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Uhrwerk wird von Hand umgestellt
In Burbach beginnt die Winterzeit sieben Stunden früher

Küster Michael Diehl muss einmal in der Woche Hand anlegen. Mit der Winde kurbelt er mit viel Muskelkraft die schweren Gegengewichte, die die beiden Zeiger der Turmuhr bewegen, rund zehn Meter unter das Dach des Glockenturms.
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  • Küster Michael Diehl muss einmal in der Woche Hand anlegen. Mit der Winde kurbelt er mit viel Muskelkraft die schweren Gegengewichte, die die beiden Zeiger der Turmuhr bewegen, rund zehn Meter unter das Dach des Glockenturms.
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

tile Burbach.  Es ist sicher Zufall, dass es 24 Stufen sind, die Michael Diehl ersteigen muss, um zu der hölzernen Verschalung zu gelangen, die an einen alten Einbauschrank erinnert. Symbolisch hätten es die Erbauer der schmalen, ausgetretenen Stiege nicht besser treffen können; denn hinter der alten Flügeltür verbirgt sich, was der Küster der ev. Kirche in Burbach hütet wie seinen Augapfel: das mechanische Räderwerk der Turmuhr. Seit 136 Jahren tickt sie verlässlich im Glockenturm und bewegt die beiden Zeiger des Ziffernblatts, das den Burbachern vom Römerberg aus anzeigt, welche der 24 Stunden es schlägt. Das beachtliche Pendel schwingt gemächlich, aber konstant hin und her und erfüllt den hohen Raum vernehmbar mit dem Pulsschlag der Zeit.

tile Burbach.  Es ist sicher Zufall, dass es 24 Stufen sind, die Michael Diehl ersteigen muss, um zu der hölzernen Verschalung zu gelangen, die an einen alten Einbauschrank erinnert. Symbolisch hätten es die Erbauer der schmalen, ausgetretenen Stiege nicht besser treffen können; denn hinter der alten Flügeltür verbirgt sich, was der Küster der ev. Kirche in Burbach hütet wie seinen Augapfel: das mechanische Räderwerk der Turmuhr. Seit 136 Jahren tickt sie verlässlich im Glockenturm und bewegt die beiden Zeiger des Ziffernblatts, das den Burbachern vom Römerberg aus anzeigt, welche der 24 Stunden es schlägt. Das beachtliche Pendel schwingt gemächlich, aber konstant hin und her und erfüllt den hohen Raum vernehmbar mit dem Pulsschlag der Zeit.

Turmuhr in Burbach wird von Hand aufgezogen

Das Besondere: Die Uhr ist eine der selten gewordenen Exemplare, die noch von Hand aufgezogen und gestellt werden. Einmal in der Woche greift Michael Diehl zur Kurbel, um das schwere Gewicht für den kleinen und das noch schwerere Gewicht für den großen Zeiger unter das Dach zu befördern. Hierbei ist buchstäblich Muskelkraft vonnöten. Obwohl die Drahtseile jeweils über einen Flaschenzug mit fünf Rollen laufen, muss der Küster die Winde mit beiden Händen bedienen und eine gehörige Portion Gewicht hineinlegen, um den zylindrischen Stein, der den großen Zeiger bewegt, gut zehn Meter in den Glockenturm hinaufzuziehen. Wie schwer die Gegengewichte genau sind, weiß der kräftige Mann nicht zu sagen, nur dass sie ihm ordentlich Arbeit machen.
Anschließend greift er zum handgeschmiedeten Schraubenschlüssel, löst eine dicke Mutter und dreht an einem kleineren der insgesamt 16 Zahnräder. Innerhalb einer Woche büßt die Uhr ihre Präzision ein. „Je nach Witterung geht sie eine bis eineinhalb Minuten nach“, erklärt Michael Diehl. Anhand einer Zeitscheibe, die die Position der Zeiger vor dem Ziffernblatt an der Außenfassade hier im Räderwerk anzeigt, korrigiert er die Uhrzeit. Bei größeren Abweichungen muss er die Pendelgeschwindigkeit nachjustieren, was aber nur selten der Fall ist.

Michael Diehl seit 2005 Küster in Burbach

Seitdem Michael Diehl im Oktober 2005 das Küsteramt übernommen hat, schlägt sein Herz für und im Gleichklang mit dem 1884 von der Firma J. F. Weule aus Bockenem (Harz) gefertigten Chronometer. Es ist bereits das dritte Uhrwerk, das in dem Gotteshaus aus dem 11. Jahrhundert (Neubau des Schiffs 1774-1776) eingebaut wurde. Damals ersetzte es eine Konstruktion der Firma Spies aus Siegen. Liebevoll nahm sich der gelernte Elektriker der Zahnräder, Lager und Wellen an, befreite sie von einer jahrzehntealten Ölschicht, polierte jede einzelne Mutter und Schraube, bis er sie nahezu in den Urzustand versetzt hatte. Lediglich die elektrische Steuerung für den stündlichen Glockenschlag und das tägliche Geläut um 11 und 19 Uhr wurden hinzugefügt – ausgelöst werden diese weiterhin mechanisch durch einen Nocken. Aus dem Weule-Museum organisierte er sich eine original Wartungs- und Pflegeanleitung, verwendete fortan nur noch harzfreies, hoch kältebeständiges Öl. „Es ist ein bisschen mein Schätzchen“, sagt der Küster versonnen.

Winterzeit beginnt in Burbach sieben Stunden früher

Seine Leidenschaft ist nicht von Amts wegen oder speist sich allein aus seinem technischen Grundinteresse. Michael Diehl verbindet mehr als das mit dem mechanischen Zeitmesser. „Ich habe auf dem Kirchhof das Fahrradfahren gelernt. Mein Elternhaus steht nur wenige Meter entfernt auf dem Römer“, verrät er. Schon als Siebenjähriger durfte er mit dem damaligen Küster Helmut Franz manchmal mit in den Glockenturm steigen und zusehen, wie er die Winde bediente. Liebevoll hegt und pflegt er nun das „Erbe“ seiner Amtsvorgänger. Die Uhr ist in tadellosem Zustand. Die letzte Reparatur durch einen Fachmann liegt über zehn Jahre zurück. Und das ist gut so, denn Ersatzteile zu finden, wäre wohl schwer, „unter Umständen müssten sie von Hand hergestellt werden“, mutmaßt der Küster, der auch zu Hause Spaß daran hat, an alten Uhren herumzuschrauben.
Am Samstagabend wird Michael Diehl wieder die 24 Stufen hinaufsteigen. Diesmal justiert er die Zeiger nach dem Hinaufkurbeln der Gewichte nicht nur um eine Minute, sondern stellt sie eine Stunde zurück. Aber nicht erst in der Nacht auf Sonntag um 3 Uhr, wie er augenzwinkernd verrät, sondern bereits gegen 20 Uhr. In Burbach beginnt die Winterzeit also sieben Stunden früher als andernorts.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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