Wie in einem ganz schlechten Krimi

Anwalt in Rotlicht-Kreisen unterwegs / Angeklagter zu einem Jahr Haft verurteilt

damo Betzdorf. Als Pressevertreter im Gericht bekommt man immer wieder Visiten-Kärtchen zugesteckt; immer wieder erhoffen sich Anwälte, namentlich erwähnt zu werden – durchaus plausibel, schließlich ist ein erfolgreich geführter Prozess die beste Werbung. Dass der Anwalt von Chasan E. keinen Wert auf namentliche Nennung legt, hat einen ausgesprochen guten Grund: Der Jurist erlebte gestern im Betzdorfer Amtsgericht eine ausgesprochen peinliche Bruchlandung.

Dabei sah für ihn alles so gut aus: Seinem Mandanten Chasan E. wird vorgeworfen, eine Zeugin während des Eichelhardter Rotlichtprozesses im Gericht bedroht zu haben (die SZ berichtete). Nun saß besagte Zeugin im Zeugenstand, und der Verteidiger nahm die junge Frau ins Kreuzverhör. Und der Jurist machte eine gute Figur; Zeugin Irina W. geriet immer mehr ins Schwimmen. Die ersten Runden gingen nach Punkten klar an den Anwalt – aber was helfen alle Punkte, wenn die Gegnerin zum verbalen linken Schwinger ausholt?

»Darf ich was sagen?« fragte die Zeugin den Richter. Der nickte. »Sie waren doch auch schon im Schwimmclub in Eichelhardt!« wandte sich die Zeugin an den Juristen – der wankte und ging in die Knie. »Keine weiteren Fragen«, antwortete er knapp, und als Irina W. munter weiter erzählen wollte, fiel er ihr ins Wort: »Die Zeugin ist nicht mehr gefragt!«

Ein Anwalt, der im Rotlicht-Umfeld seines Mandanten »verkehrt« – eine Konstellation wie aus einem ganz schlechten Krimi. Richter Dr. Orlik Frank legte erst einmal eine Sitzungspause ein. Auch danach erholte sich der vormals so eloquente Jurist nicht mehr.

Zuvor hatte Irina W. dem Gericht geschildert, dass sie im Vorfeld des Verhandlungstags im Dezember bedroht worden sei. Und an jenem 6. Dezember habe der Angeklagte sie während einer Verhandlungspause gewarnt, bloß nicht auszupacken – »Die Männer kommen nach ein, zwei Jahren ja wieder aus dem Gefängnis – sei also vorsichtig«.

Diese Aussage deckte sich auch mit der des Zeugen Hubert Ickenroth. Der Betzdorfer Richter hatte den Schwimmclub-Prozess geleitet und schilderte noch einmal detailliert, wie deutlich die Angst von Irina W. zu spüren gewesen sei. Ferner habe er erfahren, dass die Zeugin bedroht worden sei.

Diese Aussagen reichten Hans-Georg Mies, dem Vertreter der Staatsanwaltschaft, um hinreichende Klarheit zu gewinnen: »Ich bin eindeutig überzeugt, dass sich der Angeklagte einer versuchten Nötigung schuldig gemacht hat.« Nötigung sei der »Bruch eines fremden Willens« – und das sei insbesondere während eines Strafprozesses keinesfalls zu tolerieren. »Ein Zeuge ist ein unverzichtbares Element unserer Rechtsordnung. Wer hier eingreift, zeigt sich als Feind dieser Rechtsordnung«, erklärte Mies – erschwerend komme in diesem Fall hinzu, dass Irina W. ja nicht zu einer Bagatelle aussagen musste.

Im Rotlicht-Prozess sei es um menschenverachtende Machenschaften gegangen, führte Mies aus. So stehe für ihn fest, dass für Chasan E. nur eine Haftstrafe in Betracht komme – und zwar eine ohne Bewährung. Mies forderte ein Jahr Haft.

Der Verteidiger, immer noch sichtlich getroffen von Irina W.s Blattschuss, sah das freilich anders. Die Zeugin sei nicht glaubwürdig – und sie trachte nach Rache gegen alle, die im Umfeld des Schwimmclubs aufgetaucht seien. Er forderte einen Freispruch.

Richter Dr. Frank konnte sich dieser Einschätzung allerdings nicht anschließen — er folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verhängte eine einjährige Haftstrafe. Noch während der Rechtsmittelbelehrung verließ der Jurist den Saal – und wieder gab es für die schreibende Zunft keine Visitenkarte.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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