Der Henker kann warten

»Erotikomische Geschichten aus 1001 Nacht« im Heimhof

gmz Wasserscheide. »Mut, Phantasie und Intelligenz« haben den vom Rachegedanken besessenen König von Samarkand geheilt, wie die »Geschichten aus 1001 Nacht« zu berichten wissen. Mut, Phantasie und Intelligenz haben Geschichten erdacht, die so faszinierend sind, dass jeder Gedanke an reale Zerstörung verschwindet und man gebannt auf den Fortgang der Handlung wartet. Kommunikation – denn das ist eine Erzählung ja im weitesten Sinne – kann eben heilend sein, wenn es ihr gelingt, die Welt, manchmal sogar neu, zu gestalten.

Eines der bekanntesten literarischen Beispiele dafür ist die Erzählsammlung »1001 Nacht«, in der die schlaue Scheherazade dem König von Samarkand so geschickt die Geschichten präsentiert, dass er, um den Fortgang der Ereignisse zu erfahren, Scheherazades Hinrichtung wieder um eine Nacht verschieben muss. Die verschachtelten Erzählungen handeln vom »richtigen« Leben, vom Kampf um Recht und Gerechtigkeit, von den Schwierigkeiten der »Thron«- oder Erbfolge, von der Sehnsucht nach Anerkennung, vom Leid der sozialen Ungleichheit, von schlitzöhrigen Helden und von tapferen, von Helden wider Willen, von Geistern und Verbrechern, von Liebe und Abenteuern, von Verrat und Betrug, von Glück und Zufriedenheit (zumindest am Ende).

Am Freitagabend stellten Patrizia Barbuiani und Markus Zohner von der »Markus Zohner Theater Compagnie« im Heimhof-Theater »Erotikomische Geschichten aus 1001 Nacht« vor: Die beiden Sprecher ließen allein durch Wort, Mimik und Gestik, ohne eine einzige Requisite, Mustafa, den wieselflinken Schneider, lebendig werden, Abu Hasan, den etwas trotteligen, aber aufrechten Kaufmannssohn, oder den proletenhaften Buckligen mit der Gräte im Hals.

In sechs spannenden, komischen und anzüglichen Geschichten »sind« die beiden Erzähler die unterschiedlichsten Figuren: Ohne Hilfsmittel schlüpfen von einer Sekunde zur nächsten aus der Rolle der Kurtisane in die von Scheherazade oder aus der des furchtsamen Zain el-Asnâm in die des ebenso Furcht erregenden wie lenkbaren Königs von Samarkand, übernahmen, je nach Erfordernissen der Erzählungen, Männer- oder Frauenrollen und strukturierten die verschachtelten Erzählungen durch geschickte leitmotivische Gestik, die wieder erkennbar einzelnen Hauptfiguren zugeordnet war. Ein Glanzlicht dabei war sicher der alte Schach spielende und Pfeife paffende Besitzer des Freudenhauses!

Die beiden setzten bei den flott und schnell erzählten und gespielten Geschichten vor allem auf (manchmal übertriebene und nicht immer sehr differenzierte) Mimik, um Typen und Situationen darzustellen (der Bucklige war beispielsweise allzu unmotiviert, ungehobelt und debil), schnelle Szenengestaltungen und überraschende Wechsel. Doch auch Entwicklungen machten die beiden deutlich: Scheherazades eigentlich entsetzlicher, allmorgendlicher Hinwies auf den wartenden Henker wurde immer mehr zum Anlass für Schehrijâr, den König von Samarkand, sich als fast kindlich-ich-bezogener Herrscher zu entpuppen: »Der Henker kann warten – meine Geschichte nicht...«. Wie gut aber, dass er wenigstens zuhören konnte! – Das Publikum hörte jedenfalls begeistert zu – und wartet noch auf die Geschichte von Mustafa ...

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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