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Thorsten Judt leistet sportliche Entwicklungsarbeit
Leuchtende Kinderaugen als Triebfeder

Sportlicher Entwicklungshelfer: Ex-Profi Thorsten Judt war als Instruktor der Football Club Social Alliance in Ruanda und im Libanon und bildete dort Fußball-Trainer aus.
  • Sportlicher Entwicklungshelfer: Ex-Profi Thorsten Judt war als Instruktor der Football Club Social Alliance in Ruanda und im Libanon und bildete dort Fußball-Trainer aus.
  • Foto: Bayer Leverkusen
  • hochgeladen von Uwe Bauschert (Redakteur)

ubau Wallmenroth. Der Untergrund ist lehmig und uneben, das Gewusel groß. Hunderte Kinder sind auf das freie Areal in dem Flüchtlingslager im Landesinneren von Ruanda gekommen. Ein Feld, das vielem ähnelt, nur nicht einem Fußballplatz, wie wir ihn hierzulande kennen. Die Jungen und Mädchen schert das nicht. Sie jagen der Kugel nach, dribbeln, steigen drüber, fallen hin, rappeln sich wieder auf. Die meisten haben keine Schuhe an, laufen Barfuß. Trotz aller Widrigkeiten haben sie vor allem eines: Spaß. Das Leuchten in den Augen der Kinder hat Thorsten Judt bis heute nicht vergessen.

ubau Wallmenroth. Der Untergrund ist lehmig und uneben, das Gewusel groß. Hunderte Kinder sind auf das freie Areal in dem Flüchtlingslager im Landesinneren von Ruanda gekommen. Ein Feld, das vielem ähnelt, nur nicht einem Fußballplatz, wie wir ihn hierzulande kennen. Die Jungen und Mädchen schert das nicht. Sie jagen der Kugel nach, dribbeln, steigen drüber, fallen hin, rappeln sich wieder auf. Die meisten haben keine Schuhe an, laufen Barfuß. Trotz aller Widrigkeiten haben sie vor allem eines: Spaß. Das Leuchten in den Augen der Kinder hat Thorsten Judt bis heute nicht vergessen. Der mittlerweile in Wallmenroth sesshaft gewordene frühere Fußball-Profi weilte vor einiger Zeit als Instruktor der Football Club Social Alliance (FCSA) in dem bitterarmen, ostafrikanischen Land, um dort sportliche Entwicklungshilfe zu leisten.
Bei der FCSA handelt es sich um ein Netzwerk europäischer Profi-Klubs, die sich gemeinsam sozial engagieren. Dazu zählen der FC Schalke 04, Werder Bremen, FSV Mainz 05, Austria Wien, der FC Basel und Bayer 04 Leverkusen, der Arbeitgeber von Thorsten Judt. Die FCSA führt internationale Projekte in Krisen- und ehemaligen Kriegsgebieten durch. Vor Ort bilden die Experten der Clubs engagierte junge Frauen und Männer gemeinsam mit lokalen Partnern zu Jugendtrainern und sozialen Vorbildern aus. Nach einer einjährigen Ausbildung erhalten die Absolventen ein Trainerzertifikat ausgehändigt.

"Man lernt Demut und Dankbarkeit neu zu schätzen"

Zum Abschluss des dritten und letzten Ausbildungsmoduls war Thorsten Judt eine Woche lang in Ruanda. Der 49-Jährige wurde durch seinen Job in der Abteilung „Fußballschule und soziales Engagement“ von Bayer 04 Leverkusen zum FCSA-Instruktor. Zunächst ging es für den „Werksklub“-Angestellten aus dem „AK-Land“ per Flugzeug in die Hauptstadt Kigali, danach mit dem Auto drei Stunden ins Landesinnere. Vorbei an Lehmhütten und anderen ärmlichen Behausungen. Vorbei an Kindern, die barfuß zur Schule oder zur nächsten Wasserstätte laufen mussten. Bilder, die sich ins Judts Gedächtnis einprägten. „Kigali ist noch recht europäisch angehaucht. Doch je weiter wir uns von dort entfernten, desto mehr fühlte man sich so, wie man sich das tiefste Afrika vorstellt“, erzählt Judt.
Während des Aufenthalts besuchten die FCSA-Instruktoren Flüchtlingslager, wo die Trainer-Azubis Einheiten für rund 200 Kinder durchführten. „Das war eine sehr intensive Erfahrung. Wenn man die Begebenheiten vor Ort und die Armut der Menschen sieht, lernt man Demut und Dankbarkeit neu zu schätzen.“

"Die Meisten hatten vorher noch nie einen Mensch mit weißer Haut in natura gesehen"

Noch heute bekommt er eine Gänsehaut, wenn er an die Begegnungen mit den Kindern denkt. „Als wir in einem Flüchtlingsdorf angekommen sind und ich aus dem Auto ausgestiegen bin, war das für sie wie eine Sensation. Die Meisten hatten vorher noch nie einen Mensch mit weißer Haut in natura gesehen. Ich war sofort umringt von 20 Kindern, die meine helle Haut anfassen wollten“, muss Judt noch heute schmunzeln, wenn er diese Begebenheit zum Besten gibt. „Und das Schöne war: Trotz der trostlosen Lebensumstände und der Armut haben die Kinder viel gelacht. Da geht einem das Herz auf“, sagt Judt. Die Hilfe der „weißen Männer“ sei dankend angenommen worden. „Es war schön zu sehen, wie man Menschen mit kleinen Dingen eine große Freude machen kann“, berichtet der Vater einer sieben- und einer sechsjährigen Tochter, der mit seinen Kollegen auf hoch motivierte und wissbegierige Teilnehmer traf. Letztlich bekamen 85 Frauen und Männer ein Zertifikat überreicht, das ihnen Kompetenzen als Jugendtrainer und Mentor bescheinigt. Sie sollen das Erlernte an andere junge Flüchtlinge in ihrem Camp weitergeben.

Schicksale vieler Teilnehmer in Beirut stimmen Judt nachdenklich

Ein halbes Jahr zuvor hatte Judt bereits im Libanon auf Trainerschulungs-Mission geweilt. Eine Woche lang war der Wallmenrother mit den Kollegen anderer Profiklubs in einem Hotel der Hauptstadt Beirut einquartiert. Auf einem Kunstrasenplatz, umringt von Hochhäusern der Millionenstadt, fanden die Trainingseinheiten statt. Unter den Teilnehmern waren Einheimische, aber auch Flüchtlinge aus dem Irak und aus Syrien.
Sie alle vereinte der Wille, von Judt und Co. zu lernen, wie man möglichst vielen Kindern das ABC des Fußballsports in organisierter Form beibringen kann. Judt: „Der Sport dient auch dazu, von Schicksalen abzulenken und Abwechslung in den meist grauen Alltag zu bringen.“ Das galt für die Erwachsenen im Lehrgang, aber auch für die Kinder, die einfach nur Spaß hatten, dem runden Leder hinterher zu
jagen.
Die Verständigung sei „mit Händen und Füßen, Dolmetschern und von uns Instruktoren komplett auf Englisch“ erfolgt, erzählt Judt, der mit seinen Kollegen eines Nachts noch flugs eine Power-Point-Präsentation in Englisch anfertigen musste, um den Wissensdurst der Teilnehmer zu stillen. „Alle waren froh und dankbar für unsere Unterstützung“, berichtet der Coach aus dem „AK-Land“, den die Schicksale vieler Teilnehmer nachdenklich stimmten.

"Sind permanent überwacht worden"

Unsicher habe er sich in dem von Unruhen gepeinigten Land während seines einwöchigen Aufenthalts nicht gefühlt. Einer seiner Vorgänger habe ihm berichtet, dass Vertreter der Hisbollah das Training mit dem Maschinengewehr im Anschlag beobachtet hätten. Ähnliche Erfahrungen musste Judt (glücklicherweise) nicht machen. „Ich habe erst im Nachgang erfahren, dass wir permanent überwacht worden sind. Manchmal ist es eben besser, wenn man nicht alles weiß“, lächelt Judt, der auch mit einigem zeitlichen Abstand noch „glücklich und dankbar“ dafür ist, dass er „bei so großartigen Projekten“ mitwirken durfte. „Das waren einschneidende Erlebnisse, die man so schnell nicht vergisst.“
Ob er ein weiteres Mal trainerspezifische Entwicklungsarbeit in einer Krisenregion leisten würde? „Wenn es familiär passt, dann wäre ich dabei“, antwortet Judt. Wohl auch deshalb, weil er das Leuchten in den Augen der Kinder bis heute nicht vergessen hat.

Autor:

Uwe Bauschert (Redakteur) aus Siegen

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