Hektik kurz vor Redaktionsschluss
Wie die SZ über eine Wahl berichtet

Analysen, Zahlen, Diagramme, Kommentare: Dafür bleiben an einem Wahlsonntag nur wenige Stunden Zeit.
  • Analysen, Zahlen, Diagramme, Kommentare: Dafür bleiben an einem Wahlsonntag nur wenige Stunden Zeit.
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  • hochgeladen von Jan Krumnow (Redakteur)

goeb Betzdorf. In der „Quadratur“ Kommunalwahl, Bundestagswahl, Europawahl und Landtagswahl gilt Letztere unter den vieren als eine der „leichteren Übungen“. Fälschlicherweise, denn anders als die Kommunalwahl, die wegen des Kumulierens und Panaschierens in Rheinland-Pfalz zweieinhalb Tage beansprucht, musst du am selben Abend fertig werden. Konkret: 23.15 Uhr.
Wahlabende sind eine Nagelprobe für jede Zeitungsredaktion. Sie sind nicht nur ein Stresstest, sondern stets eine Lektion des Lebens. Sie lehren uns: Du kannst noch so sorgfältig planen, es kommt sowieso meistens anders. Murphys Gesetz, wenn du Pech hast.

Vorbereitung ist alles - Spontaneität auch

Am Sonntag also die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Wir haben mit dem Newsdesk und den Mediengestaltern in Siegen alles vorbesprochen. Bunte Diaggramme, noch ohne Zahlen, stehen schon auf den Seiten. Hier ist Platz für Analysen aus den Verbandsgemeinden, dort soll ein Kommentar hin, auf Seite 7 sind Einschätzungen der Politiker vorgesehen, mit denen wir uns zu Telefonaten „irgendwann am späteren Abend“ verabredet haben.
Es fängt immer locker an. Während des Tages besuchen wir die Wahllokale, fragen nach, wie die Beteiligung ist, ob alles nach Plan läuft. Wichtig: Kollege Daniel Montanus bringt jede Menge Feature-Fotos mit, zum Beispiel von den Wahl-Kabinen und den Urnen, die ab 18 Uhr geöffnet werden und ihren kostbaren Inhalt – Symbol unserer Demokratie – auf die Tische spülen.
Um 18 Uhr dann die Prognose: Wir blicken gebannt auf den Bildschirm in der Lokalredaktion in unserer kleinen Betzdorfer Redaktion. Wie erwartet, deutet sich wieder ein Sieg für Amtsinhaberin Malu Dreyer an. Das ist uneinholbar für Herausforderer Christian Baldauf von der CDU. Spannend wird jetzt die Frage sein, ob Lokal-Matador Michael Wäschenbach seinen Wahlkreis gegen die prominente Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) verteidigen kann. Die genießt als Gesundheitsministerin zwar viel Aufmerksamkeit in Berlin und ist auch in Talkshows zu Gast, in Coronazeiten muss das aber kein Vorteil sein.
Nun greifen alle bereits zum Telefon, um erste Stimmen aus der Politik einzufangen und sie direkt in den Live-Ticker einzuspeisen, der am frühen Abend alle paar Minuten Neuigkeiten unters Volk bringt.

In Wissen erreiche ich CDU-Urgestein Ulrich Schmalz, der viele Jahre als Landtags- und Bundestagsabgeordneter tätig war. „Ich lese gerade eine Biografie von Charles de Gaulle“, lacht er. Ein Auge hat er natürlich auf den Fernseher gerichtet. Seine Enttäuschung kann und will er nicht verbergen. Ohne Dreyer, sagt er, wäre es für die SPD schwer geworden. „Aber die Leute gucken sich nicht mehr die Regierungsarbeit insgesamt an, die wählen heute nur noch nach Köpfen.“ Sauer ist er auch darüber, dass die Freien Wähler der CDU Stimmen abgejagt haben.
Um 18.30 Uhr macht sich Kollege Achim Dörner auf zu Michael Wäschenbach, der sich in seinem Heimatort Wallmenroth in einem ehemaligen Möbelhaus seine Zentrale eingerichtet hat – mit Lagerfeuer im Garten.
Der Landeswahlleiter speist die ersten Ergebnisse der Stimmbezirke ins Netz, mal liegt Bätzing vorn, mal Wäschenbach. Während im Unterkreis Altenkirchen früh klar ist, dass der CDU-Mann den Wahlkreis holt, bleibt es hier oben spannend. Ein Wechselbad der Gefühle. Erst gegen 21 Uhr ist so weit ausgezählt, dass Wäschenbach der Sieg nicht mehr zu nehmen ist. Kollege Achim hat Fotos mitgebracht und schreibt eine Reportage über den Wallmenrother und einen Abend, der an seinen Nerven zehrt.
Lokalredakteurin Nadine Buderath verschwindet ins Erdgeschoss, wo es etwas ruhiger ist und telefoniert mit zahlreichen Parteinvorsitzenden und bittet sie um ihre Einschätzung. Thorsten Stahl und Daniel Montanus analysieren Gewinne und Verluste der Parteien. Sie kennen ihre Gemeinden wie alle aus dem Effeff. Friesenhagen, Kirchen, Wissen, Herdorf. Wo bleiben die Zahlen aus Niederdreisbach? Ach, da sind sie ja endlich.

Am Ende wird es wie immer hektisch

Es wird 22 Uhr, es wird 22.30 Uhr. Tastaturen scheppern, knappe, informative Telefonate. Bange Blicke auf die Monitore. „45 Minuten noch“, rufe ich in den Raum. „Noch 20 Minuten bis Buffalo.“ Wie von Geisterhand füllen sich die Seiten und Artikelhüllen. „Die FDP fehlt noch, und hast den Bleck erreicht?“
Es erinnert, je mehr es auf den Redaktionsschluss zugeht, an eine Tarantella, jenen wilden spanischen Tanz, den wir in der Redaktion auführen.
Kurze Leitung mit dem Newsdesk. „Da bitte noch die Zahl in der Grafik Betzdorf-Gebhardshain ändern. Gib mir noch drei Minuten für den Haupttext. Ich will ihn noch einmal kurz Korrektur lesen.“
Schlag 23.15 Uhr! Wir sind tatsächlich fertig geworden. Nicht eine Minute früher. Die Spannung löst sich. Es sieht schlimm aus. Kollege Rainer Schmitt, freier Mitarbeiter, hat Berge von Kuchen vorbeigebracht, ein Blech Quiche Lorraine liegt geplündert auf einer Ablage. Montanus geht eine rauchen, wir kommen ins Plaudern, auch das Stündchen danach hat bei uns lange Tradition.
Wir sind alle beseelt und gelöst, auch wegen der Nähe, die nicht nur möglich war heute Abend, sondern nötig. Eigentlich wie immer, denke ich, lägen da nicht überall auf den Tischen die Corona-Schnelltest-Kits verstreut herum. Andreas Goebel

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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