Wie aus einem ganz schlechten Film

Drei junge Polen kamen nach Wissen, um auf Bestellung Autos zu knacken

damo Betzdorf. Sie kamen in sonderbarer Mission, und sie sprachen kaum ein deutsches Wort. Das aber sollte ihrer »Arbeit« im AK-Land nicht im Weg stehen: Autos knackt man nonverbal. Bartek Z., Oleg R. und Radek U. (Namen geändert) haben ihren Job dann aber doch nicht zur Zufriedenheit ihrer Auftraggeber erledigen können, und so mussten sie gestern auf der Anklagebank des Betzdorfer Jugendschöffengerichts Platz nehmen.

Der Tatvorwurf könnte einer Reality-Crime-Serie eines schlechten Privatsenders entnommen sein; wesentlich besser kann man Vorurteile und Klischees nicht bedienen. Die drei jungen Männer kamen aus Polen über die Grenze nach Deutschland, um hier Autos zu knacken und Radios zu klauen. Sie scheiterten aber recht früh: Schon beim zweiten Auto-Aufbruch in Wissen wurden sie von einer Zeugin beobachtet. Die rief die Polizei, und die stellte die drei Männer kurze Zeit später.

Im Rucksack von Bartek Z. fanden sich zwei Autoradios. Alle drei Männer hatten außerdem insgesamt rund 1000 Euro in der Tasche und CS-Gas bei sich. Den letzten Zweifel – so es ihn denn noch gab – räumten zwei weitere sichergestellte Utensilien aus dem Weg: So fand die Polizei eine Liste mit rund 30 verschiedenen Autoradio-Typen, die dem Anschein nach auf Bestellung geklaut werden sollten. Ferner hatten die drei Polen ein Autoaufbruchs-Werkzeug bei sich, das im Polizeijargon als »Polenschlüssel« bekannt ist.

Alles in allem konnten Richter Reiner Rühmann und Staatsanwalt Jens Bügel sich gestern also bequem zurücklehnen: Es dürfte selten sein, dass den strafverfolgenden Behörden eine so ansehnliche Sammlung von Indizien vorliegt. Außerdem war Bartek Z., in dessen Rucksack die Beute gefunden wurde, geständig.

Die beiden anderen Angeklagten hatten bei der Polizei allerdings jede Schuld von sich gewiesen. Sie haben Bartek Z. nach eigenen Angaben nicht gekannt, sondern wollten »in einer unbekannten Gegend von einem unbekannten Russen Gegenstände erwerben« – so viel zum Thema glaubwürdiges Alibi. Dass bei allen drei Tätern die Handys beschlagnahmt wurden, machte die Situation der angeblich unbescholtenen polnischen Geschäftsleute aber nicht besser: Die Verbindungen wurden ausgewertet, und am Tag der beiden Straftaten haben alle drei Angeklagten regelmäßig telefoniert.

Der Tatvorwurf lautete also: gemeinschaftlich begangener Bandendiebstahl. Um allen Beteiligten eine langwierige Beweisaufnahme zu ersparen, bediente sich Richter Reiner Rühmann des Instruments des Rechtsgesprächs. Im Gegensatz zur üblicherweise praktizierten Spielart hinter verschlossenen Türen wahrte Rühmann aber den Grundsatz der Öffentlichkeit – und so konnte man im Gerichtssaal gestern miterleben, wie Gericht und Staatsanwaltschaft Brücken bauten, um den Prozess zu beschleunigen und damit Kosten zu sparen.

Natürlich kreisten die Gespräche vor allem um das mögliche Strafmaß im Falle eines umfassenden Geständnisses. Dabei war zu berücksichtigen, dass Bartek Z. vor zwei Jahren schon einmal wegen des Aufbrechens eines Autos im Jugendarrest saß; und Radek U. wurde von einem Gericht in Trier vor einiger Zeit bereits zu einer Geldstrafe verurteilt. Warum? Weil er ein Auto geknackt hatte.

So stellte Staatsanwalt Bügel für Bartek Z. eine Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten in Aussicht – ohne Bewährung. Bei den beiden anderen Angeklagten könne er eine Strafaussetzung zur Bewährung vertreten; Radek U. könne im Falle eines Geständnisses mit zwei Jahren Freiheitsstrafe rechnen, Oleg R. mit einem Jahr und sechs Monaten.

Nach einer halbstündigen Verhandlungspause und einem intensiven Gespräch mit ihren Anwälten räumten die Angeklagten dann die Tatvorwürfe ein. Und weil sich alle an die Spielregeln hielten, verhängte Richter Rühmann schließlich exakt die Strafen, die Bügel nach dem Rechtsgespräch gefordert hatte.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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