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Zwei Burbacher erinnern sich an den Kalten Krieg
Der vergessene Bunker

Klaus-Dieter Gläer (l.) und Arno Höfer kannten die Anlage auf der Lipper Höhe gut. Noch heute steht den beiden ehemaligen Soldaten die Zeit des Kalten Kriegs lebhaft vor Augen.
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  • Klaus-Dieter Gläer (l.) und Arno Höfer kannten die Anlage auf der Lipper Höhe gut. Noch heute steht den beiden ehemaligen Soldaten die Zeit des Kalten Kriegs lebhaft vor Augen.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

tile Lützeln. Dieser Vormarsch ließ sich nicht aufhalten. Vergessen und verwittert liegt der Bunker verborgen in einem Ring aus Laubbäumen 300 Meter nördlich der Start- und Landebahn des Siegerland-Flughafens. Der mit Moos- und Grünspan überzogene Betonklotz, der satteldachförmig aus der Erde ragt, ist ein Überrest einer vier Jahrzehnte währenden militärischen Epoche, die auch die Ortsgeschichte Burbachs prägte: des Kalten Kriegs. Klaus-Dieter Gläser und Arno Höfer stehen vor der aus den Angeln hängenden Tür. Sie erinnern sich gut daran, wie es vor rund 15 Jahren hier noch ausgesehen hat – bevor das Lidl-Logistikzentrum gebaut wurde und ehe die Natur das Territorium zurückeroberte.

tile Lützeln. Dieser Vormarsch ließ sich nicht aufhalten. Vergessen und verwittert liegt der Bunker verborgen in einem Ring aus Laubbäumen 300 Meter nördlich der Start- und Landebahn des Siegerland-Flughafens. Der mit Moos- und Grünspan überzogene Betonklotz, der satteldachförmig aus der Erde ragt, ist ein Überrest einer vier Jahrzehnte währenden militärischen Epoche, die auch die Ortsgeschichte Burbachs prägte: des Kalten Kriegs. Klaus-Dieter Gläser und Arno Höfer stehen vor der aus den Angeln hängenden Tür. Sie erinnern sich gut daran, wie es vor rund 15 Jahren hier noch ausgesehen hat – bevor das Lidl-Logistikzentrum gebaut wurde und ehe die Natur das Territorium zurückeroberte.

Batterie mit amerikanischem Waffensystem

Das gedrungene, fensterlose Bauwerk war Teil einer Raketen-Abschussstellung. Von 1969 bis 1988 gab es hier eine Batterie mit dem atomar bestückbaren amerikanischen Waffensystem MIM-14 Nike Hercules, benannt nach der griechischen Siegesgöttin und dem mythischen Helden. Insgesamt gab es 24 Batterien in Deutschland. Klaus-Dieter Gläser gehörte damals dem Flugabwehrraketenbataillon 22, kurz „FlaRakBtl 22“ an, zunächst als Fernmelder, später verantwortete er die Ausbildung zur Erdsicherung des Bataillons. Der Stabsfeldwebel a. D. hat die Ära des Lenkflugkörpers in Burbach komplett miterlebt, nachdem das Bataillon samt Stab nach neun Jahren vom Stegskopf in die neu gebaute Siegerlandkaserne auf der Lipper Höhe gezogen war.

Nike & Flugabwehrraketenbataillone In den Jahren 1959/60 beginnt die Luftwaffe mit der Ausbildung am amerikanischen Waffensystem Nike von der Douglas Aircraft Company, benannt nach der griechischen Siegesgöttin. Hercules löste damals den Vorgänger Ajax ab. Bis 1964 wurden 24 Batterien in Deutschland stationiert. Insgesamt wurden etwa 25 500 Lenkflugkörper produziert. Die Rakete war 11,82 Meter lang, wog 4,8 Tonnen und erreichte eine Geschwindigkeit von 3,4 mach (4073 km/h), die Reichweite wird mit 180 Kilometern angegeben. Sie konnte mit konventionellem Splittergefechts- oder nuklearen Sprengköpfen (Sprengkraft zwischen 2 und 40 Kilotonnen) für den Einsatz gegen feindliche Bomber-Pulks bestückt werden. 1985 verfügte die Luftwaffe über sechs Bataillone. Die benannt nach der griechischen Siegesgöttin (FlaRakBtl) 22 und 23 bildeten gemeinsam das FlaRak-Regiment 2. Die Personalstärke betrug in Friedenszeiten ca. 1700 Soldaten und im Verteidigungsfall ca. 2000 Soldaten.

"Alles war streng geheim"

„Es gab vier Abschussbereiche für jeweils drei Raketen, diese und weitere in Reserve lagerten in einer Halle direkt daneben. Bei Alarmierung haben wir sie in kürzester Zeit in Position gebracht“, sagt der heute 79-Jährige. Ihm kam damals eine Schlüsselrolle zu. Der Burbacher war einer von zwei Soldaten, die regelmäßig die neuesten Freigabecodes für die Raketen über verschlüsselte Frequenzen dechiffrierten und sie für die Eingabe in das System weitergaben. „Meistens haben wir nachts entschlüsselt. Alles war streng geheim.“

Burbacher unter besonderer Beobachtung

Wegen seiner erhöhten Sicherheitsfreigabe stand er unter besonderer Beobachtung des militärischen Abschirmdienstes (MAD). Ob wegen eines Jugoslawien-Urlaubs, der entfernten Tante „Mielchen“ in der damaligen DDR oder der privaten Finanzsituation nach einem Unfall – Klaus-Dieter Gläser musste die ein oder andere wenig angenehme Vernehmung erdulden.
In Burbach war die zweite von vier Nike-Batterien des FlaRakBtl 22 stationiert. Ob diese tatsächlich mit nuklearen oder „nur“ mit konventionellen Splittergefechtsköpfen ausgestattet war (wie beim Vorgängermodell Nike Ajax), weiß Klaus-Dieter Gläser bis heute nicht. „Die Bestückung und das Scharfmachen haben die Amerikaner unter höchster Geheimhaltung selbst übernommen, da hatten wir nichts mit zu tun.“ Klar aber sei gewesen, dass zwei der vier Standorte – neben Burbach waren dies das sauerländische Oedingen, Nutscheid bei Waldbröl und Marienheide nahe Gummersbach – über Batterien mit Atomsprengköpfen verfügten.

Ernstfall immer wieder simuliert

Die latente Bedrohung durch den Konflikt zwischen Nato und Warschauer Pakt in diesen Jahrzehnten spürte man auch und gerade im äußersten Zipfel Südwestfalens. Der Ernstfall wurde immer wieder simuliert. Dienste wurden wegen Übungen von 48 auf 72 Stunden verlängert, ohne dass die Familien zu Hause wussten, was los war. „Jede Übung, jede Überprüfung haben wir mehr als ernst genommen“, erinnert sich Klaus-Dieter Gläser. Die Stimmung damals macht er an einem Beispiel fest: Während eines Szenarios, bei dem ein feindlicher ABC-Bomber vermeintlich über den Stützpunkt flog, um ihn und die Umgebung anzugreifen, geriet ein junger Lützelner Soldat aus Sorge um seine Familie in Panik. Der Kommandeur brach daraufhin die Übung umgehend ab.

Abschied mit Tränen

Dennoch: „Ich möchte nicht einen Tag missen“, sagt der ehemalige Stabsfeldwebel, der gut vernetzt war und der auf Einladung der Gewerkschaft, namentlich von der damaligen Siegener DGB-Bezirks-Vorsitzenden Waltraud Steinhauer, sogar bei Lage-Besprechungen im Verteidigungsausschuss in Bonn saß. „Die Kameradschaft und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe – das war toll.“ Er und viele Kameraden des FlaRakBtl 22 haben beim letzten Appell am 7. April 1988 eine Träne verdrückt. Von Burbach aus wurde nie eine Nike-Rakete abgefeuert. Übungen mit scharfen Raketen und zum Flak-Luftzielschießen erfolgten auf dem internationalen Truppenübungsplatz auf Kreta.
Mit der Außerdienststellung endete die Nike-Ära, ein Jahr später zog das FlaRakBtl 38 mit seinen Hawk-Raketen aus Heide nach Burbach, außerdem wurde auf das Waffensystem Patriot umgerüstet. Den Umzug seines Bataillons nach Penzing (Bayern) machte Klaus-Dieter Gläser nicht mehr mit. Er blieb bis zu seiner Pensionierung 1993 in Burbach.

Hawk-Raketen bis 2005 weggeschaft

Der heute noch stehende Bunker konnte für die Hawk-Stellung nicht mehr genutzt werden, erklärt Arno Höfer, und war damals für das Abrisskommando schon nicht „zu knacken“ gewesen. Der Wahlbacher war von 1972 bis 1984 als Zeitsoldat in der Siegerlandkaserne stationiert und wechselte dann in die dortige Verwaltung, wo er bis 2007 die Auflösung der Einrichtung begleitete. Der Oberfeldwebel a. D. bekam ebenfalls mit, wie 2003 auch das FlaRakBt. 38 vom Einsatzauftrag in Burbach entbunden wurde und die letzten Hawk-Raketen bis 2005 weggeschafft wurden.
Die Nike-Stellung kannte Arno Höfer gut. Als Feuerlöschtruppführer der Siegerlandkaserne und stellv. Löschzugführer der Wahlbacher Feuerwehr hat er dort oft Übungen durchgeführt. „Die wurden von den Amerikanern akribisch dokumentiert.“ Er selbst hielt sie später als Feuerwehr-Diorama in Modellform fest.

Schlüssel heute im Rathaus Burbach

„Das Verhältnis zu den Soldaten war immer gut“, sagt der 69-Jährige, der 2007 den Schlüssel in der Kaserne herumdrehte. Den symbolischen Schlüssel der Einrichtung rettete er vor der Entsorgung. Er befindet sich nun im Burbacher Rathaus. Auch der Felsen, der seinerzeit vor den Toren der Siegerlandkaserne stand, erinnert nun vor dem Amtssitz des Bürgermeisters an die prägende Zeit der Bundeswehr in Burbach – ebenso wie der vergessene Bunker auf der Lipper Höhe.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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