nichts verloren.« Weil Hubert Ickenroth aber Richter und nicht Moderator des Wunschkonzerts ist, überhörte er den Vorschlag des Geschädigten und brachte das Verfahren zu Ende.

Genauer: zu seinem vorläufigen Ende. Manfred H. wurde gestern freigesprochen, wird sich aber bald noch einmal vor Gericht verantworten müssen, und zwar wegen versuchter Strafvereitelung. Und da dieses Delikt im Versuchsstadium stecken geblieben ist, gibt es noch einen zweiten Prozess, nämlich den Mann mit der Spanplatte – also gegen Stefan G.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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