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Kloster Bruche prägte nicht nur religiöses Leben
Wo Kirche mitten unter den Menschen war

Ein Blick in die Klosterkapelle vor dem Umbau: Weil der Platz kaum ausreichte, gab das Bistum die Erlaubnis zum Bau der Kirche „Maria Königin“.
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  • Ein Blick in die Klosterkapelle vor dem Umbau: Weil der Platz kaum ausreichte, gab das Bistum die Erlaubnis zum Bau der Kirche „Maria Königin“.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

thor Bruche.  Die Älteren werden sich erinnern: Es gab eine Zeit, da stand die hohe Geistlichkeit bei der Liturgie noch mit den Rücken zu den Gläubigen, die Messen wurden in Latein gehalten. Und doch war es mitunter eine Zeit, wo Kirche mitten unter den Menschen war. Trotz der so offen zelebrierten Distanz. Ein solches Beispiel war ohne jeden Zweifel das Kloster der Missionare von der Heiligen Familie. Keine Gemeinde in der Gemeinde, sondern ein lebendiger Teil von ihr, offen und einladend.
Wenn nun, wie ausführlich berichtet, in einem Jahr oder etwas später der letzte Bruder Bruche gen Münsterland verlässt, dann wird es von offizieller Seite viele lobende und dankende Worte geben.

thor Bruche.  Die Älteren werden sich erinnern: Es gab eine Zeit, da stand die hohe Geistlichkeit bei der Liturgie noch mit den Rücken zu den Gläubigen, die Messen wurden in Latein gehalten. Und doch war es mitunter eine Zeit, wo Kirche mitten unter den Menschen war. Trotz der so offen zelebrierten Distanz. Ein solches Beispiel war ohne jeden Zweifel das Kloster der Missionare von der Heiligen Familie. Keine Gemeinde in der Gemeinde, sondern ein lebendiger Teil von ihr, offen und einladend.
Wenn nun, wie ausführlich berichtet, in einem Jahr oder etwas später der letzte Bruder Bruche gen Münsterland verlässt, dann wird es von offizieller Seite viele lobende und dankende Worte geben. Doch wer ehrlich ist, wird auch zugeben, dass viele den Weggang mit großer Gleichgültigkeit betrachten werden. Auch in Bruche. Zu sehr haben sich die Zeiten geändert, bei den Menschen und bei den Missionaren.

„Hier wurde Nächstenliebe vorgelebt“

Umso mehr lohnt die Erinnerung – und wer kann diese Geschichte schon besser erzählen als Konrad Theis? Der Ingenieur und Haubergsvorsteher geht nach wie vor im Kloster ein und aus, so wie er es schon als kleiner Junge getan und es über 80 Jahre nie aufgegeben hat. „Hier wurde Nächstenliebe vorgelebt“, lautet sein Fazit zu dieser Ära, die nun langsam ihrem Ende entgegen sieht. Diese verbale Verneigung vor dem Kloster und den Missionaren ist insofern bemerkenswert, als dass Theis kein frömmelnder Kirchgänger ist, sondern „seine“ katholische Kirche immer kritisch begleitet hat.
Theis war fünf oder sechs Jahre alt, als er mit seiner Mutter durch das Dorf ging. Plötzlich hielt ein Auto an. Darin saß der damalige Rektor Enk – der den kleinen Konrad zu einer Rundfahrt einlud: „Es war das erste Mal, dass ich mit dem Kloster in Berührung kam.“

Fast 100-jährige Geschichte geht zu Ende

Vorfreude auf eigene Kirche war groß

In den 1920er-Jahren hatte die Ordensgemeinschaft, deren Mutterhaus sich damals noch in den Niederlanden befand, nach einem neuem Domizil gesucht. „Der aus Bruche stammende Pater August Zöller kam auf die Idee, im Siegerland Ausschau zu halten“, heißt es in einer Festschrift der Brucher Pfarrgemeinde. Dabei hatten die Missionare ursprünglich wohl auch über Elkenroth als Standort für ihr Kloster nachgedacht, doch das lag damals noch zu weit von der Bahn entfernt. Auch lag ein Angebot aus dem Imhäusertal vor. Es wurde schließlich das großzügige Grundstück der Hute-Gemeinschaft Bruche. In Eigenregie rodeten die Patres die Fläche. „Beim Bau selbst hat das ganze Dorf geholfen“, berichtet Theis, der sich dabei auf alte Haubergsbücher stützen kann. So groß war die Vorfreude, endlich eine eigene Kirche zu bekommen – gegen den Widerstand der Betzdorfer Pfarrei. Dechant Eberhardy veranlasste, dass die Kirchentür zugemauert wurde, doch die Patres ließen die Brucher durch den Hintereingang als „private Gäste“ hinein.

Obstbau und ausgedehnte Landwirtschaft

Aus den Unterlagen wird laut Theis ersichtlich, dass der Orden vom Hauberg allein 300 Eichen-Sämlinge gekauft hat. Am beeindruckendsten aber seien Hunderte von Obstbäumen gewesen. „Es war der beste Gärtner-Betrieb weit und breit“, ist der Brucher noch heute überzeugt. Bruder Bernhardin, ein aus Schlesien stammender Missionar, sei ein herausragender Gärtner gewesen. „Von ihm habe ich gelernt, die Bäume richtig zu schneiden.“
Neben dem Obstbau betrieb das Kloster eine ausgedehnte Landwirtschaft, kümmerte sich um Äcker und Felder und hielt Kühe, Schweine und Pferde. Kurzum: „Sie waren völlig autark.“

Vom Schreiner bis zum Buchdrucker

Darüber hinaus waren viele wichtige Handwerke vertreten – auch eine Folge davon, dass viele der Patres Spätberufene waren und erst noch einen weltlichen Beruf erlernt hatten – vom Schreiner bis zum Buchdrucker. Überhaupt ist die Geschichte des Klosters ganz eng mit dem Druck der ordenseigenen Zeitschrift „Der Sendbote“ verknüpft. Mit den Verkaufserlösen konnte über die Jahrzehnte die Ausbildung junger Missionare finanziert werden. Und in Bruche stand einst eine der modernsten Rotationsdruckmaschinen Europas, die dann aber von den Nazis beschlagnahmt wurde. Nur eine von etlichen Repressalien der braunen Machthaber (im Krieg war im Kloster ein Lazarett eingerichtet worden).
Theis erinnert sich, dass später der aus Siegen stammende Bruder Konstantin den Druck übernahm. Er habe nicht nur Maschinen, sondern auch viele externe Kunden mitgebracht. Zudem sei er er ausgezeichneter Bienenvater und Orgelspieler gewesen.

Spiritueller Einfluss war enorm

Das Kloster vermittelte jungen Bruchern aber natürlich nicht nur handwerkliche oder musikalische Fertigkeiten, der spirituelle Einfluss war ebenso enorm. Viele Jungen aus dem Oberkreis, ob nun aus Betzdorf, Herdorf oder Mudersbach, wurden in die Missionsschule des Ordens nach Oberhundem im Sauerland geschickt. Gerade der in den Kriegsjahren als Pfarrer wirkende Pater Dr. Josef Günster war für viele Vorbild. Auch für Konrad Theis war dieser Schritt 1949 eine Selbstverständlichkeit. Er hielt es aber gerade mal vier Monate in der „Ferne“ aus, zu groß war das Heimweh. Doch noch heute spricht er fast ehrfurchtsvoll von der Güte und Weisheit der dortigen Lehrer, die – selbst vom Krieg schwer gezeichnet – der Jugend eine neue Perspektive vermittelten. Die Adolfsburg brachte jedenfalls viele, viele kluge Köpfe hervor.

Kirche „Maria Königin“ 1967 geweiht

Wenn auch Theis letztlich dem Ruf der Eisenbahner und der Ingenieure folgte, so stellten sich viele Männer – und auch Frauen – in den Dienst der Kirche bzw. Orden. Unvergessen ist bis heute der aus Scheuerfeld stammende Gerhard Goebel, der 1954 den Missionaren von der Heiligen Familie beigetreten war und später im norwegischen Tromsø als „nördlichster Bischof der Welt“ berühmt wurde. Oder auch Dr. Hermann-Josef Burbach aus Betzdorf, der 1960 in den Orden eintrat. Der Musikwissenschaftler war lange Zeit Rundfunkbeauftragter des Erzbistums Köln und beim WDR für alle religiösen Sendungen verantwortlich.
Das Kloster selbst war nicht nur Ort der Gottesdienste, sondern auch Beichtgelegenheit. Von weit her seien die Menschen gekommen, um sich den Patres anzuvertrauen, erzählt Theis. Und natürlich war auch Weihnachten eine ganz besondere Zeit, wenn die Brüder ihre kunstvoll gefertigten Krippen zeigten.
Es gab nur ein Problem: Die Kapelle war viel zu klein. Der damalige Bischof Bernhard von Trier erlebte höchstpersönlich bei einer Visitation und Firmreise 1959 die drangvolle Enge, sodass die Erlaubnis zum Bau einer eigener Kirche gegeben wurde. Am 1. Oktober 1967 fand die Konsekration von „Maria Königin“ statt. „Es war keine Konkurrenz, sondern eine Entlastung“, stellt Theis aus Sicht des Ordens fest.
Seitdem ist viel passiert, das weltliche und das religiöse Leben sind andere geworden. Theis, inzwischen 84 Jahre, weiß die Vergangenheit sehr wohl zu schätzen, genauso wie er die Entwicklungen und Realitäten einordnen kann. Und so drückt sein abschließender Satz leider auch eine traurige Wahrheit aus – die da lautet: „Mit uns stirbt auch das Kloster.“

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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