Einblicke in das Seelenleben

Hesse-Lyrik und Flötenklänge im Heimhof-Theater

aww Wasserscheide. Sehnsucht, Melancholie, Schwermut gar kennzeichnen viele Werke Hermann Hesses. Das Programm »Und alle Zeit ward Gegenwart« gewährte am Samstagabend den Besucher/innen des Heimhof-Theaters Einblicke in das Seelenleben des großen Literaten. In Wasserscheide boten der Rezitator Prof. Dr. Claus Thomas, Hochschullehrer für Sprechwissenschaft und Rhetorik an der Universität Freiburg, und die Musikerin Ines Müller-Busch (Block- und Traversflöten) einen eindrucksvollen Querschnitt durch das lyrische Schaffen Hesses – vorgetragen in Text- und Klangsequenzen. Das Programm hatte das Duo anlässlich des Hesse-Gedenkjahres 2002 zusammengestellt: Der Dichter wurde vor 125 Jahren, am 2. Juli 1877, in Calw geboren, sein Todestag jährt sich am 9. August dieses Jahres zum 40. Male.

30 Gedichte Hermann Hesses, in einem Zeitraum von 70 Jahren von 1892 bis 1962 entstanden, brachte Claus Thomas mit, wobei sich die Vortragsfolge der literarischen Edelsteine an der Biografie ihres Schöpfers orientierte. So gedenkt der Autor in »Wende (1901)« der verschwundenen Jugend, erinnert sich in »Es wird dir sonderbar erscheinen« der Kindheit, beschreibt in einer zärtlichen Retrospektive (»Traum [1901]«) den heimischen Garten seiner Kinderzeit, wirft einen warmherzigen Blick zurück auf den »Schwarzwald«.

Dann spricht er von sich selbst als von einem Vagabunden (»Entschluss«), den das Fernweh treibt – und doch ist es immer wieder auch das »Heimwehland«, dem Hesses Gedanken sehnsüchtig nachhängen. Hoffnungslos klingen die Worte über den Wanderer, der auf seiner endlosen Reise doch nur im Kreis läuft und, »Dem Ziel entgegen«, dem Tod in die Augen blickt. Tieftraurige Worte findet Hesse für das Thema Einsamkeit in dem ergreifenden Gedicht »Im Nebel«.

Selten nur schufen sich hoffnungsfrohe Aspekte in der im Heimhof-Theater zu hörenden Gedichtauswahl Raum, wie etwa im abschließenden, schon fast versöhnlich klingenden »Mein Grablied« – doch das schrieb Hesse als junger Mann. Ganz anders dagegen das »Knarren eines geknickten Astes« – im Angesicht des Todes schwindet alle Hoffnung...

Die ausdrucksstarken Interpretationen von Claus Thomas ergänzte Ines Müller-Busch mit einer vielfältigen Musikauswahl, die mittelalterliche und fernöstliche Klänge ebenso beinhaltete wie Werke des Barock, der Romantik oder zeitgenössische Kompositionen. Von Hildegard von Bingen über Johann Sebastian Bach, Carl Philipp Emanuel Bach, Claude Debussy, Igor Strawinsky bis hin zu Karlheinz Stockhausen – um nur einige zu nennen – reichte das Spektrum der Tonsetzer, deren Werke die sensibel agierende Flötistin, meist als Zwischenspiele, zuweilen aber auch synchron zu den Text-Vorträgen, intonierte.

Die Zuhörer/innen belohnten das Duo für das ausgesprochen intensive Hör-Erlebnis mit herzlichem Applaus. Ein literarisch-musikalischer Abend, der gefangen nahm und emotional anrührte...

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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