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Samstag ist "Tag der Artenvielfalt"
Lebensraumschutz wird bitter benötigt

Das Braunkehlchen symbolisiert wie kaum eine zweite Vogelart in der Region die Bedrohung, der feuchte, extensiv bewirtschaftete Wiesen ausgesetzt sind. Sein Vorkommen auf der Lipper Höhe und im Wetterbachtal zählt zum letzten zahlenmäßig nennenswerten Bestand in ganz NRW. Sehr schön zu sehen sind auf diesem Foto auch die Blütenstände des Schlangen-Wiesenknöterichs, der Wirtspflanze des Ameisenbläulings, einem kleinen Falter, der es dem Braunkehlchen in puncto Seltenheit leider nachtut.
  • Das Braunkehlchen symbolisiert wie kaum eine zweite Vogelart in der Region die Bedrohung, der feuchte, extensiv bewirtschaftete Wiesen ausgesetzt sind. Sein Vorkommen auf der Lipper Höhe und im Wetterbachtal zählt zum letzten zahlenmäßig nennenswerten Bestand in ganz NRW. Sehr schön zu sehen sind auf diesem Foto auch die Blütenstände des Schlangen-Wiesenknöterichs, der Wirtspflanze des Ameisenbläulings, einem kleinen Falter, der es dem Braunkehlchen in puncto Seltenheit leider nachtut.
  • Foto: Daniel Montanus
  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

goeb Lippe/Waigandshain. Das Braunkehlchen hat sich rar gemacht bei uns, dabei war es früher im Siegerland ein Allerweltsvogel, der sich auf den mit Trollblumen und Sumpfblutauge üppig bewachsenen feuchten Wiesen wohl fühlte und reichlich Nachwuchs bekam, wenn er von der Reise aus dem Winterquartier zurückgekehrt war. Heute gibt es ihn nur noch sporadisch, auf kleinen Inseln im Wetterbachtal bei Holzhausen etwa, auf der Lipper Höhe im Raum Burbach oder im Westerwald rund um den Weiler Waigandshain.

Hoch steht das Gras, überall tirilieren die Singvögel in den satten Wiesen des Westerwalddörfchens. Dass am Samstag der internationale Tag der Artenvielfalt ist, wissen sie nicht.

goeb Lippe/Waigandshain. Das Braunkehlchen hat sich rar gemacht bei uns, dabei war es früher im Siegerland ein Allerweltsvogel, der sich auf den mit Trollblumen und Sumpfblutauge üppig bewachsenen feuchten Wiesen wohl fühlte und reichlich Nachwuchs bekam, wenn er von der Reise aus dem Winterquartier zurückgekehrt war. Heute gibt es ihn nur noch sporadisch, auf kleinen Inseln im Wetterbachtal bei Holzhausen etwa, auf der Lipper Höhe im Raum Burbach oder im Westerwald rund um den Weiler Waigandshain.

Hoch steht das Gras, überall tirilieren die Singvögel in den satten Wiesen des Westerwalddörfchens. Dass am Samstag der internationale Tag der Artenvielfalt ist, wissen sie nicht. Sie spulen ungefragt ihr biologisches Programm ab: Revier besetzen, singen und nochmals singen, Weibchen finden, paaren, Rivalen vertreiben, brüten, fressen und den Nachwuchs durchbringen. Sie wissen auch nicht, dass zu ihrem Schutz viel Geld fließt. Das Wiesenbrüter-Pilotprojekt in Waigandshain ist das größte und wichtigste zu Erhaltung der Vielfalt in Rheinland-Pfalz. Und das teuerste: Damit die Bauern auf ca. 220 Hektar naturschutzkonform wirtschaften, überweist ihnen das Land insgesamt zwischen 60 000 und 100 000 Euro als Kompensation für wirtschaftliche Ausfälle pro Jahr.

Frühe Mahd: erzwungen und problematisch

„Auf großen, maschinengerechten Agrarsteppen finden die Tiere nichts mehr“, fasst es Wolfgang Stock vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zusammen. Stock hält die Offenlandbereiche, also die Wiesen und Felder, für die bedrohtesten heimischen Lebensräume. „Feldlerche, Wiesenpieper und Braunkehlchen, das sind alles Bodenbrüter, die u. a. mit der frühen Mahd nicht zurechtkommen“, schildert Stock.

Landwirte können nicht anders, wollen sie überleben. Das Höfesterben, die Konzentration auf immer weniger, dafür immer größere Betriebe ist auch im Westerwald die Kehrseite der vermeintlichen Idylle. Auch dass Äcker und Wiesen maschinengerecht angelegt und trockengelegt werden, beklagt er. „Früher bildeten artenreiche Randstreifen, Feldgehölze und Hecken den Tieren Rückzugsorte. Heute gibt es das aus Gründen der Rationalisierung oft nicht mehr.“

Kein Vergleich zu Kindheitserinnerungen

Jürgen Höppner, Ortsbürgermeister von Waigandshain, verfolgt den Wiesenschutz seines Dorfes als biologischer Laie, wie er sagt. Letztes Jahr war sogar die Umweltministerin da. „Wir merken schon, dass es manche Leute interessiert. Da kommen öfter mal welche mit dem E-Bike und schauen durchs Fernglas.“

Höppner räumt ein, dass er ein Braunkehlchen nicht erkennen würde, hätte er es vor Augen. Das Wiesenschutzprojekt erinnert ihn gleichwohl an seine Kindheit. „Da wurde manchmal noch mit der Sense gemäht, es gab viele kleine Koppeln und Flurstücke, Misthaufen“, erzählt er. Er kann sich noch an die vielen Vögel erinnern, die ihre Nester am Boden bauten.

Bestand dramatisch geschrumpft

Mit dem Pilotprojekt Wiesenbrüterschutz im Westerwald hat Rheinland-Pfalz eine Vollbremsung hingelegt. In nur zehn Jahren war der Bestand der oben genannten Vogelarten um bis zu 75 Prozent eingebrochen. Hätte man so weiter gemacht, es gäb die Vögel jetzt wohl nicht mehr, wie im Gilsbachtal zwischen Wahlbach und gilsbach, wo der Burbacher Ornithologe Jürgen Sartor 1983 noch 15 Reviere kartierte und der Bestand heute quasi zum Erliegen gekommen ist.

Eine der Auflagen dort oben lautet: Bis 15. Juli darf nicht gemäht werden. Bis dahin haben die Arten erfolgreich gebrütet und ihre Jungen aufgezogen. Überall dort, wo man mit der Landwirtschaft entsprechende Verträge schließt, gönnt sich die Natur eine Verschnaufpause, atmet sozusagen durch. Trockenlegung von Wiesen, frühe Mahd, intensive Beweidung und Düngung sowie das Fehlen von wilden Blühstreifen um die Anbauflächen von Feldfrüchten herum bedeuten hingegen das sichere Aus für Vögel und Insekten, die früher Allerweltsarten gewesen sind.

Wenige Gewinner - und wie lange noch?

Nicht in allen Lebensräume läuft es so schlecht wie im Offenland. Auf die Frage, ob er denn auch Arten nennen könne, deren Bestand sich stabilisiert habe, nennt Stock den Kolkraben und sogar den Schwarzstorch. Der Wald hat trotz Borkenkäfer und Dürre etwas bessere Karten. „Die Siegerländer Haubergswirtschaft eröffnet auch den Waldschnepfen ein Auskommen“, hat Stock beobachtet. Noch ist das so.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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