Wie Nachbarn Nettigkeiten austauschen

Von Richter Jan Kochs undankbarer Aufgabe, eine Schlägerei unter Nachbarn aufzudröseln

ruth Betzdorf. Nachbarschaftsstreitereien zu schlichten, ist eine undankbare Aufgabe. Bleibt es nicht bei verbalen Auseinandersetzungen und kommen Handgreiflichkeiten hinzu, wird die Sache besonders unangenehm. Richter Jan Koch und Staatsanwaltschafts-Vertreter Ulrich Groß standen jetzt vor der undankbaren Aufgabe, einen Nachbarschaftsstreit aufzuklären, an dem beide Parteien nicht ganz unschuldig waren.

Das Ehepaar Manfred und Paula L. (Namen von der Red. geändert) kam eines Tages nach Hause, wo die beiden von der Tochter der Nachbarin hoch zu Balkon »begrüßt« wurden. Was die 13-jährige Tochter da von sich gegeben haben soll, ist nicht zitierfähig und stammt aus der »untersten Schublade«. Auch Manfred K. schien nicht auf den Mund gefallen zu sein und konterte – aus derselben Schublade. Im Treppenhaus sollte die ganze Sache schließlich geklärt werden. An dem folgenden »Gedankenaustausch« beteiligten sich schließlich die Mutter der Tochter, deren Bruder, seine Freundin und das Ehepaar L.

Nachdem beiden Fraktionen der Wortschatz ausging, wurden sie handgreiflich. Irgendwie wurde die Mutter der Tochter dabei die Treppe hinunter gezerrt, wo das Ehepaar K. auf sie einzuschlagen begann. Das Attest des Arztes belegt deutlich, dass hier mehr als nur ein Gedankenaustausch stattfand. Schließlich kamen Sohn und angehende Schwiegertochter der Mutter zu Hilfe und beendeten die Rangelei. Richter Koch musste nun klären, wer angefangen hat, wer wie fest und wohin geschlagen hat und wer das Ganze bezeugen konnte.

Das wegen Körperverletzung angeklagte Ehepaar wies jede Schuld von sich. Schlagen sei ihnen zutiefst zuwider, versicherten beide. Auch hätten sie die ständigen Beleidigungen der Tochter stets stillschweigend ertragen: »Wir haben bis zu einem gewissen Maß darüber hinweg gehört.« Anfang September 2002 war dieses Maß wohl erreicht.

Während sich die angeklagten Eheleute als Unschuldslämmer präsentierten, tischte die geschädigte Mutter eine völlig andere Version des Tathergangs auf. Flankiert von den gut vorbereiteten Zeugenaussagen ihrer Freundin, wähnte sie sich auf der Gewinnerstraße. Sie hatte jedoch nicht mit dem detektivischen Spürsinn eines Ulrich Groß gerechnet. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft merkte sehr schnell, dass die Zeugin Vera S. von der Mutter »geimpft« worden war. Szene für Szene ließ sich Groß das Geschehen im Treppenhaus schildern. Und immer mehr verstrickte sich Vera S. in Widersprüche, bis Groß ihr schließlich androhte, sie wegen Falschaussage anzuklagen. Dass wollte Richter Koch jedoch vermeiden und baute ihr eine »goldene Brücke«. »Wir sind jetzt sicher, dass Sie den Tathergang überhaupt nicht gesehen haben und nur das nacherzählen, was ihnen die Geschädigte erzählt hat. Geben Sie es zu und sagen Sie, dass Sie sich geirrt haben«, wurde Groß laut – denn die Zeugin schien nicht zu begreifen, dass sie sich um Kopf und Kragen redete. Schließlich knickte sie ein und gab zu, den Vorfall nur vom Hören her zu kennen.

Ganz anders schilderte der 18-jährige Sohn der Geschädigten den Vorfall. Er schien sich schon immer aus den Streitigkeiten der Familie herauszuhalten und berichtete ohne großen Eifer und Schuldzuweisungen, wie er die Schlägerei im Treppenhaus erlebt hat. Danach habe sehr wohl ein Kampf zwischen seiner Mutter und dem Ehepaar L. stattgefunden. Nüchtern und sachlich schilderte der 18-Jährige, was er gesehen hat. Auch schloss er nicht aus, dass seine Schwester das Ehepaar beleidigt habe. Gesehen oder gehört habe er dies jedoch nicht.

Nun lag es an Richter Koch, den Wahrheitsgehalt der drei Aussagen herauszufiltern. Da fiel der Geschädigten plötzlich ein, dass es ja noch weitere Zeugen gäbe, die den Vorfall gesehen hätten: ihre Tochter und ihre angehende Schwiegertochter. Beide säßen ja im Zuschauerraum und könnten ihre Aussage bestätigen. Richter Koch und Ulrich Groß waren natürlich nicht begeistert, zwei potentielle Zeugen im Gerichtssaal sitzen zu haben, die sich in aller Seelenruhe das Verfahren angeschaut hatten. An der zu Beginn der Sitzung gestellten Ermahnung, alle möglichen Zeugen sollten sich melden und den Sitzungssaal verlassen, hatten sich diese beide nicht gestört.

Koch bot schließlich beiden Parteien einen »Waffenstillstand« an. Das angeklagte Ehepaar solle 300 Euro Schmerzensgeld an die geschädigte Mutter zahlen, dafür werde das Verfahren eingestellt und von einer Verurteilung abgesehen. »Dass da gar nichts vorgefallen ist, glaub' ich nicht«, sagte Koch. Nach einer kurzen Sitzungsunterbrechung willigte das Ehepaar schließlich ein.

Fazit: »Nachbarschaftskisten sind nicht immer ganz einfach aufzudröseln«, meinte Jan Koch schulterzuckend. Auch diese beiden Nachbarn werden sich wohl nicht mehr »grün«. Das Ehepaar L. ist mittlerweile aus der Wohnung ausgezogen. Der Streit ist nun weg vom (Juristen-) Tisch. Beigelegt ist er mit Sicherheit nicht.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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