Zum »Freundschaftspreis« ein Ritt auf dem Wüstenschiff

Teil II von Andreas Wevers Radreise ins nördliche Afrika/»Fest der gnädigen Reinigung« bringt den Radler in arge Nöte

sz Betzdorf. Am darauf folgenden Morgen setze ich nach stürmischer Überfahrt meinen Fuß zum ersten Mal auf diesen Kontinent. In der spanischen Enklave Ceuta, ein Relikt des Kolonialismus auf Marokkos Boden, decke ich mit Lebensmitteln und einer Flasche Whisky ein. Das Abenteuer kann beginnen. Besonders vor dem Norden wird wegen Ganoven und aggressiven Rauschgifthändlern im Reiseführer gewarnt. So verbringe ich meine erste Nacht auf afrikanischem Boden noch mit leicht mulmigem Gefühl im Zelt, abseits der Straße im Wald versteckt. Doch schon am nächsten Morgen weicht dieses Gefühl einer Neugier auf Land und Leute. Um diese Jahreszeit ist das Wetter sehr wechselhaft. Mal bei Sonne und mal bei Regen überwinde ich die Pässe des Rifgebirges und durchfahre weite Kiefernwälder.

Ein gastfreundlicher Schneider

Der Norden Marokkos ist richtig grün. In Quezzane, einem schmucken Städtchen in den Bergen, nimmt mich ein Schneider in sein bescheidenes Haus auf. Es erstaunte ihn sehr, dass ich mit dem Rad von Deutschland in sein Land komme und lud mir zu Ehren am Abend seine ganze Sippe und Nachbarschaft ein. Zum Abschied schenkt er mir einen selbst genähten Jellaba, jenes landestypische Gewand mit Kapuze der Einheimischen. Offensichtlich schenkt er meiner Funktionskleidung aus Fleece und Gore-Tex kein Vertrauen für kühle Nächte in den Bergen oder der Wüste.

Überhaupt erfahre ich herzliche Gastfreundschaft. Nicht selten wird mir von Spalier stehender Dorfbevölkerung Tee mit frischen Minzblättern gereicht. Das Wetter ändert sich radikal, sobald ich mich der »Stadt der 1000 Tore«, Meknes, nähere. Sonne satt bei hochsommerlichen Temperaturen bringen mich von nun an Tag für Tag ins Schwitzen. Die alte Königsstadt besteht wie jede größere Marokkanische Stadt aus einer Altstadt, der Medina, und einer, in der Kolonialzeit gegründeten Neustadt. Doch das wahre Leben spielt sich natürlich in der Medina ab, und nicht zuletzt finde ich dort auch die billigsten Unterkünfte. Und im Herzen einer jeden Medina befindet sich der Souk, ein unübersichtliches Gewirr aus Gassen mit Märkten und Läden. Hier lebt Tausendundeine Nacht wieder auf.

Ich vergesse alles beim Eintauchen in diese fremde Welt. Ein Gewimmel von Menschen. Ein Fleischer zerlegt soeben mittendrin einen Hammel, Gerüche verschiedenster Gewürze steigen mir in die Nase, Bettler bitten um Almosen, das Stimmengewirr tausender Menschen wird noch übertönt von Hammerschlägen eines Kupferschmieds und Marktschreiern, während es vor mir nicht mehr weitergeht. Ich stecke in einem Eselsstau! Nur die störrischen Grautiere sind in der Lage, Warennachschub in die Basare zu bringen. Man muss es einfach mal erlebt haben.

Hektisches Casablanca

Ganz anders Casablanca, meine nächste Station. Diese hektische Wirtschaftsmetropole gibt sich westlich. Bürotürme fressen sich in die Medina hinein. Ich besuche die 150000 Gläubige fassende Moschee Hassan II, die zweitgrößte der Welt und flüchte dann mit dem Bus nach Agadir, um von dort meine Tour fortzusetzen. Die durch Erdbeben komplett zerstörte Stadt mauserte sich zum schmucken Badeparadies. Gerade recht um meinen Geburtstag mit kühlem Gerstensaft an der Promenade zu feiern. Mein einziger Gast (immerhin eine Steigerung von 100 Prozent gegenüber meines einsamen Geburtstags in argentinischer Steppe im Vorjahr) ist Heike aus Schwaben. Sie wird mich die nächsten zwölf Tage über das Atlasgebirge nach Marrakech begleiten. Truckfahrer strecken uns ihre Hand mit erhobenen Daumen entgegen, als Respekt und Aufmunterung, während wir die Serpentinen zum 2100 Meter hohen Tizi-n-Test Pass hoch strampeln. Umgeben von bis zu 4000 Meter hohen Gipfeln genießen wir atemberaubende Ausblicke. Wir passieren kleine Lehmdörfer in herrlicher Gebirgslandschaft und erreichen nach rasanter Abfahrt bald Marrakech, die Stadt der Gaukler. Am Djemaa el-Fna, dem großen, berühmten und magischen Platz im Herzen der Stadt, finden wir eine günstige Unterkunft mit Dachterrasse.

Im Getümmel der Gaukler

Zuerst erleben wir bei untergehender Sonne den zauberhaften Wandel der »Seele Marrakechs«. Dann stürzen wir uns ins Getümmel der Gaukler und Geschichtenerzähler, der Affenbändiger und Schlangenbeschwörer, der Imbiss-Stände, Bettler und Touristen und Globetrottern aus aller Welt. Gnaouamusiker sorgen mit ihren Bongos und Eisenschellen für ohrenbetäubenden Lärm. Papageienbunt bekleidete Wasserverkäufer posieren eher fürs Foto als Dürste zu stillen. Für Heikes noch verbleibende Tage beschließen wir, uns hier ein Auto zu mieten und einen Abstecher zur Sahara, nahe der algerischen Grenze, zu unternehmen. Gesagt, getan, und nach einer zweitägigen rasanten Fahrt, die auch unseren Mietwagen an seine Belastungsgrenze bringt, erreichen wir die Sanddünen Merzougas.

Kamelritte werden vermittelt

Wie lässt sich der sandige Ozean am besten erkunden? Natürlich per Wüstenschiff! Doch die hier aufzutreiben, ist eine äußerst komplizierte Angelegenheit und erfordert starke Nerven. Kamelritte werden nicht einfach so angeboten, sondern werden vermittelt, weil viele daran mitverdienen möchten. Wie »beiläufig« erwähnt mal der Souvenirhändler oder der Teestallbesitzer oder, wie im unseren Fall, ein Anhalter, dass er dir zum »Freundschaftspreis« Kamele besorgt und schiebt gleich nach, dass es zur Zeit schwierig ist. Wer es glaubt! Denn zum einen wimmelt es hier von Kamelen, und außerdem sind nur sehr wenige Touristen vor Ort. Nach zähem Handeln und Feilschen entscheiden wir uns für ein Angebot, zwei Kamele mit Guide, und glauben uns in der Annahme, halbwegs ein Schnäppchen gemacht zu haben. Bis wir per Zufall alle vermeintlich konkurrierenden Kamelvermittler in fröhlicher Runde sitzend, antreffen. Aha, das Kamelkartell von Merzouga scheint neue Marketingstrategien zu entwickeln! Darin sind sie in der Tat sehr einfallsreich. Der Beduine, der uns mit seinen Kamelen letztendlich in die Wüste führt, steht am untersten Ende der Nahrungskette des Profits.

Am Nachmittag brechen wir auf. Den Chez, ein etwa 3 m langes Baumwolltuch, um den Kopf gewickelt und bekleidet mit meinem Jellaba, hoffe ich den nächsten Tagen Sand und Sonne trotzen zu können. Mit Spannung steigen wir auf unsere noch hockenden Kamele. Ready for Take off! Ohne Vorwarnung hebt sich zuerst das Hinterteil. Hups, ich falle dem Tier um den Hals, als es dann auch vorne in die Höhe schießt. Jetzt fühle ich mich wie Lawrence von Arabien, es kann losgehen!

Sandünen so weit das Auge reicht

Bei untergehender Sonne steuern wir unserem Ziel zu, ein Oasencamp für das Nachtlager am Fuße einer 100 m hohen Düne. Orangeschimmernde Sanddünen in jeder Richtung, so weit das Auge reicht. Es ist schon dunkel, als wir die Nomadenzelte, versteckt unter einigen Palmen, erreichen. Zum Absteigen ruft unser Kameltreiber etwas, was wie »Autsch« klingt, und schon geht das Kamel vorne in die Knie, das Hinterteil folgt. Letzteres schmerzt mir ein wenig, denn gut gefedert sind Kamele nicht gerade. Wir verbringen die Nacht unter einem phantastischen Sternenhimmel und lauschen den Gesängen der Touaregs.

Die Tage vergingen viel zu schnell, als wir bereits wieder auf dem Rückweg sind. Ich bringe Heike noch zum Flughafen nach Casablanca und schwinge mich in Marrakech wieder auf das Rad. In weiten Olivenhainen schütteln Bauern die Oliven mit langen Stöcken von den Ästen. Fliegende Händler lauern am Straßenrand und versuchen mir unermüdlich Versteinerungen, Töpfe und Teppiche anzudrehen. Ja sicher, ich habe ja genug Platz auf meinem Drahtesel! Dann durchfahre ich ein atemberaubendes Hochland im Atlas.

Mittlerweile hat das »Fest der gnädigen Reinigung« begonnen, Ramadan! Das bedeutet für mich fortan Engpässe bei der Getränke und Nahrungsversorgung tagsüber. Die meisten Läden in den Dörfern haben geschlossen. Erst wenn nach Sonnenuntergang die erlösende Sirene ertönt, erwacht auf den Straßen wieder das Leben und es wird gefeiert bis zum Morgen. Nach einigen Tagen erreiche ich meine letzte Station, Fes, die Stadt der Gerber und besuche dort deren Viertel. Noch einmal versinke ich in den Altstadtgassen von Fes el-Bali in scheinbar längst vergessene, orientalische Zeiten. Hier stehen die Gerber bis zu den Knien in rund gemauerten Becken, gefüllt mit einer roten, gelben oder braunen Brühe. Hartnäckige Schlepper versuchen dich in einen der zahllosen Läden zu lotsen, wo Lederartikel aller Art angepriesen werden. Lässt du dich ein, hast du schon fast verloren.

»Nähere Umgebung« kennengelernt

Von Ceuta verlasse ich Marokko und radle noch von Algeciras entlang der Costa del Sol nach Marbella. Bei noch mildem Badewetter regeneriere ich mich bei Enrique, einem weiteren Globetrotterkollegen. Von hier aus besuche ich die alte Maurenstadt Granada. Grandioser Blick vom Maurenviertel über die Festung Alhambra auf die schneebedeckte Sierra Nevada. Für mich ist es die schönste Stadt Spaniens. Obendrein gibt es leckere Tappas, die kleinen schmackhaften Beilagen, noch gratis zum Bier. Obwohl schon Ende November, ist es noch sommerlich mild an der Costa del Sol. Doch ich muss heim, denn die Arbeit ruft. 4700 km in knapp drei Monaten waren es diesmal im Sattel. Nach Asien, Amerika und Australien kenne ich nun auch die »nähere« Umgebung etwas besser.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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