Kerstin Cameron atmet neue Freiheit

»Wie ist das, wenn du nach Hause kommst?« / Ein Jahr unschuldig im Gefängnis von Arusha

Burbach. In dem finsteren tansanischen Knast hat sie es sich immer wieder ausgemalt und vorgestellt: Wie ist das, wenn du nach Hause kommst? Siehst du es überhaupt wieder? – Sie hat es wiedergesehen. Seit gestern Nachmittag ist sie zu Hause – »in meinem Burbach«: Kerstin Cameron (geborene Lößer), die über ein Jahr unschuldig im Gefängnis saß, weil ihr unter mysteriösen Umständen ein Kapitalverbrechen untergeschoben worden war (die SZ berichtete mehrfach) fühlt sich »wie neu geboren«. Sie atmet die Freiheit. Und: »Mein Kampf, den ich gegen einen furchtbaren und ungeheuerlichen Vorwurf führte, war letztlich erfolgreich. Ich bin reingewaschen von einer schrecklichen Unterstellung.«

Ihr war vorgeworfen worden, ihren Mann Cliff, einen rustikalen, alkoholkranken und finanziell ruinierten Buschpiloten, erschossen zu haben. Kerstin Cameron gestern Abend in einem Exklusiv-Interview mit der SZ: »Das Recht hat gesiegt.« Hat es, denn: Das Gericht in Arusha stellte eindeutig fest, dass sich Cliff Cameron, ein am Leben gescheiterter Neuseeländer, mit einer Revolverkugel selbst das Lebenslicht ausblies.

Ein zwangloses und überaus herzliches Treffen der Familie Lößer mit SZ-Redakteuren im renommierten Gasthof »Buchhellertal«. Kerstin Cameron liebt dieses Haus. Stürmische Glückwünsche vom Gastwirtsehepaar Erika und Bernd Ellmann. Man kennt sich seit Jahren. Champagner zum Empfang. Ein bisschen Glück nach der schweren Zeit zwischen Bangen und Hoffen.

Ein Meer von Briefen, Blumen warteten auf Kerstin Cameron in ihrem Elternhaus an der Heister. Wünsche von Freunden, Bekannten, aber auch von völlig fremden Menschen. Kerstin Cameron: »Ich bin überwältigt.« Der Frau fehlen die Worte.

Sie selbst, ihre Eltern – Helga und Gerold Lößer – sowie ihr Bruder Wolfgang: Anstrengung und Glück in den Gesichtern. Sie richten speziellen Dank an die Bundesregierung, die deutsche Botschaft und den Siegener Bundestagsabgeordneten Paul Breuer, »der sich enorm eingesetzt hat«. Kerstin Cameron: »Viele Freunde haben mir immer wieder Mut gemacht. Ich war oft ganz unten. Aber irgendwo gab es immer einen Flimmer Sonne. Ein Wort, eine Nachricht, eine Geste, eine schöne Erinnerung.« Überhaupt Erinnerungen. Im Gefängnis ist Kerstin Cameron »mein ganzes Leben begegnet«. Von der Kindheit bis zum fast zwölf Monate langen Hier und Jetzt – den Tagen unter Verschluss.

Die Liebe zu Afrika hat sie nicht verloren. Die zu Burbach auch nicht. Zur Zeit ist sie wohl irgendwo dazwischen. Eine starke Frau zwischen Freiheit, Gefühlen, Plänen: »Es ist alles noch etwas schwebend.« Eines weiß Kerstin Cameron jedoch genau: Gemeinsam mit UN-Anwälten und einer Journalistin will Kerstin Cameron einen Aktionskreis ins Leben rufen, der sich um humanen Strafvollzug unter der afrikanischen Sonne kümmern will. Die Anfänge sind gemacht. Kerstin Cameron: »In den Gefängnissen fehlt es an Matratzen, an Medizin, an Desinfektionsmitteln. Es ist schlimm dort. So hält man in Europa nicht einmal einen Hund.«

Sie ist in Burbach. »Ja«, sagt sie. Und das ist wie ein Aufatmen. Ein Jahr Gefängnis in Arusha. »Damit werde ich fertig«, sagt Kerstin. Ich habe für mein Recht gekämpft. Ich habe gewonnen.« Aber etwas anderes macht ihr zu schaffen: »Da ist die unbändige Wut. Die Wut auf die Leute, die sich mit der Selbsttötung ihres Familienangehörigen nicht abfinden konnten – so etwas als Schmach betrachten. Die mir ein so schreckliches Verbrechen andichteten. Es ist einfach unvorstellbar.« Das ist es.

Dieter Gerst/Kalle Schlabach

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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